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Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in München
- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 19.30 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –
Hallo zusammen.
Schön dass ihr alle da seid und mit uns den Tag der Erinnerung an Hiroshima und Nagasaki begeht.
Mein Name ist Josef Raab und ich bin Arzt und ebenfalls Mitglied bei der IPPNW, den Ärzten gegen Atomkrieg.
In meinem Redebeitrag möchte ich den Blick auf die gesellschaftliche Kontroverse lenken, die derzeit zu Krieg und Frieden unsere Gesellschaft spaltet, auf die Haltung, die es braucht, um Atombomben abzuwerfen, auf die Überheblichkeit, die es braucht, andere Menschen zu vernichten.
Erinnerung blickt zurück. Zunächst einmal zurück.
Was ist damals passiert, als das Wettrüsten um die Atombombe von Hitler-Deutschland längst verloren war und eigentlich Deutschland als Ziel ausgemacht war für den ersten Abwurf? Deutschland hatte am 8. Mai kapituliert, die Atombombe war jedoch erst zweieinhalb Monate später, Ende Juli fertiggestellt.
Auch der zweite große Kriegsschauplatz, der Krieg in Südostasien, war von Japan längst verloren. Dennoch wollte man, wollte das amerikanische Militär, die Bombe unbedingt in der Realität testen, nicht nur auf dem Testgelände.
Also erinnern wir uns, erinnern wir uns an das zynische militärische Machtkalkül, 150 000 Menschen in Hiroshima und weitere 75 000 in Nagasaki unmittelbar in Sekundenschnelle oder qualvoll über Wochen hinweg in den Tod zu schicken.
Heute stehen wir erneut vor einer gigantischen Aufrüstungswelle, atomare Nachrüstung eingeschlossen. Alles im Namen von Sicherheit und Freiheit.
Vor wenigen Tagen war unser christdemokratischer Aussenminister mit folgenden Worten zu hören: „Die Anwendung von Gegengewalt ist nicht nur völkerrechtlich, sondern auch ethisch gerechtfertigt. Denn die Alternative zur Gegengewalt sei Butscha.“ Solche markigen Worte kommen vom obersten Chef der deutschen Diplomatie.
Die evangelische Bischöfin und Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs wiederum dankte dem Aussenminister für soviel „Aufrichtigkeit, Klarheit und Empathie“ und hob seine Vorbildrolle als „Christenmensch in der Politik“ hervor.
Vor 100 Jahren - und auch das gehört zur Erinnerungskultur - war die deutsche Politik von einem ähnlichen Mythos beherrscht wie heute: man glaubte an die rettende Macht von Gewalt und Gegengewalt, an die erlösende und von allem Übel befreiende Gegengewalt. Moralisch wird Gegengewalt damit legitimiert, dass man sich für etwas Besseres hält als die Anderen. Schon damals wurde - wie heute wieder - die Rettung des Staates, die Rettung der deutschen Nation zum obersten Gut erklärt, nicht die Rettung der Menschen, die diesseits oder jenseits von Grenzen leben. Was für eine Hybris, als ob es Menschen erster und zweiter Klasse gäbe.
Was aus dieser Hybris folgte, ist hinlänglich bekannt. Auf den ersten Weltkrieg folgte 20 Jahre später der zweite Weltkrieg mit weiteren staatlich angeordneten Lügen, Täuschungen, Verdrehungen.
Erinnern wir uns: Die beiden Nationen Deutschland und Frankreich waren Erzfeinde, und heute? Ohne die deutsch-französische Aussöhnungspolitik von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer gäbe es heute keine Freundschaft zwischen den Völkern. Die Bausteine waren wirtschaftliche Zusammenarbeit, Jugendaustausch und Städtepartnerschaften, und diese kulturelle, wissenschaftliche und wirtschaftliche Kooperation wurde konsequent von beiden Seiten gefördert. Ohne diese Aussöhnung gäbe es auch kein gemeinsames europäisches Haus. So geht Friede! Eine über hundert Jahre währende Erbfeindschaft wurde beendet.
Symbolträchtig ist uns der Handschlag zwischen Francoise Mitterand und Helmut Kohl vor den Gräbern von Verdun in Erinnerung.
Und erinnern wir uns an die deutsche Ostpolitik von Willy Brandt und Egon Bahr, an diesen alles andere als einfachen Prozess der Annäherung nach Osten, an eine Politik der kleinen Schritte, die in einer Normalisierung der Beziehungen zu den ostdeutschen Nachbarn gipfelte: Verzicht auf Gewalt, Anerkennung bestehender Grenzen, Ende der Konfrontation und Abschottung. Bis zuletzt wurde diese Politik von der damaligen Opposition aus CDU und CSU torpediert. Doch gäbe es die deutsche Wiedervereinigung ohne den politischen Willen zu Annäherung und Völkerverständigung?
Wie erschreckend klingen deshalb die Worte der heutigen Bundesregierung, wenn erneut - wie vor 100 Jahren - Gegengewalt ethisch gerechtfertigt und die Werbetrommel für einen gerechten Krieg gerührt wird!
Doch zum Glück gibt es noch andere prominente Stimmen:
Kardinal Rainer Marx vom Erzbistum München-Freising sagte kürzlich: „"Glaubt man wirklich, dass bei einer immer größeren Aufrüstung aller Beteiligten die Welt sicherer wird? Da muss ich schon ziemlich weit danebenliegen, um das zu glauben. […] Am Ende geht es nur über Politik, Diplomatie, Verträge und Ausgleich. Anders wird kein Friede kommen.“
Aufrüstung erzeugt eine permanente Dynamik von Angst und Bedrohung, aber sicher keinen Frieden. Und um es noch einmal zu betonen, was macht den Unterschied in der Logik von Aussenminister Wadephul und Kardinal Marx? Der eine redet über die Sicherung der Macht einer Regierung, einer Nation, der andere hat die Sicherheit von Menschen im Blick. Das ist der entscheidende Unterschied, - - das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer Kriegslogik und einer Friedenslogik.
Auch wenn immer wieder erzählt wird, dass der nukleare Schirm unseren Frieden in Europa gesichert habe: dafür gibt es null Evidenz. Die Annäherungs- und Aussöhnungspolitik war entscheidend. Deren Bausteine sind auch heute noch die Bausteine zum Frieden, auch wenn sich niemand in der Regierung dies bei den aktuellen Konflikten eingestehen will.
Kommen wir zurück zu unserem Gedenken an die Opfer von Hiroshima und Nagasaki. Atomwaffen sind Massenvernichtungswaffen. Und sie werden durch KI noch zerstörerischer, denn KI ist auf Eskalation programmiert.
Eine demokratische Gesellschaft führt keinen Krieg, ist auch nicht kriegslüstern. Eine demokratische Gesellschaft gründet sich auch nicht auf Leichenbergen, wie dies bei einem atomaren Schlagabtausch der Fall wäre. Eine demokratische Gesellschaft ist stolz auf Meinungsvielfalt und inhaltliche Auseinandersetzung und beschimpft nicht Andersdenkende als Lumpenpazifisten oder ähnliches. Eine demokratische Gesellschaft nimmt die zivile Bevölkerung nicht als Blutzoll, weder im anderen noch im eigenen Land - doch so geschah es in Hiroshima und Nagasaki, so geschieht es in fast allen kriegerischen Auseinandersetzungen der Moderne.
Weil viele Länder dieser Welt nicht der Strategie von Stärke und Übermacht huldigen, wurde vor 5 Jahren international der Atomwaffenverbots-Vertrag beschlossen. Fast 100 Länder der Erde glauben an eine Politik der Kooperation, an eine Politik der gemeinsamen Sicherheit, an eine Politik des fairen Interessenausgleichs, so wie es Europa schon einmal unter De Gaulle und Adenauer, unter Willy Brandt, Helmut Kohl und Gorbatschow erlebt hat.
Eine Politik der kooperativen Sicherheit ist einer westlichen Demokratie würdig.
Ich schließe sinngemäß mit Worten von Papst Leo XIV. aus seiner jüngsten Enzyklika:
Eine Kultur der Macht, egal ob mit autonomen Waffensystemen, ob mit militärischer, wirtschaftlicher oder mit digitaler Überlegenheit, passt nicht zu einem Volke im Geiste Christi. Das päpstliche Wort distanziert sich eindeutig von der "Lehre vom gerechten Krieg" und bekennt sich zu ziviler Friedenslogik im Sinne der Charta der Vereinten Nationen: "Um Konflikte zu bewältigen, verfügt die Menschheit über Mittel, die weitaus wirksamer sind und geeigneter, das menschliche Leben zu fördern, wie zum Beispiel den Dialog, die Diplomatie und die Vergebung. Der Rückgriff auf Stärke, Gewalt und Waffen zeugt von einer Beziehungsarmut, die stets verheerende Folgen für die Zivilbevölkerung hat.“
Genau das ist auch die Botschaft von der Erinnerung an Hiroshima.
Vielen Dank.
Dr. Josef Raab ist Arzt und aktiv bei der IPPNW Regionalgruppe München.