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Film als Kultstätte des Krieges
Soft Power: US-Spielfilme im Krieg für das Gute
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‘Krieg’ ist keine ewige Naturtatsache und liegt uns auch nicht in den Genen. Erst seit etwa 5.000 Jahren bildet er im Zuge der Entstehung des Staates eine Grundsäule jenes zerstörerischen Zivilisationsprogramms, das die Spätgeschichte des Homo sapiens kennzeichnet. Kriegerisches Massenmorden steht als Kulturphänomen durchaus nicht in Einklang mit dem Wesen unserer Gattung! Über hunderttausende Jahre war der Mensch gerade durch seine Empathie und egalitäre Kooperation erfolgreich. Das institutionalisierte Töten von Artgenossen konnte von den neuen politischen Machtkomplexen des Metallzeitalters nur durch ideologische Umformatierungen der Beherrschten durchgesetzt werden.
Seit den frühen Stadtstaaten übernahmen zunächst patriarchale Hochreligionen (Kriegstempel, Kriegsgottheiten, irdische Gottkönige) diese Funktion einer Heiligung der ‘naturwidrigen’ Totmachkomplexe. Wir nennen heute das ideologische Gefüge – im Gegensatz zur materiellen Waffenbasis der Machtsysteme – ‘Soft Power’. Das Weiche und Geschmeidige ist unerlässlich, um die Getriebe der modernen Massenvernichtung in Bewegung zu setzen.
Ab dem späten 19. Jahrhundert, als die Bilder laufen lernten, wurde der Film zur dominanten Kultstätte des Krieges. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich ein militärisch-unterhaltungsindustrieller Komplex mit Verflechtungen zwischen Medienproduzenten, Staatsmacht und Kriegskonzernen. Eine Führungsrolle kam der US-amerikanischen ‘Bildermaschine für den Krieg’ zu. Diese hat mehr als jeder andere Faktor den Militarismus in den Vereinigten Staaten reproduziert und über die globale Distribution auch zur Militarisierung der gesamten Weltgesellschaft beigetragen. Es handelt sich um einen regelrechten Rüstungssektor, der die öffentlichen Diskurse infantilisiert und dadurch einer entsprechend unverantwortlichen Politik den Weg bahnt.
‘Militainment’
Ein enger Blick nur auf den eigentlichen Kriegsfilm würde in die Irre führen, denn die Militarisierung betrifft alle Genres: auch Historiendrama, Katastrophenfilm, Weltuntergangskino, Sciencefiction, Fantasy-Märchen, Geheimdienst-Action, Polit-Thriller, Sonntagabend-Krimi etc. Während die der Aufklärung verpflichtete Friedensforschung die Rolle der Informationsmedien im Kriegsfall längst untersuchte, erkannten nur wenige die Breitenwirksamkeit des ‘Militainments’.
Die Vereinten Nationen wollten das 3. Jahrtausend unserer Zeitrechnung mit einer Dekade zur Kultur der Gewaltfreiheit für alle Kinder dieser Erde beginnen. Aus dem imperialen US-Kino kamen hingegen als Vorboten einer Dekade mit ultimativer Hochrüstung der Massenkultur zwei Blockbuster-Trilogien: „The Lord of the Rings“ (2001-2003) und „The Matrix“ (1999, 2003). Diese weltweit erfolgreichen Kassenschlager begannen als Märchen-Saga wider die Magie der Macht und als subversive Philosophie mit anarchischer Potenz, um sodann die Fangemeinden in religiös aufgeladene Weltkriege (Endsieg der Guten über das Böse) zu führen.
Die Militainment-Sortimente der 2000er Jahre offenbaren einen vielseitigen ‘Lehrplan’ der massenkulturellen Kriegssubventionierung: Der Krieg wird – ausgehend von einem Welt- und Menschenbild der Konkurrenz – zum universalen, ‘naturgegebenen’ und alternativlosen Programm. Die Militarisierung erstreckt sich auf alle Zeit-Dimensionen (ewige ‘Naturtatsache’, bellizistische Darbietung der gesamten Menschengeschichte, Gegenwartschauplätze, kriegerische Sciencefiction für jede erdenkliche Zukunft) und Raum-Dimensionen (bis ins äußerste Universum). Das Kriegskino mobilisiert die kampfbereite Nation und sorgt für die Ikonographie der ‘globalen Mission’ des Imperiums. Es betreibt über revisionistische Drehbücher ‘Geschichtspolitik für den guten Krieg’ (womit zivilisatorische Lernprozesse sabotiert werden), antwortet auf kritische Zeittendenzen mit einem vermeintlichen ‘Antikriegsfilm-Paradigma’, sorgt für die Wahrung von Tabus (ökonomische Interessen, Kriegslügen, Kriegsverbrechen der eigenen Seite) und inszeniert – selektiv und instrumentell – die ‘humanitäre Katastrophe’ (die ‘Notwendigkeit menschenfreundlicher Militäreinsätze’ gilt nicht zuletzt deshalb für die jüngeren Generationen längst als Dogma). Die Massenkultur betreibt kollektive Psychopolitik durch archaische Kriegsmythen und Kriegstheologie, aktiviert das Feindbildschema (Kulturkampf-Agenda) und sorgt für den Aufbau des Bedrohungsgefühls. Weitere Funktionen betreffen das positive Militärimage und die Rekrutierung (z.B. Militär als gesellschaftlicher Ordnungsfaktor, sexuelle Attraktivität des Soldaten, Technikfaszination, Aussicht auf Identitätsfindung und Karriere, Bewerbung von ‘Kriegsabenteuern’, Helden- und Märtyrerkult).
Wo bleibt eine Debatte?
Die massenkulturelle Propaganda zur Begünstigung bzw. Billigung von Verbrechen gegen Menschen- und Völkerrecht ist leider nie Gegenstand einer breiten öffentlichen Debatte geworden. Es gilt als unproblematisch, wenn speziell auch militärisch subventionierte Kunstwerke eine Lanze brechen für ein vermeintliches Recht auf Angriffshandlungen an jedem Ort des Globus, den Einsatz geächteter Kriegsmittel, Gleichgültigkeit gegenüber zivilen ‘Kollateralschäden’, die negative Darstellung ganzer Kulturräume oder Religionen, die Missachtung rechtsstaatlicher Verfahren und die Kreation willkürlicher neuer ‘Rechtsnormen’.
1996 verkündete der Internationale Gerichtshof sein Rechtsgutachten zur grundsätzlichen Völkerrechtswidrigkeit von Atomwaffen. Ab dem Folgejahr kamen dann mehrere militärisch unterstützte US-Produktionen auf TV-Bildschirm und Kinoleinwand, die die modernste Nuklearwaffentechnologie als unerlässlich zur ‘Rettung der Erde’ anpriesen.
Beim Einsetzen der Kriegspolitik der Bush-Administration, die Millionen Menschen den Tod gebracht hat, lag – mit gutem Timing – ein imponierendes Sortiment von Pentagon-geförderten Kriegs- bzw. Terrorfilmproduktionen schon vor. Viele US-Filmproduktionen mit staatlichen Kooperationspartnern stellen Folter, Geiselerschießung oder Geheimdienstmorde ganz indifferent als übliche Methoden vor. Ganze Filmsortimente hebeln mit Schützenhilfe des Pentagons internationale Rechtsnormen aus und üben sich in großer Gleichgültigkeit gegenüber toten Zivilist*innen eines anderen Kulturkreises. Das Militärgerichtsdrama Rules zeigt z.B. – wie das ebenfalls vom Pentagon unterstützte Somalia-Epos Black Hawk Down – Menschen eines islamischen Landes vorzugsweise als feindselige Masse.
Zur massenkulturellen Formung des öffentlichen Rechtsbewusstseins trug auch eine TV-Militärgerichtsserie bei, die im Sinne des Militärs ebenfalls förderungswürdig war.
Akzeptanz für die ‘außergerichtlichen Hinrichtungen’ durch ferngelenkte Drohnen hat die Massenkultur schon beworben, als es die Praxis selbst noch gar nicht gab. Die vom Pentagon unterstützte Hollywood-Produktion Stealth (2005) bereitete die Zuschauer – unter Vorspiegelung eines ethischen Diskurses – auf eine revolutionär neue Militärtechnologie vor: Das der Aufklärung dienende Unmanned Air Vehicle ist längst zum UCAV (Unmanned Combat Air Vehicle) weiterentwickelt worden; die Zeit der bemannten Kampfjets läuft aus. Es entsteht schließlich eine UCAV-Generation, die auf der Grundlage elektronischer Datenverarbeitungssysteme mit integrierten ‘Lernprozessen’ autonome ‘Entscheidungen’ trifft bzw. eigene ‘Handlungsmuster’ entwickelt …
Bei Hollywoods Weltrettungs-Operationen war schon immer das Weiße Haus die Zentrale. Im Trumpismus gerät die Politik selbst mehr denn je zum Kino. Auch die Nachrichtenformate sind schon überwiegend zu einem unterhaltsamen Mix aus Fakten und Fiktionen verkommen. Neue KI-Filmtechnologien werden Machtveränderungen im Konzert der maßgeblichen Medienkonzerne bewirken. Einige neue Titel unterbrechen den Propaganda-Kanon nur vordergründig (Oppenheimer 2023; A House of Dynamite 2025). Überlebensnotwendig wäre eine durchgreifende Abrüstung der Massenkultur.