Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 6. August 2025 in Bremen

 

- Sperrfrist: 6.8., Redebeginn: 17:00 - 
- Es gilt das gesprochene Wort –

 

Mit dem Abwurf der Atombomben sind wir in ein Zeitalter eingetreten, das der Philosoph Günther Anders als letztes Zeitalter beschreibt. Wir sind jetzt für immer allmächtig und ohnmächtig zugleich geworden. Die Möglichkeit der Selbstauslöschung könne niemals enden - es sei denn durch das Ende selbst.

Wenn ich hier als Arzt nur einen einzigen Satz zu Atomwaffen-Einsätzen sagen dürfte, würde ich sagen: „Wir werden euch nicht helfen können.“

Dieses aber ist die entscheidende Erkenntnis aus den Atombombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki, an die wir heute erinnern. Diese Erkenntnis ist über alle politischen und ideologischen Unterschiede in der heutigen Debatte über Atomwaffen zentral.

"Ein Atomkrieg kann nicht gewonnen werden und darf niemals geführt werden." 

Wer hat das gesagt ? Dies ist ein Zitat aus einer gemeinsamen Erklärung der Atomwaffen-Staaten USA , Russland, China und Großbritannien. Sie stammt aus dem Januar 2022. Sie zeigt zwei zweierlei: Entscheidungsträger (es sind hier immer Männer) haben zumindest eine Ahnung, worum es existentiell geht. Eine im wahrsten Sinne des Wortes unvorstellbare Zerstörung in der Welt. Es zeigt noch etwas anderes, was auch wichtig ist in dieser scheinbar oft hoffnungslosen Zeit: Die Atomwaffenstaaten sind in der Lage, eine gemeinsame Sprache zu sprechen. 

Wir halten inne und erinnern der Toten des Atomzeitalters. Die Atombomben-Abwürfe in Japan forderten unmittelbar über einhunderttausend Todesopfer. Die Bomben zerstörten beide Städte bis auf die Grundmauern. Das Leid wird aber nicht an großen Zahlen sondern am Schicksal des Einzelnen deutlich. Eine ungeheure Druckwelle, die Mensch und Tier zerfetzten. Feuerstürme mit Temperaturen wie die der Sonne, die nur Schatten von uns Menschen übrig lassen. Und dann die radioaktive Strahlung, die tausendfach grauenvolles Siechtum und über Jahrzehnte Krebserkrankung für die Strahlenverseuchten bedeutet. Und für die Nachkommen bedeutetet sie das Risiko, Krankheit und Tod zu erben. Verlust, Depression, Traumata, einfach unendliches Leid.

Heute kämen globale Klimafolgen und millionenfacher Hunger im nuklearen Winter angesichts der tausendfach größeren Zerstörungskraft heutiger Atomwaffen hinzu. Sollen wir diese Waffen wirklich „modern“ nennen?

Die über 2000 Atomwaffentests, die nach 1945 durchgeführt wurden, haben ebenso lebensbedrohliche und langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit von Menschen und massive Umweltschäden in aller Welt zur Folge. Strahlenbedingte Erkrankungen, Fehlbildungen und radioaktive Verseuchung zählen zu den gravierendsten Folgen. Viele der Überlebenden tragen die körperlichen Behinderungen und psychischen Folgen ihr ganzes Leben lang.

Doch wie kommen wir aus dem Gedenken zum Handeln?

Die Gedenktage am 6. und 9. August 1945 – den Abwürfen der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki – sind eine eindringliche Mahnung an die Atomwaffenstaaten und an ihre Helfershelfer wie unser Land, die Bundesrepublik Deutschland, bestehende vertraglichen Verpflichtungen aus dem Atomwaffensperrvertrag einzuhalten. Diese völkerrechtliche Verpflichtung des Artikel 6 des Atomwaffensperrvertrages lautet: Atomwaffen müssen abgeschafft werden.

Mehr als 12.000 Atomsprengköpfe gibt es heute, vor allem in den USA und Russland. Es folgen Großbritannien, Frankreich, China, Indien, Pakistan, Nordkorea und Israel. Sie entwickeln ihre Arsenale weiter. Über 2.000 Atomwaffen werden in höchster Alarmbereitschaft gehalten.

Der New-START-Vertrag, der Begrenzungen für strategische Atomwaffen zwischen den USA und Russland festschreibt, läuft Anfang 2026 aus. Es droht ein nie dagewesenes Wettrüsten um Atomwaffen.

Die Strategie der atomaren Abschreckung ist die ideologische Grundlage der Atommächten und ihrer Komplizen und Helfershelfer wie den NATO-Staaten. Doch dieses Konzept ist Wahnsinns, fordert es doch jederzeit ein fehlerloses und vernunftbegabtes Wachen über einen Einsatz von Atomwaffen und damit über das Schicksal der Welt. Wen kann das überzeugen, wenn wir allein an. den derzeitigen US-Präsidenten denken. Von möglichen Unfällen und Beinahe-Katastrophen, die es hundertfach gegeben hat, will ich gar nicht sprechen.

Der Einsatz von Atomwaffen wäre ein Kriegsverbrechen. Er verstößt gegen das humanitäre Völkerrecht. Kein Politiker oder Militär könnte diese. Schuld auf sich nehmen.

Deshalb ist Rüstungskontrolle und Abrüstung heute dringlicher denn je. Das ist nicht naiv, sondern ohne überlebensfähige Alternative.Gespräche unter den Atommächten könnten heute darauf abzielen, Risiken zu reduzieren.

Verzicht als erster Schritt: Alle müssen auf Ersteinsatz von Atomwaffen verzichten – ein wichtiger und möglicher präventiver Schritt zur Risikominimierung.

Atomwaffen aus der Alarmbereitschaft nehmen - De-Alerting. Ein wichtiger und möglicher präventiver Schritt zur Risikominimierung.

US-Waffen aus Deutschland abziehen statt neuer Atomwaffen und Mittelstreckenraketen in Deutschland. Ein Abzug der US-Atomwaffen aus Deutschland und den übrigen Staaten der nuklearen Teilhabe wäre ein wichtiger und möglicher präventiver Schritt zur Risikominimierung.

Einerseits rasen wir mit einer Politik der Militarisierung auf den Abgrund zu. Dabei haben wir weder die finanziellen noch die intellektuellen Ressourcen, eine Zeit der Hochrüstung zu bestreiten. Andererseits haben wir als Zivilgesellschaft mit der ICAN-Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen in Verbindungen mit hier auch verantwortungsvollen Regierungen den Atomwaffenverbotsvertrag der Vereinten Nationen etabliert. Seit 2017 unterstützen mehr als 120 Staaten der Welt den Vertrag über eine Ächtung von Atomwaffen. 2021 ist er in Kraft getreten. Veränderung zum Guten ist auch heute möglich. Ich bin sicher: In den kommenden Jahren wird der Verbotsvertrag an Gewicht gewinnen und Abrüstung wieder mehr Unterstützung erhalten. Weitere Staaten werden den Vertrag unterzeichnen. Wenn wir dranbleiben, werden wir nicht aufzuhalten sein.

Asae Miyakoshi, Hiroshima-Überlebende schrieb: „Heute noch habe ich Albträume und sehe meine Kinder in den Flammen aufschreien. Gab es je schrecklicheres Leid als dieses? Die Schreie verfolgen mich noch immer.“

95% der medizinischen Infrastruktur wurde am 6.August 1945 um 8:15 Uhr in Hiroshima zerstört. Wir Ärztinnen und Ärzte, wir Krankenschwestern und Pfleger,
wir werden Euch nicht helfen können.

Abrüstung ist die einzige Antwort.

 

Dr. Lars Pohlmeier ist Allgemein Arzt und Co-Vorsitzender der IPPNW Deutschland.