Kampagne „[Esc] FCAS“ ist abgehoben, um das Luftkampfsystem der Zukunft möglichst schnell abstürzen zu lassen

Kampagne „[Esc] FCAS – Cyberkampfjets stoppen“

von Marius Pletsch
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Am 29. Januar 2024 startete die Kampagne „[Esc] FCAS – Cyberkampfjets stoppen!“ mit einer Aktion vor dem Bundestag. (1) In der Kampagne arbeiten die folgenden Gruppen an dem Stopp des im Folgenden kurz skizzierten Hochrisikoprojekts FCAS: Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsdienstgegner*innen, Informationsstelle Militarisierung, deutsche Sektion der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges/Ärzt*innen in sozialer Verantwortung und das Netzwerk Friedenskooperative.

FCAS steht für Future Combat Air System, einem Luftkampfsystem der Zukunft. Im Zentrum des FCAS steht das namentlich weniger bekannte Next Generation Weapon System (NGWS), zu Deutsch das Waffensystem der nächsten Generation. In der öffentlichen Diskussion wird v. a. FCAS meist synonym mit NGWS verwendet. Das NGWS soll das Herzstück des FCAS werden. Das System FCAS setzt sich also aus dem NGWS und weiteren Waffensystemen zusammen, die bereits in Benutzung sind (z. B. Eurofighter, A400M) und solchen, die noch in der Entwicklung, bzw. Beschaffung sind (z. B. Eurodrohne, F-35 Lightning II). FCAS wird daher auch als „System-of-Systems“ beschrieben. Das zentrale NGWS setzt sich aus drei Komponenten zusammen:

  1. Next Generation Fighter (NGF): Ein Kampfflugzeug der sogenannten sechsten Generation (die sich u. a. durch eine verbesserte Sensorik und das „Manned-Unmanned Teaming“ von den vorigen Generationen unterscheidet), politisch scheint es derzeit gewollt zu sein, einen Menschen im Cockpit zu haben. Diese Person wird jedoch eher koordinierende Aufgaben für die ihn umgebenen Plattformen (siehe Punkt 2) haben und sich weniger auf die Steuerung des Kampfjets konzentrieren müssen.
  2. Remote Carrier (RC): RC sind weitgehend autonom fliegende Drohnen, die in mehreren Größen und zu unterschiedlichen Zwecken konzipiert sein sollen. Größere RC sollen das Kampfflugzeug begleiten, und z. B. als Vorhut feindliches Gebiet auskundschaften und die Luftverteidigung des Gegners durch verschiedene kinetische oder nicht-kinetische Mittel (zer)stören. Kleinere RC können dagegen als modulare Drohnen entweder von den größeren RC, dem Kampfjet oder anderweitig gestartet werden. Sie können zur Aufklärung oder -  im militärischen Duktus - als „Wirkmittel“ eingesetzt werden, also Mittel zum elektronischen Kampf mit sich führen, Munition tragen oder selbst Munition sein. Die RC könnten auch schon vor der Fertigstellung des NGF mit bereits genutzten Waffensystemen zum Einsatz kommen.
  3. Air Combat Cloud (ACC): In der ACC sollen die Datenströme aus den Waffensystemen des NGWS und anderen Systemen im FCAS zusammenlaufen, mit z. B. Satellitendaten fusioniert und ausgewertet werden, samt KI-gestützter Entscheidungshilfe und Missionsplanung. (2) Wie autonom dies funktionieren soll und wo Menschen in welcher Form und Qualität noch Entscheidungen treffen können, ist dabei noch weitestgehend unklar.

Seit 2017 arbeiten Frankreich und Deutschland konkret an dem NGWS im FCAS. Später schloss sich Spanien als Partnernation an, Belgien ist seit 2023 beobachtender Staat und soll voraussichtlich im Juni 2024 als Vollmitglied dem Programm beitreten. Der NGF soll französische Kernwaffen tragen und von einem Flugzeugträger starten können.

Die bisherige Kooperation lief holprig, insbesondere zwischen den Rüstungsunternehmen Frankreich und Deutschlands wurde lange um die Verteilung der Arbeitspakete und die Nutzungsrechte gestritten, verkompliziert wurde die Rechnung durch eine politische Verknüpfung mit dem zukünftigen Kampfpanzersystem, was von Deutschland und Frankreich entwickelt wird.

Die Risiken durch neue und hoch umstrittene Technologien wie KI in den kritischen Funktionen von Waffensystemen (Zielsuche, -auswahl und -bekämpfung) sind dabei enorm, noch gibt es keine völkerrechtlichen Leitplanken. Hinzu kommt die enorme finanzielle Belastung der öffentlichen Haushalte durch die Entwicklung, die Produktion und den Unterhalt des Systems. Es könnte zu einem der teuersten europäischen Rüstungsprojekte Europas in diesem Jahrhundert werden. Eine Greenpeace-Studie geht von Kosten bis zu zwei Billionen Euro über den gesamten Lebenszyklus des Waffensystems für die am Projekt beteiligten Nationen aus. (3)

Die nun gestartete Kampagne wird zunächst bis zur nächsten parlamentarischen Befassung ( voraussichtlich 2025), die u. a. hier aufgezeigten Risiken und Maßnahmen zu einer nachhaltigen Friedensförderung öffentlich diskutieren und auf eine möglichst baldige Beendigung des Projekts drängen.

Anmerkungen
1 Siehe: DFG-VK (2024): ESCAPE FCAS: Cyberkampfjets stoppen! - Aktion in Berlin zum Kampagnenstart, https://youtu.be/RfI2zPBKvBQ?feature=shared.
2 Christoph Marischka (2023): Wo ist eigentlich die „Combat Cloud“? IMI, https://www.imi-online.de/2023/03/20/wo-ist-eigentlich-die-combat-cloud/.
3 Marius Pletsch (2023): Flug ins Ungewisse. Greenpeace, https://www.greenpeace.de/publikationen/Studie_FCAS_Kosten_Ruestung.pdf.

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Marius Pletsch studiert Politikwissenschaften und Philosophie auf M.A. an der Universität Trier und schreibt für die Informationsstelle Militarisierung e.V. über Drohnen.