Ukraine-Krieg

Was zählen Menschenleben gegen Börsenkurse?

von Otmar Steinbicker
Im Blickpunkt
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( c ) Netzwerk Friedenskooperative

Als Russlands Präsident Putin nach der Militärparade am 9. Mai Interesse an einem Ende des Krieges in der Ukraine bekundete und Ex-Bundeskanzler Schröder als Vermittler vorschlug, war das ein Signal, dass Putin offenbar begriffen hatte, dass er den Krieg in der Ukraine nicht mehr gewinnen kann. Putins knappe und in sich auch widersprüchliche Äußerungen überraschten. Wollte er noch vor wenigen Monaten die Europäer aus der Suche nach einem Kriegsende heraushalten, so suchte er jetzt ihre Mitwirkung.

Bei solchen jähen Wendungen spitzen Diplomat*innen berufsbedingt die Ohren und versuchen herauszufinden, ob es da neue Aspekte und womöglich Ansatzpunkte für eigene Initiativen gibt, oder ob es sich da nur um ein zu vernachlässigendes propagandistisches Ablenkungsmanöver handelt. Womöglich hätte ein kurzes Nachfragen bei Schröder ausgereicht, wie Putins Äußerungen zu verstehen sind und welche möglichen Verhandlungspositionen er einbringen will. Danach hätte man entweder die Akte zuklappen können oder ein ernsthaftes Nachdenken im Hinblick auf Perspektiven für ein Kriegsende in der Ukraine starten müssen.

Doch die Bundesregierung wies Putins Angebot prompt zurück. Es reihe sich in eine Serie von Scheinangeboten ein und sei Teil der bekannten hybriden Strategie Russlands, hieß es. Verteidigungsminister Pistorius sprach gar von hybrider Kriegsführung Putins. Das war es dann, und ob es da womöglich ernsthafte Ansätze für Diplomatie gegeben hätte oder nicht, werden wir womöglich nie erfahren.

Dass dieser Krieg weder von Russland noch von der Ukraine gewonnen werden kann, hatte bereits im Januar 2023 die Rand Corporation, ein US-Thinktank, der u.a. das Pentagon berät, in einer 30-seitigen Studie ausführlich analysiert. Diese Aussage bleibt trotz aller Varianten und Aktualisierungen im Frontverlauf noch immer unwidersprochen.

Offenbar setzt die Bundesregierung jetzt statt auf Bemühungen um ein Kriegsende auf eine Weiterführung des blutigen und für beide Seiten verlustreichen Krieges. Glaubt sie wirklich an eine Siegesperspektive der Ukraine?

Dafür könnte sprechen, dass der langsame, aber kontinuierliche Vormarsch der russischen Armee seit Januar 2026 praktisch zum Erliegen gekommen ist und die Ukraine sogar kleine Geländegewinne erzielen konnte. Wenn Berichte der russischen Medien Mediazona und Meduza zutreffen, dürften seit Kriegsbeginn 352.000 russische Soldaten gefallen sein. Diese Zahl wäre mehr als das Sechsfache der Zahl der im Vietnamkrieg getöteten US-Soldaten. Und selbst bei einem weiteren russischen Vormarsch im bisherigen Tempo dürfte es drei Jahre dauern, bis die beanspruchten Territorien im Donbass erobert sind. Sicher ist, Russland kann diesen Krieg nicht gewinnen!
Aber kann am Ende die Ukraine diesen Krieg gewinnen? Über die Zahl der getöteten ukrainischen Soldaten herrscht großes Schweigen. Womöglich mag sie deutlich unter der russischen Zahl liegen. Aber wie viel Zeit würde die Ukraine selbst bei dem Tempo seit der kurzen Zeit kleiner Geländegewinne benötigen, um die bisher von russischen Truppen besetzten Territorien zurückzugewinnen? Sicher ist allemal, auch die Ukraine kann diesen Krieg nicht gewinnen!

Was aber mag dann die Bundesregierung bewegen, auf eine Fortsetzung des Krieges zu setzen?

Neu am Ukrainekrieg ist eine veränderte Form der Kriegführung. Wo am Anfang die russischen Panzerarmeen kläglich scheiterten und sich anschließend ein Stellungskrieg ähnlich dem Ersten Weltkrieg festfraß, hat sich heute eine neue Art von Drohnenkrieg entfaltet mit ständig neuen technologischen Varianten, die von den Kriegsparteien entwickelt und in der Praxis getestet und gegenseitig weiterentwickelt werden.

Verteidigungsminister Pistorius gab seine Ablehnung des Putin-Angebots in Kiew bekannt, wo er gerade über eine gemeinsame Drohnenproduktion mit der Ukraine verhandelte. Dabei soll es Joint Ventures zwischen deutschen und ukrainischen Unternehmen geben, um Drohnen mit einer Reichweite von bis zu 1.500 Kilometern zu entwickeln und zu produzieren.

Pistorius besuchte dabei auch Gefechtsstände der ukrainischen Armee, wo Soldaten dort vor Großbildschirmen sitzen und Livestreams aus den Aufklärungsdrohnen und den mit Gefechtsköpfen bestückten Kamikazedrohnen in vielen kleinen Fenstern liefen. Pistorius zeigte sich im „heute journal“ begeistert vom immensen technologischen Fortschritt der Ukraine bei der Drohnenabwehr, beim Einsatz Künstlicher Intelligenz und unbemannter Systeme. Der Kampf mit digital gesteuerten, unbemannten Systemen sei ein großer Fortschritt. Da könne die Bundeswehr mit dieser technischen Ausstattung nicht mithalten.

Im Mittelpunkt der gemeinsamen Entwicklung modernster unbemannter Systeme gehe es um Fähigkeiten im Bereich „Deep strike“, also um die Fähigkeit, wichtige Angriffsziele weit im Hinterland eines gegnerischen Landes zu zerstören.

Welcher Rüstungskonzern möchte angesichts einer solchen Dynamik noch abseits stehen und nicht völlig neue und aktuell kriegstüchtige Produkte entwickeln? Da locken Dividende, die womöglich von „Friedensangst“ (ein sehr neuer Begriff in der Börsensprache!) gefährdet werden könnten.

Was zählen da noch Menschenleben gegen Börsenkurse?

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Otmar Steinbicker ist Redakteur des FriedensForums und von aixpaix.de