500 Jahre Bauernkrieg – Nur Gewalt? Eine Notiz

Lehren aus den Bauernkriegen

von Martin Humburg
Hintergrund
Hintergrund

Zwei Jahre, in denen an „500 Jahre Bauernkrieg“ erinnert wurde, liegen hinter uns. Es gab lokales Gedenken, vor allem in den Hauptgebieten in Süddeutschland und Thüringen, mit eindrucksvollen Ausstellungen, Symposien und Akademie-Tagungen. Aber eine Breitenwirkung, wie z.B. bei den Erinnerungen an die Reformation („10 Jahre Luther-Dekade“), war nicht zu erkennen.  Es hätte doch eine Chance bestanden, dass die Kirchen das Kernthema ihrer eigenen Herkunft, den Streit um Gerechtigkeit in allen Fragen der Landwirtschaft (man denke an Kain und Abel) neu thematisierten, sich positionierten. Anders als es die Vertreter (1) der alten Ordnung 1524/25 taten.
Mag sein, dass die Vereinnahmung dieser „Revolution des gemeinen Mannes“ durch die Jahrhunderte bis hin zur Polarisierung zwischen Ost und West anlässlich 450 Jahre Bauernkrieg 1975 ein wenig davor abgeschreckt hat, zu viel Gegenwartsbezug herzustellen.

Gibt es irgendeinen ‚Nährwert‘ für unsere heutigen friedenspolitischen Fragen? Man möchte spontan sagen: Kaum. Zu sehr waren diese Kämpfe auf allen Seiten von brutaler Gewalt geprägt, in der die Bauern im Ergebnis mit über 70.000 Toten gegen die Übermacht der Feudalherren unterlagen.

„Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis“ (Thomas Kaufmann)
Da überrascht es, dass Thomas Kaufmann in seinem Standardwerk zum Bauernkrieg ein Kapitel überschreibt mit: „Modelle gewaltfreien Konfliktaustrags“. (2)

Kaufmanns Augenmerk, akribisch und quellengesättigt dargeboten, liegt auf der Bedeutung der Publizistik, also des neu erfundenen Buchdrucks, der mit Flugschriften und vielen Streitschriften ein überregionales Bewusstsein eines zusammenhängenden Geschehens schuf und es damit sogar erst befeuerte.

Zunächst schildert Kaufmann den Vertrag von Weingarten (17.4.1525). Zwar ein Beispiel für eine nicht gewaltsame Zwischenlösung. Aber sicher kein Beispiel für nachhaltige Gerechtigkeit. Denn unter dem Druck des militärisch überlegenen Truchsesses von Waldburg mussten die oberschwäbischen Bauernhaufen sich mit der Zusage von Straffreiheit zufrieden geben – bei Rückkehr zu allen vorherigen Regelungen der Unterdrückung. Dabei waren gerade diese Seebauern und Allgäuerhaufen mit den so überaus beeindruckenden „12 Artikeln“ gestartet: den Forderungen nach freier Wahl der Pfarrer, der Befreiung von Abgaben und der Forderung der „alten Rechte“, Land, Wald und Wasser selbst und befreit von feudaler Abgabenlast nutzen zu dürfen.

Anders als in Weingarten lief es in der Ortenau: Am 25.5.1525 kam es mit dem Ortenauer Vertrag zwischen dem Markgrafen von Baden und zwei Bauernhaufen mit Unterstützung Straßburger und Badener Bürger zu einer „abrede“, die dann auch schriftlich festgehalten und publiziert wurde. Bemerkenswert war, dass hier versucht wurde, den leidenden Bauern in angemessener Weise gegen ihre Belastungen zu helfen. Der Getreidezehnt blieb, aber andere Zehntabgaben wurden abgeschafft oder halbiert. Rechte zu Jagd, Fischfang und Holz-, Acker- und Wiesennutzung wurden den Bauern zurückgegeben. Mit Blick auf eine zukünftige Reichsreform wurde auch die Abschaffung der Leibeigenschaft als Perspektive eröffnet. So zeigt der Vertrag nach Kaufmann eine „interessante Aushandlungsdynamik zwischen Herren und Bauern“ mit Hilfe stadtbürgerlicher Vermittler.  

Eine Ausnahme im ganz überwiegend gewaltsamen Geschehen dieser Jahre.

Ein „Schwabenstreich“
Vermutlich gibt es viele kleine bisher übersehene Beispiele von nicht gewaltsamen, symbolischen und zugleich wirksamen Handlungen. Der Schwabenstreich, den der Bauernhauptmann Peter Geiß aus Beutelsbach für Ostersamstag, den 15. April 1514, ausheckte, ist so ein Beispiel:

Herzog Ulrich von Württemberg hatte als neuestes Patentrezept gegen seinen Finanzschwund eine neue Vermögenssteuer und eine Steuer auf Fleisch, Mehl und Wein entdeckt. Die Abgabe auf die Naturalien wirkte besonders deshalb provozierend, weil die Regierung gleich noch die Veränderungen der Maßeinheiten mit dekretierte: Maße und Gewichte sollten zum 15. April so verändert werden, dass die herzoglichen Finanzlöcher noch schneller gestopft werden.

Peter Geiß schlug den Bauern des „Armen Konrad“ vor, mit dem neuen Gewicht die Wasserprobe zu machen: „Schwimme es oben, so soll der Herzog recht haben, sinke es unter, so sollten die Bauern Recht haben.“ Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Die Bauern zogen zunächst zum Rathaus, holten dort Trommeln und Pfeifen ab und begleiteten die Prozedur mit einer feierlichen Prozession: Der Zug zur Rems wurde zum Volksfest. Feierlich warf der Geißpeter die veränderten Gewichtssteine ins Wasser, und als sie, wie nicht anders zu erwarten, versanken, jubelten alle: „Wir haben gewonnen.“

Die Anführer wiederholten diesen Streich und erzielten talauf- und talabwärts den gleichen Erfolg.

Das Beispiel zeigt die Bedeutung symbolischer Handlungen: Die Prozession zum Rathaus und das (wenn auch spontan anmutende) „charivari“ (3) lassen auf gute Vorbereitung der Aktion schließen. Sie war symbolische Kritik wie symbolische Mobilisierung der Gegenkräfte. Die Dreistigkeit der Abgabenerhöhung und Gewichtsmanipulation erforderte eine ebenso dreiste Antwort: Bewegte sich die Antwort im Rahmen scheinbarer Torheit und Naivität, verwies das auf die eigentliche Ursache: Nur unter Aufbietung aller Kräfte der Torheit konnte man einer solchen Dreistigkeit der Regierung adäquat begegnen. Auch spielt eine Rolle, dass der Streich die Herrschaftstechnik aufgreift, wie sie aus den Rechtsprozessen der Zeit mit der „Wasserprobe“ bekannt war. Aber vor allem gab die Aktion den Rahmen ab, die eigenen Kräfte zu prüfen. Die Mobilisierung im Remstal durch diesen Schwabenstreich war die letzte Bestätigung für die Bewegung, dass die Zeit zum Handeln gekommen war.

Symbole und Rituale
Wie im sozialen Handeln überhaupt, kommt auch in der gewaltfreien Aktion Symbolen und Ritualen große Bedeutung zu. Symbole sind vergegenständlichte Erfahrung; sie vergegenwärtigen die einer Gruppe gemeinsamen Erfahrungen und rufen das gemeinsame Bezugssystem in Erinnerung; sie dienen damit der Komplexitätsreduktion und erlauben, besonders wenn sie integriert sind in ritualisierte Handlungen, die „periodische kollektive Wiederherstellung des Vertrauens“. (4) Symbolisches Handeln bedeutet aber auch Handeln auf einer überschaubaren, kontrollierbaren Eskalationsstufe. Es erleichtert die Einlassbedingungen; es ermöglicht vielen erst die Teilhabe und ein vorsichtiges Abschätzen, wie weit sie an weiteren Aktionen teilnehmen können.

Durch diese bloße Mobilisierung erzielt solches Handeln bereits Wirkungen, die, wie im geschilderten Fall, weit über die trivial erscheinende Form hinaus gehen können. Es handelt sich um ein Element gewaltfreien Handelns, das lange Tradition hat, aber erst in der Moderne, in der ein Verlust an Instinktsicherheit in den Fragen des Überlebens wie nie zuvor verheerende Folgen haben kann, sein volles Gewicht erhält. (5)

Die weitere eher von Gewalt geprägte Geschichte des „Armen Konrad“ mündete schließlich in der Niederlage. Nach nur mäßigen Erfolgen der Bauern in vielen hinhaltenden Verhandlungen und nach Spaltungen in dem auf 16.000 Bewaffnete angewachsenen Bauernheer in eine radikale Minderheit des „Armen Konrad“, die bereit war, Herzog und Räte zu töten und die eher verhandlungsbereite Masse derer, „die noch etwas zu verlieren hatten“, konnte Herzog Ulrich mithilfe befreundeter Truppen die Bewegung sogar ohne eine Schlacht niederwerfen; die durch brutale Strafaktionen eingeschüchterten Bauern konnten der herzoglichen Rache nichts mehr entgegensetzen. Hinrichtungen, Plünderungen, Brandschatzungen in den abtrünnigen Städten und auf dem Land sowie die allgemeine Entwaffnung der Bauern beendeten den Aufstand. (6)

Anmerkungen
1 Auf das Gendern wurde in diesem Beitrag verzichtet. Bei den patriarchalen Strukturen der Zeit würde es zu Geschichtsverzerrung führen. Die Bedeutung der Frauen im Bauernkrieg ist lokal schon lange bekannt, in der Geschichtswissenschaft aber erst in der Gegenwart bewusster erschlossen worden, u.a.: Marion Kobelt-Groch (1993): Aufsässige Töchter Gottes. Frauen im Bauernkrieg und in den Täuferbewegungen. Frankfurt; Lyndal Roper (2024): Für die Freiheit. Der Bauernkrieg 1525, Frankfurt. Sehenswerte Dokumentation: Die Frauen des Bauernkriegs. ARTE/MDR 2025 (bei youtube).
2 Kaufmann, Thomas (2024): Der Bauernkrieg. Ein Medienereignis. Freiburg 2024.
3 „Charivari“ – „Katzenjammer“ – Form des lärmenden Protests seit dem Mittelalter.
4 Erikson, Erik (1974): Jugend und Krise. Stuttgart, S. 82
5 Humburg, Martin (1984): Gewaltfreier Kampf. Historische und psychologische Aspekte ausgewählter Aktionen aus Mittelalter und früher Neuzeit. Gießen, S. 59 f.
6 Zimmermann, Wilhelm (1974): Der große deutsche Bauernkrieg. Berlin (Original: 1841).

Rubrik

Hintergrund
Dr. Martin Humburg, geprägt von den hier angesprochenen Bewegungen sowie den freundlichen Beratungen im Militärgeschichtlichen Forschungsamt (Freiburg, Potsdam) im Rahmen der Dissertation über Feldpostbriefe deutscher Wehrmachtsoldaten. Dazwischen Studium der Geschichte, Germanistik, Psychologie in Marburg und Gießen und langjährige Berufstätigkeiten