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Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 8. August 2025 in Unna
- Es gilt das gesprochene Wort -
Liebe Freundinnen und Freunde,
Als hätte man nur darauf gewartet, wurde nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine fast begeistert eine Zeitenwende ausgerufen und es erfolgten reflexartig Rufe nach Vergeltung, also Eskalation, und nach Kriegstüchtigkeit und, es dauerte gar nicht lange, auch nach atomarer Aufrüstung, nicht nur in Europa, sondern auch in Deutschland. Die Alten, die den Krieg noch erlebt haben, sind fast alle tot, und die Jungen haben es nicht gelernt – so fällt es interessierten Kreisen leicht, teils getrieben von Machthunger und Geldgier, unter Schüren von Ängsten in der Bevölkerung, teils auch im guten Glauben aus Ahnungslosigkeit bezüglich der Folgen, atomare Aufrüstung zu fordern und Atomkriege denkbar zu machen.
Dies erfolgt oft auch unter Hinweis darauf, dass es ja nun auch kleine, weniger schreckliche Atomwaffen gibt – als ob diese nicht ganz so gefährlich wären – als ob man jemals davon gehört hätte, dass der Gebrauch von kleineren Waffen die Anwendung größerer verhindert hätte! Das Gegenteil ist der Fall – der Einsatz dieser sogenannten taktischen Atomwaffen steigert erst recht die Gefahr eines großen Atomkriegs!
Es ist darum an uns, der Zivilgesellschaft, die Schrecken einer solchen Schlacht deutlich zu machen, und es ist die spezielle Aufgabe der IPPNW, der Internationalen Ärzt*innen für die Verhütung des Atomkrieges, die gesundheitlichen Gefahren zu benennen. Den meisten von uns ist ja wohl die Wirkung radioaktiver Strahlung aus der Diskussion um die zivile Nutzung der Atomenergie bewusst: Wir wissen, dass eine Freisetzung, auch ohne eine Explosion, zu Krebs, Missbildungen bei Ungeborenen und zu Erbschäden in den nachfolgenden Generationen führt. Genau dieses ist den Überlebenden der Bombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki passiert, nur in einem noch viel größeren und dramatischeren Ausmaß, als man sich das beim Supergau eines Atomkraftwerks vorzustellen hat.
Dazu kommen aber auch noch die direkten Auswirkungen der Explosion, einer Explosion, die weit über die Zerstörungskraft einer konventionellen Bombe hinausgeht und eigentlich kaum vorstellbar ist.
Der atomare Blitz blendet die Menschen, die Druckwelle kurz darauf zerquetscht ihre Körper, die Hitzestrahlung lässt sie zerschmelzen. In den Randgebieten verbrennen die Menschen lebendigen Leibes.
Wer es aushalten kann, möge eine Ausstellung in Dortmund besuchen. Diese haben die IPPNW und die Deutsch-Japanische Gesellschaft in der Berswordthalle gegenüber dem Rathaus vor zwei Tagen eröffnet. (...) Sie zeigt zum einen Fotos aus den ersten Tagen nach dem Ereignis in den beiden japanischen Städten und zum anderen Bilder, die kürzlich von japanischen Malschülern unter Mithilfe der Überlebenden angefertigt worden sind – eine ganz neue Form der Tradierung von Erinnerung. Die Bilder sind grauenhaft.
Man sieht dort: Hilfe ist nicht möglich. Die Ärzte, die im Randbereich überlebten, hatten kein Material, keine Medikamente, die Krankenhäuser existierten nicht mehr. Und diesmal waren nur zwei Bezirke betroffen – das wäre in einem Atomkrieg nicht der Fall: Sämtliche Infrastruktur wäre zerstört, der sogenannte „elektromagnetische Blitz“ der Bombe setzt in Sekundenschnelle die gesamte elektrische und elektronische Ausstattung eines Landes außer Kraft, die zivile und die militärische. Ein Strom-Blackout verhindert jede moderne Kommunikation und damit auch eine militärische Koordination oder einen organisierten Rettungsdienst – wer jetzt aus seinem Bunker kriecht, wird die Toten beneiden.
Dazu kommen die Spätfolgen, die die ganze Erde und also auch die nicht-kriegsführenden Länder betreffen: Die Rauchwolken verdunkeln die Sonne (wie man dies auch von Vulkanausbrüchen kennt), es entsteht der sogenannte „Nukleare Winter“ mit Ernteausfällen, Hungersnöten, Flüchtlingswellen, Auflösung staatlicher Ordnungen, Gewalttaten – kurz gesagt, es erfolgt das Ende der Zivilisation.
Was ist die Lehre daraus? Einen Atomkrieg kann man nicht gewinnen.
Die einzige Option ist die Abschaffung aller Atomwaffen, überall auf der Welt.
Liebe Zuhörer,
man wirft uns Aufrüstungsgegnern („Kriegsgegner“ will ja sowieso fast jeder sein) ja vor, wir würden Illusionen nachhängen. Ist es aber nicht vielmehr eine Illusion, zu glauben, man könne das Risiko eines Atomkriegs beherrschen? Was wäre denn z.B., wenn ein Atomstaat in die Hände eines faschistischen, fanatischen Regimes wie unter Hitler geriete? Oder ein Atomkrieg quasi aus Versehen ausgelöst würde, wie der Krieg 1914, auch ohne eigentliche Kriegsabsicht? Dann will es wieder keiner gewesen sein. Und damit wir uns nicht sagen lassen müssen: „Warum habt Ihr nichts dagegen gesagt?“, darum sind wir heute hier.
Vielen Dank.
Dr. Jürgen Huesmann ist aktiv bei der IPPNW-Regionalgruppe Dortmund.