Der Schwerpunkt der neuen Ausgabe des "FriedensForums" (Heft 4/2026) befasst sich mit alternativen Sicherheitskonzepten. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2026 in Kamen
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Friedensfreunde,
danke für die Einladung an das Friedensforum Kreis Unna und die Gemeinden und Städte des Kreises, die diesen Tag ausrichten. Danke an Sie alle, dass Sie hier sind.
Ich spreche heute als Aktiver des Kölner Friedensforum und will meine Rede unter das Motto “friedensfähig statt kriegstüchtig” stellen, denn es braucht unsere Köpfe und Herzen, unsere Empathie, unser Engagement für eine menschliche Welt, damit die Menschheit von der atomaren Bedrohung befreit wird.
Vor zwei Tagen mit meinen Eltern in Unna, wo mein Vater gerade in einer Pflegeeinrichtung ist, 1939 geboren und den zweiten Weltkrieg als Kind miterlebt hat. “Unser Stammhalter, ein strammer deutscher Soldat, ist angekommen”, so steht es auf seiner Geburtsurkunde - ausgestellt von einem Regime, dass die Atombombe wollte. Nicht vorzustellen, was das bedeutet hätte.
Wir sind an einem versteckten Gefallenendenkmal in Unna vorbeigekommen, das aus zwei Teilen besteht. Zwei Soldaten sind dort groß abgebildet:
Rückseite im Stein:
IM WELTKRIEGE 1914 -1918 FIELEN 489 TAPFERE SÖHNE DER STADT UNNA DEREN NAMEN IM GRUNDSTEIN NIEDERGELEGT SIND
Denkmal ist von 1935.
Hinter der Stehle:
Kupfertafel Seite, etliche Buchstaben abgefallen:
“Ihr Toten fordert den heiligen Schwur:
Allumfassende Menschenliebe sei der Pulsschlag im Weltgetriebe künftiger Zeit, dass auf ewigen Frieden, frohe Göttliche Güte die Menschheit durchlohe, reine Wege ins Licht ihr zu geben:
Heilig, heilig das Menschenleben!
Die Opfer der Kriege waren zuviel, darum:
Nie wieder Krieg sei der Menschheit heiliges Ziel.”
Die zwei Teile dieses Mahnmal könnten unterschiedlicher kaum sein. Sie stehen dafür, dass heute, im Zeitalter nuklearer Bewaffnung, zivilisationsentscheidend ist, welche Konsequenzen aus der Geschichte gezogen werden.
Das Menschenleben als höchstes Ziel für den Menschen, nie wieder Krieg - das war schon 1918, und erst recht 1945 die Konsequenz, die aus Krieg und Vernichtung weltweit von den Völkern gezogen worden ist. Liebe zum Menschen, ja, das heißt heute, dass der Frieden das höchste, wichtigste ist.
Das heißt aber auch: Die 489 Soldaten aus Unna fielen nicht, sie sind als Kanonenfutter in einen Krieg getrieben worden, in dem der Feind der Menschlichkeit, der Demokratie, der Bevölkerung im eigenen Land stand - nicht in Frankreich, nicht in Russland. Die Heroisierung des grausamen Massenmordens diente und dient dem Vorbereiten neuer Kriege. Dieses Denkmal ist 1935 erstellt worden.
Unglücklich ist nicht das Land, das keine Helden hat. Unglücklich ist das Land, das Helden nötig hat.
weglassen: (Mut heißt Nicht zu Schießen, nicht die Bereitschaft des Massensterbens und Massenmordens, sondern, Ja zum Leben zu sagen! Nicht Opfersinn, sondern Lust zu leben! Vorbilder, die wir heute brauchen, sind diejenigen, die Nein gesagt, haben, damals wie heute. Dafür stehen Deserteure und Kriegsdienstverweigerer, gerade diejenigen, die die Befehlskette unterbrochen haben, die einen nuklearen Krieg hätte auslösen können.)
Wenn heute wieder von “Kriegstüchtigkeit” gesprochen wird, wenn die Bereitschaft, andere zu bedrohen, und in letzter Konsequenz zu töten, als Dienst am Vaterland und Verteidigung der Demokratie verklärt wird, gilt heute eins: Sag Nein! Nie wieder Krieg!
Wir rufen von hier: Wir sind friedensfähig, nicht kriegstüchtig, wir drohen nicht und schrecken nicht ab, wir reichen die Hände! Das Leben zu gewinnen, wider die Logik des Krieges und gegenseitiger Vernichtung ist im nuklearen Zeitalter entscheidend für die Zivilisation. Damit sind wir, ist dieser Tag und dieses Gedenken Teil der humane Alternative von unten zur zynischen Politik von oben.
„Es gäbe genug Geld, genug Arbeit, genug zu essen, wenn wir die Reichtümer der Welt richtig verteilen würden, statt uns zu Sklaven starrer Wirtschaftsdoktrinen oder -tradition zu machen.
Vor allem aber dürfen wir nicht zulassen, dass unsere Gedanken und Bemühungen von konstruktiver Arbeit abgehalten und für die
Vorbereitung eines neuen Krieges missbraucht werden. [...]
Unsere Waffen seien Waffen des Geistes, nicht Panzer und Geschosse.
Was für eine Welt könnten wir bauen, wenn wir die Kräfte, die ein Krieg entfesselt, für den Aufbau einsetzten.“
Albert Einstein, „Für einen militanten Pazifismus“, 1932.
Diese Aufgabe, unsere Gedanken und Bemühungen nicht von konstruktiver Arbeit abhalten zu lassen, sie ist aktueller denn je. Denn die Überlegungen in Teilen der Politik, der Medien, des militärisch-industriellen Komplexes, die Gesellschaft auf Krieg einzuschwören, samt nuklearer Bewaffnung, sie sind konkret. Ich zitiere aus einer Veranstaltung der Konrad Adenauer Stiftung vom Juni diesen Jahres:
“Die Zukunft der Kriegsführung kreiste immer auch um die Frage der nuklearen Bewaffnung. Mit dem Ende der Rüstungsbegrenzungen zwischen den USA und Russland droht ein neuer Wettlauf um die Atombombe. Auch für Deutschland stellt sich die alte Frage erneut: Brauchen wir die Atombombe? Oder wäre eine europäische Nuklearoption besser?”
Die Option nuklearer Vernichtung in Kauf zu nehmen, ist die letzte Konsequenz von “Kriegstüchtigkeit” im nuklearen Zeitalter, die Umdeutung und Umkehrung aller menschlichen Werte: die Bevölkerungen sollen bereit sein, das Risiko der Vernichtung der Menschheit in Kauf zu nehmen und darunter zu leben. Am Ende der Kriegslogik steht das nichts. Nein zu Atomwaffen heißt Nein zur Logik der Zerstörung.
Eben deshalb ist es so entscheidend, dass es diese Initiative gibt, das über unterschiedliche Weltanschauungen hinweg, hier im Kreis Unna diese Veranstaltungen stattfinden, um Bündnis von Friedensbewegung, Zivilgesellschaft und Politik.
Fidel Castro, 2010: “Die Anwendung von Atomwaffen bei einem neuen Krieg würde das Ende der Menschheit bedeuten. So sah es der Wissenschaftler Albert Einstein voraus, der in der Lage war, deren Zerstörungskraft zu messen, die Millionen Grad Hitze erzeugt, die in einem weiten Umkreis alles vernichtet. Der geniale Forscher trieb die Entwicklung dieser Waffe voran, bevor das völkermörderische Naziregime über sie verfügt hätte.
Jegliche Regierung der Welt ist verpflichtet, das Recht auf Leben jeglicher Nation und der Gesamtheit aller Völker des Planeten zu achten.
Jetzt besteht eine imminente Gefahr eines Krieges unter Anwendung dieser Art Waffen und ich hege nicht den geringsten Zweifel, dass ein Angriff der Vereinigten Staaten und von Israel auf die Islamische Republik Iran unvermeidbar zu einem globalen Atomkrieg ausarten würde.
Den Völkern obliegt die Verpflichtung, von den politischen Führungskräften ihr Recht auf Leben zu fordern. Wenn das Leben der eigenen Gattung, des eigenen Volkes und der liebsten Angehörigen solche eine Gefahr laufen, kann sich niemand den Luxus leisten, gleichgültig zu bleiben oder auch nur eine Minute zu verlieren, um die Achtung dieses Rechts zu fordern. Morgen würde es zu spät sein. (...)
Bei einem Atomkrieg würde der Kolateralschaden das Leben der Menschheit sein.
Ich rufe alle dazu auf, den Mut zu haben, um zu verkünden, dass alle atomaren oder konventionellen Waffen, alles, was der Kriegführung dient, verschwinden müssen!”
Fidel Castro Ruz, 15. Oktober 2010. Einladung nach Bonn.
Alles, was zum Kriegführen dient, muss verschwinden!
Das ist die Aufgabe, vor der wir stehen, seit 1914 und erst recht seit 1945, seit der Befreiung von Krieg und Faschismus und dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.
Heute die nukleare Gefahr zu bannen, heißt auch alles tun für die Beendigung der Kriege, für Friedensfähigkeit, Abrüstung und Gerechtigkeit.
Während des Vernichtungskrieges gegen die Palästinenser ist mehrfach die Drohung atomarer Vernichtung ausgesprochen worden, von einem Minister und aus dem Parlament. Trump hat schon 2016 über den Einsatz von Atomwaffen schwadroniert.
Es spielt in der hiesigen Presse kaum eine Rolle, dass Der Krieg gegen den Iran von zwei Nuklearmächten geführt - von den USA und Israel. Im Herzen dieses Krieges ist die ungelöst Frage der Apratheid Israels über die Palästinenser und die Benutzung Israels als Brückenkopf westlicher Machtprojektion in die ganze Region.
Der einzige Staat, der Atomwaffen eigenständig entwickelt und wieder abgeschafft hat, ist Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Auch im Nahen Osten: Ein gerechter Frieden, der die Würde aller Menschen in dieser Region verwirklicht, wird auch einen Weg aus der nuklearen Gefahr bannen.
Jeder, der es sehen will, muss sehen, dass der Kriege in der Ukraine und jeder Schritt der Eskalation unweigerlich die Gefahr des Einsatzes von Nuklearwaffen erhöht.
Er weitet sich bereits jetzt aus zu einem Krieg gegen zivile Infrastruktur, in der Ukraine und zunehmend auch in Russland.
Auf allen Seiten brutalisiert der Krieg die Gesellschaften, in Russland, in der Ukraine, auch hier. Menschen in der Ukraine werden massenhaft in Busse gezerrt, das Recht auf Menschenwürde, Artikel 1 des Grundgesetzes, die zentrale Schlussfolgerung aus dem Faschismus, wird täglich angegriffen nicht mehr - Menschen werden entführt, misshandelt, bedroht, ihrer Freiheit, letztlich ihres Lebens beraubt, um in den Krieg gezwungen zu werden.
Das ist die Wahrheit.
Krieg und die nukleare Gefahr wird behoben, wenn die Ursachen behoben wird. Ursache ist der Mangel an Pazifismus, ist die weitgehende Abwicklung von Rüstungskontrolle und Abrüstung, der Entspannungs- und Abrüstungspolitik, samt der Zerstörung Nuklearwaffen, die von der Friedensbewegung, von Gorbatschow und dann vom Westen verwirklicht worden ist.
Eine Renaissance dieser Politik ist heute ohne Alternative für eine menschliche Zukunft. Es geht dabei zuallererst geht um das Lebensinteresse der Menschen in der Ukraine und in Russland, aber insbesondere auch in Gesamt Europa. Der Vorstoß kann und muss von Westeuropa ausgehen - es geht um gemeinsame Sicherheit und Entwicklung, ein inklusives Europa, das Russland wieder einschließt, das endlich wieder Raum für soziale Entwicklung, für lebendige Demokratie öffnet.
Die Abschaffung von circa 85 Prozent der weltweit existierenden Atomwaffen und die Vernichtung und das Verbot einer kompletten Waffengattung, von Mittelstreckenwaffen, die insbesondere die europäische Zivilisation bedroht haben, geht auf die Umkehrung der Spirale der Bedrohung, der Aufrüstung und der Eskalation in gegenseitiges Vertrauen, humanitäre Zusammenarbeit, Engagement für die Lösung der Menschheitsfragen, Klima, das Nord-Süd Verhältnis, etc. zurück. Nukleare Abrüstung war Konsequenz und Teil der Bemühungen für eine weltweit menschenwürdige Entwicklung, so kann und muss es auch heute gelingen.
Darum geht es, dafür braucht es unsere Kreativität, unsere Empathie, unseren Willen, zum Leben.
Der vielleicht entscheidendste Kampf, den wir zu führen haben, ist gegen den Frust.
Dieser Frust wird produziert, indem nahegelegt wird, die Geschichte sei zu Ende, und die Politik sei nur Sache der wenigen, nicht der vielen.
Das ist falsch. Kriege sind immer auch von “unten” beendet worden, mit weitreihenden Konsequenzen für eine wirklich menschliche, zivile Entwicklung der Gesellschaft. Und der Kampf gegen Atombomben steht dafür exemplarischen.
Kaum Wiederhall in der hiesigen Medienlandschaft hat gefunden, dass mittlerweile über 100 Länder Mitglied des Atomwaffenverbotsvertrags sind, damit über die Hälfte der Staaten. Zuletzt hat sich der kleine Inselstaat Tonga angeschlossen, betroffen von Atomwaffentest.
Über 1000 Städte sind Mitglied der Mayors for Peace, in denen fast ⅓ der Menschheit lebt.
In den USA haben die Städte der Mayors for Peace trotz und wider der Trump-Regierung eine Erklärung veröffentlicht, indem sie frontal die US-Politik kritisieren und einen grundsätzlichen politischen Kurswechsel fordern. Das hat Vorbildcharakter für hier!
Wir sollten uns immer wieder vergegenwärtigen: Wir stehen für den Willen der Mehrheit der Weltbevölkerung und für die Interessen der gesamten Menschheit, und wir haben eine Zukunft zu gewinnen, frei von Angst, in der der Mensch dem Mensch ein Helfer und eine Freude ist.
Wir brauchen uns! Für eine Welt ohne Atomwaffen, für eine Welt der Kooperation und des sozialen Fortschritt.
Das ist das Versprechen aus der Befreiung von Kolonialismus und Faschismus, das heute einzulösen ist. Wir stehen auf der Seite der Geschichte, die eine erfreuliche Zukunft zu gewinnen hat.
Für das Kölner Friedensforum lade ich alle ein und rufe auf:
Am 15. August feiern wir den 100 Geburtstag von Fidel Castro, den wir mit einer Kundgebung für internationale Solidarität und Frieden verbinden werden.
Von Gewerkschafts- und Friedensbewegung sind in der ganzen Republik Demonstrationen geplant, gegen Aufrüstung und Kürzungen, für soziale Entwicklung. Wir haben die Chance, Frieden und soziale Entwicklung zusammenzubringen!
Wir sehen uns hoffentlich am 1. September, dem Antikriegstag auf der Straße - gegen Nationalismus und Militarismus, für eine Welt des Friedens und der Freiheit!
Engagiert euch beim Friedensforum Kreis Unna, das diese so wichtige Kundgebung hier wieder auf den Weg gebracht hat!
„Der Friede ist das A und O aller menschenfreundlichen Tätigkeiten, aller Produktion, aller Künste, einschließlich der Kunst zu leben“
Bertolt Brecht.
Peter Förster ist aktiv beim Kölner Friedensforum.