Lettland: Antirussische Narrative

Lettland: Von traumatischen Erfahrungen und einer martialischen Gesinnung

von Udo Bongartz
Krisen und Kriege
Krisen und Kriege

Die Regierung Lettlands gehört in EU und NATO zu jenen, die im russisch-ukrainischen Konflikt den Sieg der Ukraine forderten und keine diplomatischen Verhandlungen mit dem „Putin-Regime“ akzeptierten. Lettische Politiker*innen drängten zu Sanktionsrunden gegen Russland und plädierten energisch für Waffenlieferungen. Entspannungspolitik wird mit „Appeasement“ gleichgesetzt; die NATO gilt als Garant der Sicherheit.

Die skeptische Haltung gegenüber Russland basiert auf historischen Erfahrungen. Die Lett*innen mussten ihre nationale Unabhängigkeit gegen russischen Zarismus, deutschbaltische Oberschicht und gegen bolschewistische Besatzer*innen erkämpfen. Die Konflikte zwischen den Ethnien hinterließen tiefe Gräben und gegensätzliche Narrative, die bis heute das Verhältnis zwischen Letten und Russen belasten.

Viele Jahrhunderte wurden Lett*innen in den russischen Ostseeprovinzen als „Undeutsche“ von einer deutschbaltischen Oberschicht beherrscht, die eng mit der Petersburger Zarenregierung kooperierte. Dagegen stand das lettische Bürgertum, das sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts gebildet hatte und seitdem politische, soziale und kulturelle Rechte einforderte. Innerhalb der russischen Armee waren „lettische Schützen“ in eigenen Einheiten konzentriert, die am Ende des Ersten Weltkriegs die nationale Unabhängigkeit erkämpften. Die lettischen Soldaten hatten mit militärischer Unterstützung der Entente-Mächte und estnischer Verbündeter die deutschbaltische Landeswehr und eine weißgardistische Armee besiegt, an der wiederum deutsche Freikorpssoldaten beteiligt waren. Damalige Militärführer wie Okars Kalpaks werden als Helden verehrt.

Nach Gründung der lettischen Republik beschlossen die Abgeordneten der Saeima, die deutschbaltischen Großgrundbesitzer entschädigungslos zu enteignen, was im Gegensatz zum Nachbarland Sowjetunion ohne Terror erfolgte. Deutsch- und russischsprachige Bürger*innen erhielten umfassende kulturelle Minderheitenrechte, z.B. durften sie eigene Schulen gründen und dort in ihrer Sprache unterrichten. Die liberale Haltung gegenüber ethnischen Minderheiten endete mit der Ulmanis-Diktatur.

Karlis Ulmanis, der allgemein als Staatsgründer verehrt wird, putschte am 15. Mai 1934, schaffte das Parlament ab, ließ Oppositionelle verfolgen und regierte seitdem unter der Parole „Lettland den Letten“ autoritär. Er betrieb eine Assimilierungspolitik zulasten der ethnischen Minderheiten, die ihre kulturellen Rechte einbüßten. Der lettische „Vadonis“, (was „Führer“ bedeutet) nahm sich Mussolini zum Vorbild, blieb aber in der damaligen Riege der Diktatoren relativ gemäßigt. Er verbot beispielsweise die sowohl antisemitisch wie antideutsch agitierenden Donnerkreuzler; während seiner Regierungszeit wurde kein Oppositioneller hingerichtet. Als im Juni 1940 die Rote Armee in Lettland einfiel, appellierte Ulmanis an seine Landsleute, angesichts der ungleichen Kräfteverhältnisse keinen unsinnigen gewaltsamen Widerstand zu leisten. Da Lett*innen nach der Weltwirtschaftskrise einen Aufschwung erlebten, blieb seine Diktatur bei vielen in guter Erinnerung.

Als Ulmanis 1939 begrüßte, dass Hitler die „Baltendeutschen“ „heim ins Reich“ holte, was seiner Absicht zupass kam, eine ethnisch homogene Nation zu schaffen, wusste er noch nicht, dass der Hitler-Stalin-Pakt das Ende seiner Herrschaft bedeutete. Nach der sowjetischen Okkupation begann das „schreckliche Jahr“ mit Verhaftungen und Hinrichtungen. Am 14. Juni 1941 nahmen Tschekisten angeblich regimefeindliche Lett*innen und ihre Familien fest und transportierten die etwa 15.000 Gefangenen in ferne GULAG-Lager. Etwa 40 Prozent der Deportierten starben entweder auf der Wegstrecke, später in den Lagern oder wurden hingerichtet.

Als die deutsche Wehrmacht im Sommer 1941 Lettland erreichte und die Sowjets vertrieb, fiel es den deutschen Besatzern leicht, sich als „Befreier“ zu inszenieren. Doch sogleich begann die SS Juden und Regimegegner zu verfolgen. Die NS-Propaganda stachelte Lett*innen gegen jüdische Bürger*innen auf. Lettische Hilfspolizisten bewachten das Rigaer jüdische Getto und brachten die Bewohner*innen zu den Hinrichtungsstätten. Das lettische Arajs-Kommando nahm aktiv an den Massenerschießungen teil. Lettische Einheiten beteiligten sich auch an den Verbrechen der Deutschen in Belarus, wo die Besatzer eine Todeszone mit unzähligen niedergebrannten Dörfern und vielen Opfern hinterließen.

Nach der Rückkehr der Sowjets war die lettische Bevölkerung erneut stalinistischen Verfolgungen, Hinrichtungen und Deportationen ausgesetzt. Der 8. bzw. 9. Mai 1945 gelten deshalb aus lettischer Sicht nicht als Tage der Befreiung, sondern als Fortsetzung repressiver Herrschaft.

Gegensätzliche Erinnerungskulturen
Folge des historischen Elends sind gegensätzliche Erinnerungskulturen, die sich bis heute auf die internationale Politik auswirken. Russischsprachige feierten in Riga den 9. Mai als Tag der Befreiung am sowjetischen Siegesdenkmal in Riga. Doch nach dem 24. Februar 2022 beschlossen die lettischen Parlamentarier*innen, dieses und alle weiteren Denkmäler in Lettland, die an den Sieg der Roten Armee über Wehrmacht und Waffen-SS erinnerten, abzureißen, obwohl ein Vertrag mit Russland zu deren Erhalt verpflichtete. Der lettische Gesetzgeber verbot sogar Protestkundgebungen gegen diesen Beschluss.

Die letzten SS-Legionäre und ihre – nicht selten jungen – Verehrer*innen dürfen dagegen weiterhin am 16. März vom Rigaer Dom bis zum Nationaldenkmal ziehen. SS-Legionäre mussten an der Seite der deutschen Wehrmacht kämpfen und waren meistens zwangsweise rekrutiert worden. Doch in ihren Reihen fanden auch jene Unterschlupf, die sich zuvor an Massenerschießungen und an der angeblichen „Partisanenbekämpfung“ in Belarus beteiligt hatten. Kollaboration ist aber ein Tabu-Thema, stattdessen verleihen Nationalkonservative den SS-Legionären das Image von antibolschewistischen Freiheitskämpfern.

Die gegensätzlichen Erinnerungskulturen haben innen- wie außenpolitische Folgen. Die „Nationale Allianz“, die in den letzten Jahren mitregierte und in ihrer Rhetorik der deutschen AfD gleicht, polemisiert oftmals gegen russischsprachige Einwohner. Nationalkonservative Politiker*innen diffamierten sie als „Okkupanten“ oder „Migranten“. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine tarnt sich die lettische Assimilierungspolitik als Sicherheitspolitik: Mittlerweile darf Russisch nicht mehr als Unterrichtssprache an staatlichen Schulen verwendet werden, das Fach Russisch wird abgeschafft. Straßen, die an russische Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen erinnern, wurden umbenannt; die einstige „Moskauer Straße“ heißt jetzt „Lettgallische Straße“. Ulmanis hätte seine Freude gehabt.

Außenpolitisch hat sich die Aversion gegen die Sowjetunion auf Russland übertragen. Gegen „Putler“ hilft nach lettischer Lesart nur militärische Entschlossenheit. Verhandlungen hatten die baltischen Regierungen bereits vor dem Februar 2022 abgelehnt. Gespräche mit der russischen Regierung hätten bedeutet, die NATO-Osterweiterung, also auch die eigene Mitgliedschaft im Bündnis, zur Debatte zu stellen. Die Deutschen wurden im Januar 2022 vom damaligen lettischen Außenminister Artis Pabriks belehrt, dass sie ihre „pazifistische Nachkriegsphilosophie“ überwinden müssten. Er drohte mit einem Bruch der EU, wenn andere Länder nicht zu Waffenlieferungen an die Ukraine bereit seien. Annalena Baerbock imponierte die lettische Haltung und sie nahm sich vor, aufmerksam zuzuhören, um Wehrhaftigkeit zu erlernen.

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Udo Bongartz ist Online-Journalist für Lettlandweit.info. Er lebte und arbeitete von 2004 bis 2025 in Riga.