In unserer Zeitschrift "FriedensForum" berichten wir über akutelle Aktionen und Kampagen aus der Friedensbewegung. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Sieben Fahnen - eine Kampagne
Kampagne „End Cement“ in Heidelberg
von
Es war wunderbar, frühlingsleicht und sonnentrunken. Zum zweiten Mal fand im April 2026 zehn Tage lang das Camp der Kampagne „End Cement” in Heidelberg statt. Die Zementindustrie ist verantwortlich für 8% der CO2-Emission weltweit. In Heidelberg steht das Hauptquartier von „Heidelberg Materials“ des weltweit zweitgrößten Zement-Produzenten mit ca. 21 Mrd. Euro Umsatz und steigender Börsennotierung.
Vieles, was in der Vorbereitung nicht einfach wirkte und anstrengend war, löste sich auf im Flow gemeinschaftlicher Verantwortung, solidarischen Lernens, kreativen Miteinanders und kollektivem Aktivismus auf. Es gab Geborgenheit in politischen Gruppen, Kapitalismuskritik, Boykott als Druckinstrument und die Greenwashing-Technologie der Zement-Industrie und vieles mehr in Workshops und Vorträgen. Und immer wieder Musik und Spiele , poetry slam und Akrobatik und über allem – sechs Fahnen: Solidarität mit den Aborigines in Australien, den Bäuer*innen in Pakistan, den Palästinenser*innen in der Westbank und den Sahrauis der Westsahara, mit Aktivist*innen in Schweden und den mutigen Menschen in Indonesien. Menschenrechte war das verbindende Thema. One world, one climat, one fight. So buchstabiert sich international Solidarität für die Menschen, die im weltweiten Widerstand gegen Schäden aktiv sind, die Heidelberg Materials u.a. anrichten.
Viele Aktionen fanden statt: Party statt Parken, reclaim den öffentlichen Raum, ein „grauenvolles Flötenkonzert“ (mit der Filmmelodie von „Titanic“) zur Eröffnung des Heidelberger Frühlings, eine paradoxe Pro-Cement Demo durch die Innenstadt, Adbusting von Werbeplakaten, Ankettung an Verladekränen, Zementwerksblocklade, Bannerdropping aus der 6. Etage, Flaggenaktion auf dem Hochhaus von Heidelberg Materials und immer wieder Ziviler Ungehorsam.
Macht Camps!
Ein Rat für diejenigen, die junge Menschen ansprechen wollen und nach einer Frischzellenkur für überalterte Bewegungen suchen: Macht Camps! Vielleicht ein Tipp für die Friedensbewegung?
Die Kampagne „End Cement“ ist eine doppelte Druckkampagne. Doppelt, denn sie nimmt den Heidelberg Produzenten von Zement und CO2 in den Blick und zugleich die Klimahauptstadt Heidelberg, die sich ihre Kulturveranstaltungen (z.B. den Heidelberger Frühling oder auch das Stadttheater von Heidelberg Materials) großzügig sponsoren lässt. Kultur vom Klimakiller. Anderswo nennen Menschen das doppelte Standards. Heidelberg als Stadt will klimaneutral werden, aber eine Firma auf ihrer Gemarkung hält den ersten Platz der DAX-Konzerne im CO2-Ausstoß. Die Kampagne hat auch positive Ziele: Eine „Bauwende“ hin zu nachhaltigem Bauen und Baustoffen und einen Bürger*innenrat zum Thema „Wie wollen wir zukünftig leben?“ und ein unabhängiger Menschenrechtsbericht von Heidelberg Materials werden gefordert.
Zum Ende der Woche wurden die sechs Fahnen „feierlich“ eingeholt zu den Klängen des Solidaritätsliedes von Bertolt Brecht und Hans Eisler. Zu guter Letzt wurde noch eine Rede gehalten. Drei Worte waren erlaubt. „Wir kommen… und unter dem Zuspruch der anwesenden Menschen wurde lauthals ergänzt… wieder!“
Ziviler Ungehorsam - früher und heute
Praxis ist immer anders als es politische Theorie postuliert. Das gilt auch für die Theorie des Zivilen Ungehorsams (ZU). Für den ZU in den 1980er Jahren galten andere Vorstellungen von ZU, als in den aktuellen 2020er Jahren. Worin liegen Unterschiede und was bedeutet das für das praktische Handeln? Die klassische Theorie bezieht sich auf Henry Thoreau, Gandhi, M.L. King, Hannah Arendt, John Rawls und Jürgen Habermas. Demnach ist ZU ein öffentlicher, gewaltfreier, bewusster politischer Akt gegen das Gesetz mit dem Ziel, einen Wandel im Gesetz oder der Politik der Regierung herbeizuführen.
Die aktuelle Praxis des ZU wird in Deutschland durch eine Aktionskultur, wie sie im Umfeld der „Letzten Generation“ und von Aktionen in Lützerath oder auch von „Ende Gelände“ (durchaus unterschiedlich) entstand, geprägt. Merkmale sind: Die Aktivisti wollen z.T. unerkannt bleiben und stehen nicht zwingend „mit Namen und Gesicht“ für ihre Aktion. Die Aktionen haben oft disruptive Zielsetzungen, weniger die Diskursverschiebung. Mediale Resonanz erscheinet oft wichtiger als die Möglichkeit für viele Menschen, die Erfahrung legitimer Gesetzesübertretung zu machen. Damit verschiebt sich die Auseinandersetzung tendenziell von einer diskursiven-rechtlichen Ebene auf eine materielle Ebene. Die Idee, ZU vor der Aktion anzukündigen, erscheint dann folgerichtig fremd.
Anders als im vergangenen Jahr wurde diesmal die Blockade an einem Zementwerk in Heidelberg offen angekündigt. In den 1980er Jahren war das übliche Praxis. Ziel war es, eine öffentliche Debatte vor der Aktion anzustoßen, über die Inhalte, die aktivistischen Personen, die Ziele, das Konzept ZU. Ohne vorhergehende Ankündigung tendiert die bürgerliche Presse dazu, nur den Gesetzesbruch, z.B. die Nötigung in den Mittelpunkt zu stellen. Die Blockade am Zementwerk sollte zu einer massenwirksamen Aktion werden. Diese Ziele wurden verfehlt. Die öffentliche Debatte blieb aus und die Heidelberger Öffentlichkeit wurde nur begrenzt mobilisiert. Wo mehrere hundert Menschen bei der Blockade hätten sitzen sollen, saßen mehrere Dutzende. Könnte es nicht nur an fehlenden Ressourcen der Aktivisti, sondern auch an einem spezifischen ZU-Verständnis gelegen haben?
Bei einem Prozess kurz vor dem Camp gegen drei Aktive einer Blockade war Folgendes zu erleben: Der Prozess zog sich vier volle Tage in die Länge. Umständliche Versuche zu belegen, dass die blockierten Zementlaster eigentlich die Blockade umfahren oder gar hätten durchqueren können, prägten bisweilen die Auseinandersetzung. Ein Gutachter hielt ein wissenschaftlich wohlbegründetes Plädoyer, wonach eine Blockade gar nicht stattgefunden habe. Staatsanwaltschaft und Gericht zeigten sich davon sichtlich unberührt und fällten Urteile zum Thema Nötigung mit entsprechenden Tagessätzen. Das Klimathema und die Auseinandersetzung mit einer Rechtsprechung, die Klimazerstörer schützt, wurde zum Nebenthema. Die Forderungen, z.B. das Verursacherprinzip in die Rechtsprechung für Klimazerstörung einzuführen, war kein Thema.
In ZU-Prozessen der 1980er Jahre wurde versucht, von Seiten der Angeklagten zu belegen, warum die Handlungen der Angeklagten zwar rechtswidrig, aber legitim waren. Hier wurde versucht, zu erklären, dass die Anklage nicht rechtens war. War in einem Fall das Gericht ein zu gewinnendes Gericht, war es in diesem Prozess ein Gericht, dessen Rechtsprechung von vornherein als illegitim eingestuft wurde. Die Bestätigung, dass das Gericht Recht im Sinne des Kapitals spricht, war vorgegeben. Eine Diskussion, dass Recht in unserer Rechtsprechung Interessen des Kapitals schützt, welches die Klimakatastrophe erzeugt, wurde vertan.
Zur Aktion siehe auch https://end-cement.earth/#now