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Entstehung und Abflachung der Konfrontation des Kalten Krieges 1945-1962
Der Weg zu ersten Rüstungsbegrenzungsabkommen
vonNach dem Schrecken des Zweiten Weltkrieges schien eine neue friedliche Weltordnung greifbar. Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 unterzeichneten die Vertreter der Großen Drei, USA, Sowjetunion und Großbritannien eine „Erklärung über das befreite Europa“, das sie in den nächsten Jahren gemeinsam wiederaufbauen wollten. Zugleich beschlossen sie als dauerhaften Kern der Ordnung eine Organisation, die „Vereinten Nationen“. In deren im Juni 1945 verabschiedeten Charta vereinbarten sie im ersten Satz als zentrales Ziel, „den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren und zu diesem Zweck wirksame Kollektivmaßnahmen zu treffen, um Bedrohungen des Friedens zu verhüten und zu beseitigen, Angriffshandlungen und andere Friedensbrüche zu unterdrücken und internationale Streitigkeiten oder Situationen, die zu einem Friedensbruch führen könnten, durch friedliche Mittel nach den Grundsätzen der Gerechtigkeit und des Völkerrechts zu bereinigen oder beizulegen“.
Gewiss trennten bereits damals unterschiedliche Ideologien die Staaten, westliche Demokratie und kommunistisches Gesellschaftsverständnis, aber diese Unterschiede waren bekannt und sollten die Gemeinsamkeit nicht beeinträchtigen. Erstes Befremden löste die Einstellung aller US-Hilfslieferungen an die Sowjetunion (Leih-Pacht-Abkommen) am Tag der deutschen Kapitulation, dem 8. Mai aus; gewiss: Das war der amerikanischen Gesetzeslage geschuldet. Aber die schwer von Kriegszerstörungen getroffene Sowjetunion brauchte dringend Aufbauhilfen. Zuvor war man sich grundsätzlich einig geworden, dass die Hälfte aller deutschen Reparationen an Moskau gehen sollte, wenn auch nicht über die genaue Höhe. Mit der Befreiung Europas begann jedoch die Sowjetunion, unkontrolliert diese Reparationen u.a. durch Demontagen einzutreiben. In Deutschland konnten sich die Siegermächte nicht auf ein einheitliches Vorgehen einigen, sodass jede Seite sich aus ihrer Zone bedienen sollte, die Sowjetunion aber auch aus den Westzonen Mittel erhalten sollte. Darüber gerieten die Mächte in Konflikte. Die Westmächte sahen sich verpflichtet, die Reparationen zu begrenzen, um der notleidenden Bevölkerung kurzfristig zu helfen und damit auch langfristig einen Wiederaufbau zu ermöglichen. Das führte zur offenen Konfrontation, zur Blockade Berlins durch die Sowjetunion 1948/49. Letztlich war kein anderer Einzelkonflikt so wichtig wie dieser, der 1949 zur Gründung zweier separater Staaten, BRD und DDR führte.
Beginn des Wettrüstens
Das Kriegsende in Asien wurde durch den Abwurf von zwei US-Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 sinnfällig beschleunigt. Im Bewusstsein der zerstörerischen Wirkungen dieser neuen Waffe unternahm man es 1946 im Rahmen der UNO, alle Atomwaffen zu ächten und zugleich die zivile Technik allen Nationen zur Verfügung zu stellen und dieses dann international zu überwachen. An der Frage der Überwachung, auch der Sowjetunion, scheiterte dieser US-amerikanische Plan; der Wettlauf zur Konstruktion einer nationalen Bombe war eröffnet und erreichte mit der ersten sowjetischen (und dann auch einer britischen) Nuklearbombe 1949 einen ersten Höhepunkt im nun schon voll entbrannten Kalten Krieg. Er bestimmte trotz zahlreicher weiterer Versuche, diese „letzte Waffe“ zu begrenzen, zu keinem Erfolg: Das nukleare Wettrüsten bestimmte den Ost-West-Konflikt seither nachhaltig.
Die Frage des internationalen Umgangs mit Kernenergie war nicht die erste Bewährungsprobe für die Vereinten Nationen. Großbritannien und die Sowjetunion hatten sich 1941 geeinigt, zur Erleichterung der materiellen Hilfslieferungen an die Sowjetunion über den Iran (andere Lieferrouten gab es über das Polarmeer und Ostasien) diesen Staat zu besetzen. Im August 1945 einigten sich die Mächte noch einmal auf einen Abzug aller alliierter Truppen bis März 1946. Die Sowjetunion schien dies jedoch zu unterlaufen, indem sie im Nordosten des Irans als anscheinend dauerhafte Präsenz eine ihr freundliche Regierung installierte. Strategische Interessen an den Ölvorkommen spielten hier die entscheidende Rolle. Eine westlich eingebrachte erste Resolution des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen vom 30. Januar 1946 forderte die iranischen Streitparteien zur Beilegung ihrer Konflikte auf, und unter militärischen Drohungen von US-Präsident Truman zogen die sowjetischen Streitkräfte aus dem Nord-Iran ab.
Einflussbereiche wurden festgelegt
Die Beispiele um Besatzung, Waffen, Aufbaukredite zeigen: Es entstanden schnell Konflikte, welche auf beiden Seiten Misstrauen säten. Es ging danach sehr schnell um grundsätzliche Fragen der Herrschaftssicherung durch gesellschaftliche Umgestaltung: Behutsame Heranführung an Demokratie von Seiten der Westmächte, Festigung der Herrschaft durch diktatorische Besetzung und gesellschaftliche Umgestaltung in den von der Sowjetunion befreiten Staaten, in und zwischen denen weiter regionale Gewaltkonflikte ausgetragen wurden. Friedensverträge mit den meisten vormals Gegnerstaaten des Weltkrieges wurden noch 1947 von allen Seiten geschlossen. In der deutschen Frage eskalierten die Differenzen, so dass sich die Westmächte 1947 zu einer Konsolidierung ihres Einflusses entschlossen und unter dem Eindruck der Berliner Blockade die Westdeutschen bis 1949 zur Gründung eines eigenen Staates zwangen. Die Sowjetunion zog noch im selben Jahr mit der DDR nach. Die erste große Konfrontation des Ost-West-Konflikts um Berlin war da: Sie drohte sich militärisch zu entladen, wurde aber mit einem für die Sowjetunion gesichtswahrenden Kompromiss vor der UNO beigelegt. Die Gründung zweier Militärbündnisse, der NATO 1949 und des Warschauer Paktes 1955 bekräftigten diese Militarisierung.
Es gab aber auch in Europa reale Kriege wie den griechischen Bürgerkrieg, der bis 1950 dauerte und auch von außen aus dem westlichen oder sozialistischen Lager unterstützt wurde. Im ähnlich wie Deutschland geteilten Korea überfiel der kommunistische Norden den US-gestützten Süden. Die UNO verurteilten in einer seltenen Einigkeit diese Aktion, und eine US-geführte Koalition der UNO kämpfte in einem langen wechselvollen Krieg für Südkorea gegen das von der Sowjetunion und VR China unterstützte Nordkorea, bis 1953 ein (noch gegenwärtig geltender) Waffenstillstand erzielt wurde. Wechselwirkungen zwischen Europa und Asien markierten eine globale Dimension der Konfrontation. Die Perzeption einer - Bürgerkrieg mit Drohung von zwischenstaatlichen Krieg schürenden - Sowjetunion auf der einen Seite, auf der anderen einer aggressiven Ausbreitung westlichen kapitalistisch geleiteten Politik, schaukelten sich in den 1950er Jahren wechselseitig hoch. Begleitet wurde dies durch ein nukleares Wettrüsten, in dem man den Frieden am besten durch „mutual assured destruction“ (ein US-geprägter Begriff von 1961), also die Einsicht: „Wer als erster schießt, stirbt als zweiter“, zu stabilisieren behauptete.
Entscheidend aber war: In der Realität akzeptierten der Osten wie der Westen die durch die militärische Befreiung vom Faschismus entstandenen Einflussbereiche; sie scheuten auch angesichts zunehmender nuklearer Optionen beider Seiten eine direkte oder militärische Konfrontation. Volksaufstände in der DDR 1953 und Ungarn (bedingt auch Polen) 1956, später noch 1968 in der CSSR führten zu einer Konsolidierung des „Ostblocks“, den der Westen nicht aggressiv infrage stellte.
Die Kolonialmächte des Westens hatten nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Kolonialherrschaft in Afrika und Asien z. T. wieder zwangsweise hergestellt und lieferten der Sowjetunion gerade dadurch bald die Möglichkeit, koloniale Befreiungsbewegungen zu unterstützen. Das geschah am deutlichsten in Vietnam, wo die Franzosen 1954 eine entscheidende militärische Niederlage gegen kommunistische Partisanen hinnehmen mussten, damit aber langfristig die USA in einen Krieg hineinzogen, der bis 1975 dauerte. Der Ost-West-Konflikt breitete sich also seit Mitte der 1950er Jahre auch in den globalen Süden aus. Die ideologische Aufladung Demokratie vs. Diktatur oder (andersherum) Kapitalismus vs. Sozialismus lieferte den Überbau zu diesen Konflikten.
„Pokerspiele“
Der Test der Stärke, nämlich der Konsolidierung oder auch Expansion des eigenen Systems, erfolgte an scheinbaren Teilfragen: Die Sowjetunion suchte seit 1958 Westberlin in eine von ihr abhängige „Freie Stadt“ zu verwandeln und dabei zugleich einen Friedensvertrag mit zwei deutschen Staaten zu schließen. Das wehrten die Westmächte diplomatisch ab, so dass es im August 1961 „nur“ zum Bau der Berliner Mauer kam, ein klares Zeichen für die Bereitschaft zur Begrenzung der Konfrontation. Anders lief es in Kuba. Hier suchte die Sowjetunion den seit 1959 sozialistischen Staat durch eine Stationierung von nuklearen Waffen zu stärken und damit von dort aus zugleich die USA zu bedrohen. Das akzeptierten die USA nicht, so dass es um Kuba im Oktober 1962 zu einer potenziell nuklearen Konfrontation kam. Nirgendwann sonst drohte der „kalte Krieg“ in einen heißen zu eskalieren.
In einem harten diplomatischen Pokerspiel angesichts einer unmittelbaren Nuklearkriegsgefahr zog die Sowjetunion ihre Raketen gegen einen (zunächst geheimen) ähnlichen Abbau von US-amerikanischen Raketen aus der Türkei zurück. Das Erschrecken beider Seiten war groß, so dass die Einrichtung einer unmittelbaren Kommunikation („heißer Draht“) seit 1962 eine unmittelbare Folge war. Mittelfristig wurde der Weg zu Verhandlungen über die Begrenzung von Rüstungen begangen. Ein Nuklearer Nichtverbreitungsvertrag von 1969 privilegierte die bisherigen Nuklearmächte; die USA und die Sowjetunion ließen sich auf Verhandlungen über die Begrenzung ihrer strategischen Atomwaffen ein, die in den 1970er Jahren zu ersten Erfolgen führten. Weder die Sowjetunion noch der Westen in ihren jeweiligen Herrschaftsgebieten mit der ihnen zugehörigen Gesellschaftsordnung akzeptierten die je andere Seite als legitim und drohten, es zu überwinden, akzeptierten jedoch de facto seit den frühen 1950er Jahren de facto die jeweilige Einflusssphäre. Kuba war die Ausnahme, welche die militärische Ausbreitung als Mittel erst recht obsolet machte.
Prof. Dr. Jost Dülffer ist emeritierter Professor für Neuere Geschichte am Historischen Seminar der Universität zu Köln mit dem Forschungsschwerpunkt Internationale Beziehungen.