Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 9. August 2025 in Wedel

 

- Sperrfrist: 9.8., Redebeginn: 20 Uhr -
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Ich möchte heute Geschichten des Nuklearzeitalters erzählen – aus persönlicher Sicht. Am Anfang steht der heutige Jahrestag. Vor 80 Jahren wurde in der japanischen Stadt Nagasaki ein nukleares Inferno entfesselt, drei Tage nachdem Hiroshima das gleiche Schicksal ereilte. 1995 konnte ich zum 50. Jahrestag der Atombombenabwürfe beide Orte besuchen, anlässlich der Pugwash-Konferenz und einer Pilgerfahrt auf den Spuren der Atombombe, vom Ursprung in den USA bis zu den Zielorten in Japan. Meine Eindrücke verfasste ich damals unter dem Titel „Unmenschliche Hitze“:

“Zehntausende haben sich im Friedenspark von Hiroshima versammelt, um des Atombombenabwurfs vor 50 Jahren zu gedenken.  Die Stimmung ist bedrückend, fast gespenstisch. Eine schier unerträgliche Hitze lastet schon am frühen Morgen über der Stadt. … Ähnlich heiß soll es auch damals gewesen sein.

Mit Mühe versuche ich mir vorzustellen, was am gleichen Ort 50 Jahre zuvor geschah. Menschen blickten zum Himmel, als ein einzelnes amerikanisches Flugzeug die Stadt überflog. Niemand fühlte sich beunruhigt. Während die Menschen sahen, wie das Flugzeug sich wieder entfernte, war die Bombe schon unterwegs. Der mit großem Aufwand ausgeklügelte Automatismus einer physikalischen Tötungsmaschine hatte das Regiment übernommen. In den 43 Sekunden freien Falls war die Entscheidung unwiderruflich, die Folgen aber noch nicht sichtbar. 43 Sekunden, in denen allein die Erdanziehung bestimmte, wie lange eine ganze Stadt noch zu leben hat.

Dann ging alles ganz schnell. In Bruchteilen einer Sekunde entfaltete der Atomblitz Energien und Temperaturen, wie sie sonst nur in der Sonne auftreten. … Zehntausende Lebewesen gingen in Flammen auf, verdampften zu Schattenbildern auf Wänden. Wer weit genug entfernt war, um nicht sofort zu sterben, hatte Verbrennungen der schlimmsten Art, war von radioaktiver Strahlung durchlöchert. Die atomare Sonne war schnell verschwunden, doch die alte Sonne blieb und brannte erbarmungslos auf die geschundenen Menschen hernieder. Niemand konnte helfen und den Durst löschen.

Ähnliche Gedanken mögen viele Menschen im Friedenspark bewegt haben. … Einige Überlebende waren als Zuschauer eingeladen und durften den Reden hochrangiger Politiker lauschen. Darunter auch ein amerikanischer Diplomat. … Worte des Bedauerns kamen ihm nicht über die Lippen, stattdessen der Satz "Der Schrecken von Hiroshima hat unsere Welt zu einem sichereren Ort gemacht." Nach der Veranstaltung entschwand er in einer vollklimatisierten Limousine, in der er vor der wachsenden Hitze des Tages sicher war.“

Die Atombombe ist ein Produkt der Physik und anderer Naturwissenschaften. Nachdem Otto Hahn, Fritz Straßmann und Lise Meitner Ende 1938 die Kernspaltung entdeckt hatten, wuchs die Furcht vor eine Atombombe Hitlers. Besorgt unterschrieb der Pazifist Albert Einstein, der 1914 gegen den Ersten Weltkrieg protestierte, einen warnenden Brief an US-Präsident Franklin D. Roosevelt. Daraufhin starteten die USA das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe in Los Alamos, das bis dahin teuerste wissenschaftliche Projekt, unter Leitung von Robert Oppenheimer, ehemaliger Forschungsstudent an der Universität Göttingen. Am 16. Juli 1945 entfesselten sie in Alamogordo die Kettenreaktion in der ersten Kernexplosion.

Nachdem der Geist aus der Flasche war, wollten einige am Projekt Beteiligte die Bombe nicht gegen Menschen einsetzen – vergeblich. Nach dem Weltkrieg bemühten sich manche um nukleare Abrüstung – zunächst mit geringem Erfolg. Immer mehr Staaten beteiligten sich am Wettrüsten. Das Bulletin of the Atomic Scientists erfand die Doomsday Clock, die von 7 Minuten vor Mitternacht 1947 auf 2 Minuten 1953 vorrückte, ein Zeichen für die wachsende (Atom-)Kriegsgefahr.

Albert Einstein unterzeichnete wenige Tage vor seinem Tod im April 1955 ein von dem britischen Philosophen, Mathematiker und Politiker Bertrand Russell zugesandtes Manifest. Am 9. Juli wurde es der Öffentlichkeit vorgestellt. Vieles darin ist heute noch aktuell:

„Angesichts der tragischen Situation, der die Menschheit gegenübersteht, meinen wir, dass sich die Wissenschaftler zusammenfinden sollten, um die Gefahren aus der Entwicklung von Massenvernichtungswaffen abzuschätzen,“

„Wir müssen lernen, auf neue Art zu denken. Wir sollten nicht mehr danach fragen, welche Mittel und Wege für den militärischen Sieg der von uns bevorzugten Partei offen stehen; solche Möglichkeiten gibt es nicht mehr. Vielmehr stehen wir vor der Frage: welche Schritte können unternommen werden, um eine militärische Auseinandersetzung zu verhindern, deren Folgen für alle Beteiligten katastrophal sind?“

„Obgleich ein Abkommen über den Verzicht auf Atomwaffen als Teil einer allgemeinen Abrüstung keine endgültige Lösung wäre, würde. es dennoch wichtigen Zwecken dienen.“

„Wir wenden uns als Menschen an unsere Mitmenschen: Erinnert Euch Eures Menschseins und vergesst alles andere! Wenn Ihr das vermögt, dann öffnet sich der Weg zu einem neuen Paradies. Könnt Ihr es nicht, dann droht Euch allen der Tod.“

Sie enden mit einem Appell: „Angesichts der Tatsache, dass in einem künftigen Weltkrieg Kernwaffen sicherlich eingesetzt würden und derartige Waffen die Existenz der Menschheit bedrohen, fordern wir die Regierungen der Welt auf, einzusehen und öffentlich einzugestehen, dass ein Weltkrieg ihren Zielen nicht förderlich sein kann. Weiterhin fordern wir sie auf, friedliche Mittel aufzufinden, um alle Streitigkeiten zwischen sich zu schlichten.“

Mitunterzeichner des Russell-Einstein Manifests waren Nobelpreisträger wie Linus Pauling, der 1963 den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz gegen Nukleartests erhielt, und Joseph Rotblat, der das Manhattan-Projekt vorzeitig verließ, als das Kriegsende absehbar war.

Es folgten weitere Aktivitäten: die „Mainauer Erklärung“ von Nobelpreisträgern am 16. Juli 1955, die Gründung der Pugwash-Bewegung 1957 und das Manifest der Göttinger 18 gegen die Atombewaffnung der Bundeswehr im gleichen Jahr. Trotz der Atomkriegsgefahr in der Kubakrise 1962 zeigten sich erste Erfolge: der Verzicht Deutschlands auf eigene Atomwaffen, das Verbot oberirdischer Atomexplosionen 1963, der Atomwaffensperrvertrag 1968, der Weltraumvertrag 1967, die Abkommen zur Begrenzung von offensiven und defensiven strategischen Waffen zwischen USA und UdSSR in den siebziger Jahren. Diese waren Ausdruck der Entspannungspolitik, wie auch die Ostpolitik Willy Brandts und die Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) 1975.

Bald brauten sich neue Gefahren zusammen. Die Stationierung von Mittelstreckenraketen und die Wahl von US-Präsident Ronald Reagan 1981 mobilisierten Hunderttausende in der Friedensbewegung. Tausende von WissenschaftlerInnen nahmen an Konferenzen in Mainz, Göttingen und Hamburg teil, um das Wettrüsten zu kritisieren und Auswege aufzuzeigen.

In dieser Zeit schloss ich mein Physikstudium an der Universität Marburg ab. Dort inspiriert auch von Wilhelm Walcher, einem der Göttinger 18, widmete ich mich beruflich der noch jungen naturwissenschaftlichen Friedensforschung. Ausgangspunkt war die Aufforderung Reagans in der sog. „Star Wars“-Rede am 23. März 1983, durch ein Raketenabwehrsystem im Weltraum Atomwaffen „impotent und obsolet“ zu machen. Bei einer Veranstaltung im März 1985 hatte ich die Gelegenheit, Reagans Sonderberater Paul Nitze zu fragen, ob nicht der umgekehrte Weg sinnvoller sei, Abwehr durch Abrüstung obsolet zu machen, was ihm politisch nicht realistisch erschien.

Im gleichen Monat wurde Michail Gorbatschow sowjetischer Generalsekretär, der anknüpfend an die Aktivitäten der Friedensbewegung versuchte, das Wettrüsten zu beenden und das Verhältnis zu den USA zu entspannen. Im Januar 1986 schlug er die Abschaffung aller Atomwaffen bis zum Jahr 2000 vor, und im Oktober 1986 traf er sich mit Reagan in Reykjavik. Dort wurde überraschend über die Beseitigung der Atomraketen gesprochen.

1987 kam es zum Verbot aller landgestützten Mittelstreckenraketen im INF-Vertrag, danach zu den START-Abkommen zur Verringerung strategischer Atomwaffen. Anfang Oktober 1989 konnte ich meine Dissertation einreichen, die das nukleare Wettrüsten und sein mögliches Ende untersuchte. In den folgenden Monaten fiel die Berliner Mauer, und die politischen Regime in Osteuropa lösten sich wie in einer Kettenreaktion auf. 1990 kam es zur deutschen Wiedervereinigung, 1991 zum Ende der Sowjetunion.

Mit Ende des Kalten Krieges eröffneten sich Chancen zur Abschaffung aller Atomwaffen, die wir in der Darmstädter Forschungsgruppe IANUS nutzen wollten. 1993 gründeten wir das International Network of Engineers and Scientists Against Proliferation (INESAP), das eine internationale Studie für die atomwaffenfreie Welt koordinierte. Zusammen mit anderen Nichtregierungs-Organisationen (NGOs) wurde im April 1995 in New York das Netzwerk „Abolition 2000“ für die Abschaffung der Atomwaffen auf den Weg gebracht. Dabei war auch Joseph Rotblat, der im gleichen Jahr mit Pugwash den Friedensnobelpreis erhielt. 1997 konnten wir den Entwurf einer Nuklearwaffenkonvention für die Abschaffung der Atomwaffen ausarbeiten, der in die Vereinten Nationen eingebracht wurde. Dies war eine Grundlage für das 2007 gegründete ICAN-Netzwerk und den Atomwaffenverbotsvertrag 2017, die im gleichen Jahr mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden. Neben der Chemiewaffenkonvention 1992, dem Verbot aller Atomwaffentests 1996 und von Antipersonenminen 1997 wurde so gezeigt, dass Abrüstung möglich ist.

Diese Wendepunkte der Geschichte wurden seit den 1990er Jahren aufs Spiel gesetzt. Der Westen verpasste die Chancen durch neue Militärinterventionen, Aufrüstung und Ost-Expansion, ohne Russland einzubeziehen. Getrieben von Globalisierung und Geopolitik entwickelten sich vernetzte Krisen und Konflikte in einer komplexen und instabilen Welt, in der Aufrüstung Öl ins Feuer gießt. Die liberale Weltordnung stößt an planetare Grenzen, die ein „neues Denken“ erfordern, um den Herausforderungen gemeinsam zu begegnen.

Dazu braucht es eine Nord-Süd-Zusammenarbeit zwischen Regierungen, NGOs und Bevölkerung, die eine „kritische Masse“ bilden, um die Machtstrukturen des fossil-nuklearen Zeitalters abzulösen und positive Kippmomente für nachhaltige, friedliche und gerechte Verhältnisse zu ermöglichen. Hier kann eine kritische und eigenständige Wissenschaft beitragen, die nicht Militarisierung und Dual-use-Strategien unterworfen wird, sondern für Abrüstung und nachhaltigen Frieden forscht. Hier gibt noch viel zu tun.

Heute ist die Atomkriegsgefahr höher denn je, ein Nuklearer Winter wäre das Ende der menschlichen Zivilisation. Die Doomsday Clock wurde dieses Jahr auf 89 Sekunden vor 12 gestellt, schlechter als 1955. Wieder steht die Stationierung von Mittelstreckenraketen vor der Tür. Es liegt an uns, den Atomkrieg zu verhindern und statt ungehemmter Aufrüstung eine neue Ära der Abrüstung in Gang zu setzen.

 

Prof. Dr. Jürgen Scheffran ist Professor für Integrative Geographie (i.R.) an der Universität Hamburg und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit