Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 7. August 2026 in Köln

 

- Sperrfrist: 7.8. Redebeginn, ca 18 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

»Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.«

Das ist ein Zitat des Piloten und Autors Antoine de Saint-Exupery. Er stürzte im Juli 1944 mit seinem Flugzeug ins Mittelmeer. Die Atombomben-Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki erlebte er nicht mehr. Dennoch finde ich diese Worte sehr passend für den heutigen Tag. Denn wenn es um eine so existenzielle Bedrohung wie Atomwaffen geht, ist ein klarer Blick unverzichtbar!

Ich will Euch heute einladen, mit mir die Blickrichtung zu wechseln. Die deutsche Perspektive für einen Moment einzutauschen gegen eine globale.

195 Länder gibt es auf unserer Welt. 100 davon sind bereits dem UN-Atomwaffenverbotsvertrag beigetreten oder haben ihn unterzeichnet. Die Mehrheit der Regierungen und Parlamente auf diesem Planeten setzt sich für das Verbot aller Atomwaffen ein und hat sich selbst verpflichtet, niemals in irgendeiner Form Atomwaffen zu besitzen oder auch nur zu unterstützen.

Fast die gesamte Südhälfte unseres Planeten besteht aus völkerrechtlich verbrieften kernwaffenfreien Zonen. Die Antarktis, Afrika, Lateinamerika, der Südpazifik und große Teile Südost- und Zentralasiens. Und ja, auch die neuen Bundesländer in Deutschland sind gemäß dem 2+4-Vertrag eine solche atomwaffenfreie Zone.

Ich möchte euren Blick auf ein anderes Land lenken, das eine ganz eigene Perspektive hat: Südafrika! Mitte der 1970er-Jahre begann das Land ein geheimes Atomwaffenprogramm, das zur Entwicklung mehrerer einsatzfähiger Atombomben führte. Im Herbst 1989 entschied die Regierung jedoch, das Programm zu beenden und die Waffen zu vernichten. Heute ist Südafrika ein entschiedener Unterstützer des Atomwaffenverbotsvertrages (AVV). Das zeigt uns: Es ist möglich, Atomwaffen abzuschaffen und in Frieden zu leben!

»Um klar zu sehen, genügt oft ein Wechsel der Blickrichtung.«

Vor dreißig Jahren, am 8. Juli 1996, hat der Internationale Gerichtshof verkündet, dass die Drohung mit und der Einsatz von Atomwaffen grundsätzlich gegen die Regeln des humanitären Völkerrechts verstoßen. Außerdem betonte er, dass die Atomwaffenstaaten zur vollständigen nuklearen Abrüstung verpflichtet sind. Wir haben dieses wichtige Gutachten jetzt mit einem Offenen Brief gewürdigt und 55 prominente Persönlichkeiten aus Kultur, Wissenschaft, Politik, Kirche und Zivilgesellschaft als Erstunterzeichnende gewonnen.

Sie fordern mit uns von Bundesregierung und Bundestag: Setzen Sie sich entschieden für nukleare Rüstungskontrolle und die Stärkung des Völkerrechts ein. Unterstützen Sie die Ziele des Atomwaffenverbotsvertrages und bereiten Sie den deutschen Beitritt vor. Das Versprechen, Atomwaffen weltweit zu ächten und abzuschaffen, muss eingelöst werden!“
 

Liebe Freundinnen und Freunde,

Die Mehrheit der Länder der Welt will keine Atomwaffen! Das Völkerrecht fordert die Abrüstung aller Atomwaffen! Und dafür gibt es gute Gründe!

Wir gedenken heute der Opfer von Hiroshima und Nagasaki. Wir denken an das unmenschliche Grauen, das die Waffen gebracht haben. Wir versuchen die unfassbaren Zahlen zu begreifen. 200.000 Tote allein bis zum Ende des Jahres 1945. Und unzählige mehr, die bis heute an den Folgen leiden. Jede und jeder davon hatte eine Geschichte. Eine eigene Perspektive.

Sie waren Eltern, Kinder, Geschwister und Freunde. Die Worte der Überlebenden sind uns Mahnung und Auftrag zugleich: Nie wieder Hiroshima. Nie wieder Nagasaki!

Und das bringt meine Blickrichtung zurück zu uns. Hierher, nach Köln. Was können wir tun? Was können wir denn bewirken? Angesichts der Milliarden, die die Atomwaffenstaaten in ihre Arsenale pumpen? Angesichts der schwelenden Konflikte, der nuklearen Drohungen?

Ich will euch heute eine einzige Sache auf den Weg geben, die wir alle tun können. Sie mag klein wirken, aber sie ist höchst bedeutsam.
Wann immer jemand versucht, Atomwaffen zu legitimieren. Wenn es wieder heißt, die sogenannte Abschreckung mit Massenvernichtungswaffen sei zu unserem Schutz notwendig. Wenn die Drohung, ein ganzes Volk auszulöschen, nicht einmal mehr zu Empörung führt. Wenn gesagt wird, Deutschland brauche jetzt nun mal leider auch eigene Atomwaffen. Ganz gleich, ob es der Bundeskanzler ist oder eine Zeitungsredakteurin, der Nachbar oder die Tante.

Wann immer ihr solche Aussagen hört: Widersprecht! Macht deutlich, dass der vermeintliche Schutz durch Atomwaffen nicht normal, sondern eine Minderheitsmeinung ist. Dass alle, die von Abschreckung sprechen, in Wirklichkeit die Bereitschaft meinen, Millionen von Menschenleben mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen. Wer klar sieht, muss erkennen: Echte Sicherheit ist erst dann möglich, wenn alle Atomwaffen geächtet und vernichtet sind. Lasst uns den klaren Blick bewahren und ihn mit aller Deutlichkeit nach außen vertreten.

Dann wird es ihnen nicht gelingen, ihr Festhalten an diesen unmenschlichen Waffen zu legitimieren!

Ich danke Euch.

 

Simon Bödecker ist Projektleitung der Öffentlichkeitsarbeit und Referent für atomare Abrüstung bei Ohne Rüstung Leben (ORL) in Stuttgart.