Hybride Kriegführung: Hindernis für Entspannung und Frieden in Europa?

Über die Gefahr vorschnellen Verurteilens bei „hybriden Angriffen“

von Jürgen Scheffran
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Seit dem Ukrainekrieg häufen sich Berichte über hybride Angriffe auf die zivile und militärische Infrastruktur Europas: Sabotage von Infrastruktur, zerstörte Unterseekabel in der Ostsee, Wirtschaftsspionage, Unterbrechung von Lieferketten, Instrumentalisierung von Flüchtlingen, Drohnenausspähung, abgestürzte Flugzeuge, Fake News, Cyberkrieg. Die Liste der Vorwürfe ist lang, konkrete Belege über Verursacher fehlen jedoch meist.

Die Schwierigkeit, Verantwortlichkeiten zu identifizieren, liegt in der Natur des hybriden „Schattenkriegs“, der die Grauzone zwischen Krieg und Frieden, Freund und Feind, Innen- und Außenpolitik verwischt (Scheffran 2019). Das Konzept geht zurück auf den US-Sicherheitsanalytiker Frank Hoffmann, der neue hybride Bedrohungen beschrieb als „verschiedene Arten der Kriegsführung, einschließlich konventioneller Fähigkeiten, irregulärer Taktiken und Formationen, terroristischer Handlungen, einschließlich wahlloser Gewalt und Zwangsmaßnahmen, sowie krimineller Unordnung“ (Hoffman 2007). Dabei können staatliche und nicht-staatliche Akteure beteiligt sein, die verschiedene Kampfmittel einsetzen, von Militäreinsätzen und wirtschaftlichem Druck über Computerangriffe bis hin zu Propaganda und Desinformation in Medien und sozialen Netzwerken. Verdeckte Operationen sollen Schaden anrichten, Gesellschaften destabilisieren und die öffentliche Meinung beeinflussen, bis hin zur Manipulation von Wahlen.

Risiken des hybriden Krieges

Hybride Kampfmittel spielten früher schon eine Rolle, auch im Kalten Krieg. Während die Sowjetunion dadurch den eigenen Einflussbereich sicherte, setzten die USA Geheimdienstoperationen und irreguläre Spezialkräfte für Umstürze ein (etwa in Lateinamerika) und beteiligten sich bis in die jüngste Zeit an Informationskriegen. Angesichts vieler Interventionen zur Durchsetzung westlicher Interessen nach 1990 (Golf- und Irakkriege, Konflikte in Jugoslawien, Afghanistan, Ukraine), schlagen damit verbundene Bedrohungen auf den Westen zurück, durch die Konflikte in Nahost, im nördlichen Afrika und im südlichen Asien, die damit verbundene Flüchtlingsproblematik und den Rechtspopulismus bis hin zu den Sicherheitsrisiken des Klimawandels, an denen westliche CO2-Emissionen erheblichen Anteil haben. All diese Risiken können von internen und externen Akteuren geopolitisch instrumentalisiert werden. Dies wurde offenkundig seit den verdeckten Operationen beim Umsturz in der Ukraine 2013, der Besetzung der Krim durch Russland 2014 und dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022.

Diese Ereignisse wurden zum Beschleuniger der hybriden Kriegführung und beeinflussten zunehmend die europäische Bedrohungswahrnehmung. Ein jüngeres Beispiel ist die Beschädigung zweier Untersee-Datenkabel in der Ostsee am 17. und 18. November 2024, was zu einer Unterbrechung der Kommunikationsverbindungen führte. Die deutsche Außenministerin Baerbock sprach von einem möglichen „hybriden Angriff“, da die Schäden „keine Zufälle“ sein könnten, und auch Verteidigungsminister Pistorius ging davon aus, dass es sich um Sabotage handle (Winkler 2024). Einige Expert*innen mahnten jedoch zur Vorsicht, denn die genauen Umstände der Vorfälle blieben unklar (Biederbeck 2024). Vermutet wurden äußere Einflüsse wie Anker oder Schleppnetze von Schiffen, und die Beschädigung von Meereskabeln kommt immer wieder vor, mit weltweit rund 150 Fällen im Jahr (Presse 2024). In Verdacht stand ein Schiff unter chinesischer Flagge und mit russischem Kapitän, wobei China sich bereit erklärte, bei den Ermittlungen zu helfen.

Die mediale Aufmerksamkeit wurde gesteigert durch eine am 25. November 2024 in Litauen abgestürzte DHL-Frachtmaschine, wobei zunächst ein russischer Sabotageakt nicht ausgeschlossen wurde. Vier Monate später ging die litauische Staatsanwaltschaft nach einer Untersuchung von Flugdatenschreiber und Stimmenrekorder des Flugzeugs von einem Pilotenfehler als Ursache aus (Stern 2025). Dies zeigt eine zentrale Herausforderung hybrider Kriegsführung, die Verantwortungszuweisung (Attribuierung). Dies wird besonders kompliziert, wenn die eigene Beteiligung über nicht-staatliche Stellvertreter verschleiert und abgestritten wird.

Wer ist verantwortlich?

Ein prominentes Beispiel war der Anschlag auf die russischen Nord-Stream Gaspipelines vom September 2022, der bislang größte Sabotageangriff auf die kritische Infrastruktur Europas. Interessierte Kreise beschuldigten sogleich Russland, was wenig plausibel erschien. Andere vermuteten Kreise aus USA und NATO als Drahtzieher, um die missliebige Pipeline auszuschalten. Verschiedene Hinweise deuten heute daraufhin, dass ein ukrainischer Profitaucher dafür verantwortlich war, der trotz deutschen Haftbefehls frei in die Ukraine ausreisen konnte.

Eine neue Dimension erreichen hybride Kriege mit dem zunehmenden Einsatz von zivilen und militärischen Drohnen für Angriff, Verteidigung und Informationsbeschaffung, die oft schwer zu unterscheiden sind. Dies gilt ebenso für hybride Konflikte im Cyberspace, der alle Bereiche der Gesellschaft umfasst und anfällig ist für Desinformation, Hacking und digitale Manipulation durch Künstliche Intelligenz, bis zum Cyberkrieg. Zunehmend wird auch der Tiefseeboden zu einem Feld hybrider Kriegführung. In China und vermutlich auch in anderen Ländern wird an elektrischen Schneidevorrichtungen gearbeitet, die Leitungen in bis zu vier Kilometer Meerestiefe durchtrennen können (Lange 2025). Die NATO kündigte an, alle kritischen Infrastrukturen in den von ihr kontrollierten Gewässern zu kartieren und Schwachstellen zu ermitteln, koordiniert durch ein multinationales Marinehauptquartier in Rostock. Eine Software soll Daten und Bilder von Hydrophonen, Radargeräten, Satelliten, dem automatischen Schiffsidentifizierungssystem und Glasfaserkabeln mit verteilten akustischen Sensoren kombinieren (Presse 2024).

Auch wenn mehr Überwachung und Transparenz Risiken mindern können, sind Angriffe auf verwundbare kritische Infrastrukturen nicht auszuschließen. Die Komplexität hybrider Bedrohungen macht es schwierig, Wahres von Falschem zu trennen, was Fehlinterpretationen Tür und Tor öffnet. Vorschnelle Verurteilungen können als Vorwand für eigene Aufrüstung und Kriegsvorbereitung dienen. So warnte der BND Putin, dass ein hybrider Krieg den NATO-Bündnisfall auslösen könne. Statt überbordender Bedrohungswahrnehmungen, die Misstrauen säen, braucht es eine realistische Lagebewertung und die Schaffung resilienter Infrastruktur. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für Verhandlungen und Rüstungskontrolle auf dem Weg zu Entspannung und nachhaltigem Frieden.

Literatur

  • Biederbeck, M. (2024) „Russlands hybride Aktivitäten nehmen zu“. Wirtschaftswoche 28.11.2024.
  • Hoffman, F.G. (2007) Conflict in the 21st Century – The Rise of Hybrid Wars. Potomac Institute for Policy Studies.
  • Lange, L. (2025) Chinas Unterwasserkabel-Cutter. Telepolis 27.03.2025.
  • Presse (2024) Durchtrennte Kabel, kaputte Rohre: Immer wieder Sabotageverdacht in der Ostsee. Die Presse 04.12.2024.
  • Scheffran J. (2019) Formen hybrider Kriege: Zwischen Ambivalenz und Komplexität. W&F 2019/3, S. 9–12.
  • Stern (2025) Absturz von DHL-Flugzeug: Litauische Behörden gehen von "menschlichem Versagen" aus. Stern online 26.03.2025.
  • Winkler, L. (2024) Plötzliche Beschädigung von Unterseekabel – Baerbock spricht von „hybrider Kriegsführung”, Frankfurter Rundschau 22.11.2024.

Jürgen Scheffran ist Professor für Geographie (em.) und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit an der Universität Hamburg.

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Prof. Dr. Jürgen Scheffran ist Professor für Klimawandel und Sicherheit am Institut für Geographie der Universität Hamburg. Er ist Leiter der Forschungsgruppe Climate Change and Security innerhalb der Exzellenzinitiative “Integrated Climate Systems Analysis and Prediction” am KlimaCampus Hamburg.