Das Erbe meines Vaters: Kriege lösen keine Konflikte

Geschichte eines Deserteurs im 2. Weltkrieg

von Johannes Heibel
Hintergrund
Hintergrund

Bereits zu Beginn der 1970er Jahre stand für mich fest, dass ich den Kriegsdienst, schon allein wegen der Erfahrungen meines Vaters als Deserteur im Zweiten Weltkrieg, verweigern werde. Gleich nach seinem Tod im November 2003 spürte ich zudem, dass ich mich noch stärker als bisher für den Frieden engagieren muss, sah ich es doch als mein Erbe an, mir die Haltung meines Vaters gegen jegliche kriegerische Auseinandersetzung noch intensiver als je zuvor zu eigen zu machen. Bevor ich darauf näher eingehe, möchte ich zunächst schildern, wie mein Vater den Krieg erlebt hat und welche Konsequenzen sich für ihn ergaben.    

Für meinen Vater, Erwin Heibel, stand fest, die einzige Lösung ist die Fahnenflucht: „Jetzt gehe ich, ich kann nicht anders!“ Er machte keinen Hehl daraus. Immer wieder erzählte er es. Kein Familienfest blieb von seiner Geschichte verschont. Alle sollten es wissen, was ihm so Schreckliches widerfahren war. Die Nazis, der 2. Weltkrieg: seine Jugend wurde ihm genommen. 1944, an der Russlandfront, mitten in zermürbenden Gefechten mit den immer stärker werdenden russischen Truppen. Viele Kameraden hatte er sterben sehen, sie waren meist bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Überall Leichen. Angst, dass es ihn auch bald erwischen könnte – nie mehr seine Heimat, seine geliebte Frau sehen. 

Entscheidung zur Fahnenflucht
Was sollte er tun? - Er betete zu Gott, ein letzter Funken Hoffnung. Sein Entschluss stand fest, er hatte die Schnauze voll, endgültig voll vom Krieg. Ein Krieg, den er nicht wollte. Gegen dessen Machthaber er schon vor Ausbruch des Krieges mit dem Ausspruch protestierte: „Es geht alles vorüber, es geht alles vorbei, auch Adolf Hitler mit seiner Partei!“ Hätte sich damals nicht sein späterer Schwiegervater für ihn eingesetzt, er wäre sicherlich in einem Konzentrationslager gelandet. Er musste es riskieren. Er hatte nichts zu verlieren. Den sicheren Tod vor Augen, entschied er sich gegen sein Land und für ein Leben zwischen den Fronten: die Fahnenflucht. Nun hatte er alle gegen sich. War die Fahnenflucht wirklich die richtige Entscheidung?

„So weit die Füße tragen“, ein Filmklassiker der Nachkriegszeit, für ihn ein stetig wiederkehrendes Trauma. Jede Ausstrahlung im Fernsehen war für ihn ein Erinnern an seine eigene Geschichte. Die Bilder des Grauens verfolgten ihn ein Leben lang. „Das, was ich mitgemacht habe, hat keiner hier mitgemacht!“ Es war ihm wichtig, dies immer und immer wieder zu betonen, nicht weil er andere damit kränken wollte, nein, er wollte allen Menschen sagen, wie unmenschlich der Krieg war und dass er nur überlebt hat, weil er diesen unbändigen Überlebenswillen in sich trug, nie aufgab und besessen davon war, wieder einmal nach Hause zu seiner Frau zurückzukehren. 

In den ersten Wochen nach seiner Flucht traf er, und das war sicherlich kein Zufall, sondern ein Wunder, seinen Schwager Albert. Er wollte ihn überreden, mit ihm zu kommen. „Ich haue ab, komm mit, wir schaffen das schon!“ Wie sich erst nach dem Krieg herausstellte, war es das letzte Mal, dass er seinen Schwager sah. Dieser war alles andere als ein Draufgänger, ein unsicherer, ängstlicher Typ. „Nein, wenn die uns kriegen, die stellen uns sofort an die Wand. Geh’ ruhig, ich bleibe!“ Er war zu brav, zu angepasst. Am 3. März 1945 verstarb sein Schwager in einem Rostocker Lazarett an den Folgen seiner sechsten Kriegsverletzung. Er wurde 28 Jahre alt. 

Über ein halbes Jahr auf der Flucht
Als Fahnenflüchtiger hatte es Erwin Heibel schwer. Nur nachts konnte er Strecken zurücklegen. Tagsüber verkroch er sich in leerstehenden Scheunen oder suchte andere Unterschlupfmöglichkeiten. Hilfe bekam er nur sehr selten, und wenn, waren es einfache Leute, russische Bauern, die ihm weiterhalfen, ihm etwas zu essen gaben. Er erzählte ihnen meist irgendeine Story, half ihnen bei der Arbeit oder gab sich mit seinen sehr dürftigen Russischkenntnissen als Landsmann aus, was ihm letztlich aber kaum jemand abnahm. Trotzdem, ihm gelang es durch seine freundliche Art, die Menschen dazu zu bewegen, ihn nicht zu verraten, ihm nichts anzutun.

Die Flucht dauerte etwa sechs Monate. Völlig verzweifelt grübelte er Anfang 1945 über die Idee nach, eine Verwundung zu riskieren, um sich dadurch eine bessere Ausgangslage für die Rückkehr in die Heimat zu verschaffen. „Ich beobachtete russische Stellungen, die in regelmäßigen Abständen in Kniehöhe Schüsse über einen kleinen Hügel abgaben. Ich entschloss mich, über den Hügel zu laufen. Ein Schuss traf mich in die Wade. Gott sei Dank, ein glatter Durchschuss.“

Nach der Verwundung und einem riskanten kurzen Aufenthalt in einem deutschen Militärlazarett schlug er sich bis in den Hafen von Pillau (Königsberg) durch. Dort gab er sich im April 1945 gegenüber SS-Sanitätern als Verwunderter, von seiner Einheit versprengter Soldat aus. Er hatte Glück. Mit einem der letzten Schiffe verließ er den Hafen von Pillau mit Ziel Lübeck. Nach beschwerlicher Seereise, er wurde seekrank, schaffte er es, sich den Kontrollen zu entziehen, und machte sich zu Fuß auf den Weg Richtung Hamburg.

Am 8. Mai 1945, an dem Tag, als der 2. Weltkrieg offiziell endete, erreichte er Ahrensburg und arbeitete dort ab dem 9. Mai als Knecht bei einem Bauern namens Kloth. Am 14. August fuhr er in die Heimat, um seine Frau Agnes nachzuholen. Nur unter äußerst abenteuerlichen Umständen war damals überhaupt Reisen möglich. Wegen Überfüllung der Züge mussten sie weite Strecken auf dem Dach eines Waggons verbringen. Allerdings blieb es nur bei einer kurzen Stippvisite, und beide reisten am 21. September 1945 wieder in die Heimat, den Westerwald, zurück. 

Mahnungen wider den Krieg
Erwin Heibel (geboren 8.2.1920, verstorben 1.11.2003) war es zeitlebens ein sehr großes Anliegen, Menschen davon zu überzeugen, dass Krieg keine Lösung ist, Krieg den Menschen immer nur Unheil bringt. Sogar bei seiner Diamantenen Hochzeit im Juni 2003, einige Monate vor seinem Tod, war es für ihn immer noch äußerst wichtig, vielen seiner Gratulant*innen von seinen traumatischen Kriegserlebnissen zu berichten.

Aus diesem Grunde habe ich mich entschlossen, zu seinem Gedenken und als Mahnung an alle Lebenden, ein Mahnmal gegen den Krieg auf seiner Grabstätte zu errichten. Auf einem Bronzerelief, das das „großdeutsche Reich“ in seinen Umrissen zeigt, heißt es dort: „Legt alle eure Waffen nieder, wie ich es 1944 an der Russlandfront tat. Erwin Heibel, fahnenflüchtiger Pazifist.“ Die Stiefelspuren auf der Bronzeplatte symbolisieren die Flucht meines Vaters aus Russland in den Westen. Den russischen Trommelrevolver brachte er zu seinem Heimaturlaub 1943 mit und vergrub ihn im Schuppen des Hauses seiner Schwiegereltern. Nach dem Umbau des Schuppens zur Garage fand man die Waffe wieder. Sie landete überraschenderweise in meinen Händen. Nach dem Tode meines Vaters ließ ich von der Waffe einen Abguss für das Bronzerelief anfertigen.

Das Erbe des Vaters: Engagement für den Frieden heute
Die nicht enden wollenden Nachrichten über Kriege auf der ganzen Welt lösen bei mir immer wieder Ohnmacht und Gefühle der Hilflosigkeit aus, was mich dazu inspirierte, 2020 ein Hörbuch über die Biografie meines Vaters herauszugeben. Das Hörbuch gibt im Wesentlichen mein aufgezeichnetes Interview mit ihm aus dem Jahre 2001 wieder. Darüber hinaus versuche ich, unter anderem auf künstlerische und satirische Weise, meiner Ohnmacht zu entrinnen. Nur ein Beispiel möchte ich hier abschließend erwähnen. Vor Ostern 2024 kam ich auf die Idee, einen bundesweiten Aufruf zu starten, am Ostermontag eine weiße Fahne zu hissen oder ein weißes Tuch aus dem Fenster zu hängen. Nachdem ich bereits vor den Feiertagen eine kleine weiße Fahne auf dem Friedhof gehisst hatte, erfuhr ich anschließend über Vatican News, dass auch Papst Franziskus die weiße Fahne ins Spiel gebracht hatte und dafür arg kritisiert wurde, sogar von Bischöfen aus Deutschland. Meine ohnehin vorhandene Verbundenheit mit Papst Franziskus, die daher rührt, dass ich ihn am 27.11.2019 bei der Übergabe des Mahnenden Mühlsteins unserer Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen e.V. traf, erhielt dadurch noch einmal ein anderes Gewicht. Auch zum Thema Frieden hatten wir also die gleichen Gedanken. Den Aufruf habe ich in diesem Jahr an Ostern erneut gestartet. Dass Papst Franziskus genau an Ostermontag verstarb, hinterließ bei mir den Gedanken, meine Friedensarbeit weiter zu intensivieren und somit in dieser Hinsicht auch sein Erbe anzutreten. 

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Hintergrund
Johannes Heibel ist Dipl.-Sozialpädagoge und Friedensaktivist. Er lebt in Siershahn im Westerwald. - Aufzeichnung der Veranstaltung „Das Erbe unserer Väter“ vom 14.3.2025: https://www.youtube.com/watch?v=kpS3TXIk6bU - eine ähnliche Veranstaltung kann mit J. Heibel als Referenten angefragt werden: johannesheibel@t-online.de.