Redebeitrag für den Ostermarsch Goslar am 4. April 2026

 

- Sperrfrist: 4. April, Redebeginn: ca. 11 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort -

 

Liebe Friedensfreundinnen und -freunde,

lasst mich zu Beginn etwas klarstellen: Das Friedensbündnis Goslar verurteilt jeden völkerrechtswidrigen Angriff, in der Ukraine, im Iran und anderswo. Wir stehen auf der Seite des Völkerrechts, welches auf den Trümmern zweier Weltkriege entstanden ist. Wir wollen Kriegsursachen verstehen, Kriege vermeiden und Kriege beenden. Unser Ziel ist die friedliche Koexistenz der Staaten, nicht die künstliche Schaffung von immerwährenden Feinden!

Aktuell steht die Friedenstaube jedoch aus allen Richtungen unter Beschuss. Globale Spannungen verschärfen sich und entladen sich militärisch oder in wirtschaftlicher Erpressung. Diplomatie wird diskreditiert, das Völkerrecht geschliffen. Die Stärke des Rechts ist zum Recht des Stärkeren verkommen. Massive Aufrüstung und konfrontative Rhetorik machen die Erfolge der Entspannungs- und Friedenspolitik von Willy Brandt und Egon Bahr zunichte. Sozialabbau und Einschränkungen demokratischer Rechte, z.B. der freien Rede begleiten diese Entwicklung. Ein Klima der bewussten Einschüchterung regierungskritischer Stimmen gerade aus der Friedensbewegung greift um sich. Kritikern des fatalen Kriegskurses werden europaweit und auch in Deutschland die Lebensgrundlagen entzogen. Beschimpfungen als „Lumpenpazifisten“, „Gefallene Engel“, „Putin-Versteher“, „weltfremd“ und „feige“ sind DAGEGEN harmlos.

Wäre es aber mutig, wenn jemand markige Sprüche klopfen würde, wie „Frieden gibt‘s auf jedem Friedhof“, „Ich habe keine Angst vor einem Atomkrieg“ oder „Das ist die Drecksarbeit, die andere für uns erledigen“? Nein, natürlich nicht. Das wäre leichtfertig und verantwortungslos nach dem Motto „Lass doch andere sterben, ich bin sowieso in Sicherheit und nicht betroffen!“. So jemandem dürften wir NICHT die Zukunft unserer Kinder anvertrauen!

Deshalb braucht es MUT ZUM FRIEDEN! Mut braucht es, sich den Bedrohungserzählungen entgegenzustemmen. Mut braucht es, der Kriegstüchtigkeitspropaganda zu widersprechen. Mut braucht es, um Kriege zu vermeiden und zu beenden.

Mut zum Frieden fängt im Kleinen an, bei dem, was jeder von uns täglich tun kann:

MUTPROBE 1: NIEMALS AUFHÖREN; FRAGEN ZU STELLEN!

Wenn wieder einmal in einer beliebigen Talkshow die Feststellung erfolgt, dass der „Russe“ in wenigen Jahren vor dem Brandenburger Tor stehen wird - strittig scheint nur noch das genaue Datum zu sein - , dann müssen wir fragen: Wo sind Fakten und Belege? Sind Zitate aus dem Zusammenhang gerissen worden? Hat man „Warnungen“ mit „Drohungen“ verwechselt? Welche wirtschaftlichen Interessen gibt es hier? Vor allem: welches Motiv hätte Russland, sich militärisch mit Deutschland, einem NATO-Staat anzulegen?

Wir müssen verstehen, dass Menschen all den Zumutungen der Kriegstüchtigkeit, der Kriegswirtschaft und der Zerstörung des Sozialstaates nur zustimmen, wenn sie ANGST haben. Wenn deutlich wird, dass die ganze Bedrohungserzählung nur diesem Zweck dient und auf Missdeutungen und Gerüchten beruht, dann dürfte das Kartenhaus derer, die einen Krieg geradezu herbeireden, unvermeidlich in sich zusammenfallen.

MUTPROBE 2: SAGEN, WAS IST, AUCH WENN ES WEH TUT!

Ich liebe jüdische Menschen, ihren Intellekt, ihren feinen Humor, die jüdische Kultur, die Musik, das Essen! Darf mich das davon abhalten, die Regierungspolitik Israels – die nach hiesigen Maßstäben weit rechts der AfD steht – zu kritisieren? Zehntausende tote Kinder und Frauen sind keine „Kollateralschäden“ und moralisch nicht durch einen brutalen terroristischen Anschlag zu rechtfertigen. Hier geht es ganz offenbar um Rache, um Vertreibung und Vernichtung. Statt beschönigender Rhetorik und Waffenlieferungen läge es doch gerade in der historischen Verantwortung Deutschlands, einem Freund in den Arm zu fallen, wenn er unzweifelhaft Verbrechen gegen die Menschlichkeit begeht.

MUTPROBE 3: FEINDBILDER HINTERFRAGEN!

„Selbst wenn wir es nicht gerne hören: Auch den nächsten Krieg wird man uns ohne jeden Zweifel als ‚Aggression‘ des Gegners verkaufen, als Kampf zwischen Gut und Böse schmackhaft machen, den Führer des feindlichen Lagers als teuflische Fratze verunglimpfen.“… so die belgische Geschichtsprofessorin Anne Morelli 2014. Jeder von uns weiß, dass das Leben weder schwarz noch weiß ist, dass Menschen nicht einfach gut oder böse sind, sondern dass es viele Grautöne und Facetten gibt. Je dämonischer der Gegner oder Feind gezeichnet wird, umso wahrscheinlicher, dass dieses Feindbild künstlich geschürt ist.

Vor 2 Jahren forderte der verstorbene Papst Franziskus den „Mut zur Weißen Fahne“ in der Ukraine. „Schämt Euch nicht, zu verhandeln. Verhandlungen sind nie eine Kapitulation. Es ist der Mut, das Land nicht in den Selbstmord zu treiben“, so fuhr er fort. Es ging ihm um den schmalen Grat des Übergangs von der Gesinnung zur Verantwortung. Hier braucht es Mut, sich den negativen Folgen der in guter Absicht erfolgten eigenen Handlungen zu stellen. Es braucht Mut, zu erkennen, dass es unvernünftig wäre, weiterzukämpfen, obwohl man sich doch im Recht sieht. Der Friedensimpuls des damaligen Papstes wurde leider umgehend in einem polit-medialen „Shitstorm“ entsorgt. Traurige Tatsache ist, dass seitdem hunderttausende junge Menschen gestorben sind, ohne irgendeinen Vorteil für die Ukraine erringen zu können.

Noch etwas anderes erfordert Mut: Dem anderen ins Auge zu sehen. Jeder nachhaltige Frieden kann nur auf Augenhöhe verhandelt werden. Jeder Diktatfrieden, jeder Waffenstillstand ohne gleichzeitige Verhandlungen über dauerhafte Lösungen bereitet nur den Boden für einen nächsten Krieg. Auch wenn es nicht jeder gerne hören möchte: „Auf Augenhöhe verhandeln“ heißt, die Sicherheitsinteressen und die Würde des jeweiligen Gegenübers zu respektieren. Ohne die Anerkennung russischer Sicherheitsinteressen wird es keine Sicherheitsgarantien für die Ukraine geben können. Ohne die Lösung der Palästinafrage und die gegenseitige Anerkennung iranischer sowie israelischer Sicherheitsinteressen wird es keinen dauerhaften Frieden in Westasien geben.

Gibt es denn überhaupt ein positives MUT-Beispiel, an dem wir uns politisch orientieren könnten? Aber sicher: Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez macht es vor. Im Gaza-Krieg kritisiert Spanien offen die israelische Kriegsführung und unterstützt die Anerkennung Palästinas. Sánchez gehört zu den schärfsten Kritikern der US-Israelischen Militäraktion gegen den Iran. Ganz konkret bedeutet dies: Verweigerung der Nutzung US-spanischer Militärbasen und Sperrung des Luftraums für US-Militärflüge. Sánchez zeigt: Es ist tatsächlich möglich, mutig, selbstbewusst und mit geradem Rücken zu stehen…leider nicht in Deutschland! Mein Traum an dieser Stelle: Schließung der US Air Base Ramstein, den Dreh- und Angelpunkt der Kriegsführung eines durchgeknallten Imperiums.

Die gute Zukunft ganz Europas liegt unserer Überzeugung nach in einer Friedens- und Sicherheitsordnung, die Russland einbezieht. „Frieden in Europa wird es nicht GEGEN, sondern nur MIT Russland geben.“ Diese Erkenntnis zieht sich durch die vergangenen Jahrzehnte und ist auch heute gültig! DAUERHAFTE friedliche Koexistenz zwischen den Staaten kann es nur durch einen funktionierenden Interessensausgleich, durch Abrüstung sowie durch Nichtangriffs- und Rüstungskontrollverträge geben. Diplomatie als Kunst des Verhandelns ist nicht das Problem, sondern die Lösung!

  • WIR SAGEN DESHALB NEIN zur Wehrpflicht und Bundeswehrpropaganda an Schulen!
  • Wir sagen NEIN zur Militarisierung im Gesundheitswesen und an den Universitäten!
  • Wir sagen NEIN zu Einschränkungen der Meinungs- und Informationsfreiheit!
  • Und wir sagen: WEG mit Feindbildern!
  • WIR FORDERN stattdessen die Umsetzung des Friedensgebots des Grundgesetzes!
  • Wir fordern Verhandlungen zur Abrüstung aller Mittelstreckenwaffen in Europa und keine zusätzlichen Stationierungen!
  • Wir fordern Milliarden fürs Leben statt für den Tod! Wir wollen keine Hochrüstung und „totes Metall“, sondern Zukunftssicherung durch massive Investitionen in Bildung, Gesundheit, Soziales, Infrastruktur sowie Umwelt- und Naturschutz!

Abschließen möchte ich mit einem Gedanken des großen deutschen Lyrikers…ach nein, des sogenannten „Poptitans“ Dieter Bohlen… die Älteren werden sich erinnern (Ich habe ehrlicherweise niemals gedacht, dass ich einmal Bohlen auf einem Ostermarsch zitieren würde): Er schwört in einem aktuellen Interview: «Keines meiner Kinder wird jemals in irgendeinen Krieg ziehen». Bohlen geißelt die Verwandlung deutscher Industriegiganten in eine «Kriegsindustrie» und findet es ethisch zutiefst fragwürdig, mit Panzerbau und Drohnen Geld zu verdienen. Neutralität ist für ihn die logische Antwort eines «radikalen Pazifisten» auf eine Welt, die nur noch «Krieg, Krieg, Krieg» kennt. Sein Rat an Deutschland ist so schlicht wie brillant: Kleinere Brötchen backen … und wieder lernen, mit JEDEM ZU REDEN, statt JEDEN ZU BELEHREN.

In diesem Sinne demonstrieren wir für eine friedensfähige statt kriegstüchtige Gesellschaft!

Vielen Dank!  … und Mut zum Frieden!

 

Gerhard Stein ist aktiv beim Friedensbündnis Goslar.