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Redebeitrag für die Hiroshima / Nagasaki-Gedenkveranstaltung am 9. August 2025 in Wedel
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe Friedensfreundinnen und liebe Friedensfreunde,
Der 6. und 09. August 1945, an dem das erste Mal Atombomben über Hiroshima und Nagasaki gezündet wurden, bedeuten die eigentliche Zeitenwende. Der Philosoph Günther Anders bezeichnete den 6. August als den Tag Null, der ein neues Zeitalter der Weltgeschichte eingeleitet habe.Durch die Entwicklung der Atombombe und auch der Bereitschaft, sie einzusetzen, habe der Mensch erstmals gezeigt, dass er alles Leben auf diesem Planeten auslöschen kann.
Heute vor 80 Jahren, am Vormittag des 09. August 1945, zerstörte die amerikanische Luftwaffe mit einer Atombombe die japanische Hafenstadt Nagasaki. Um 11:01 Uhr wurde die Plutoniumbombe in 500 m Höhe über der Stadt mit seinen 260 000 Einwohnern gezündet. Drei Tage vorher, am 06. August war bereits Hiroshima durch eine Uranbombe komplett zerstört worden.
Die Folgen waren verheerend:
Der größte Teil der Stadt Nagasaki war dem Erdboden gleichgemacht.
22 000 Menschen starben sofort , 74 000 waren es bis zum Ende des Jahres 1945. Die Verletzten konnten medizinisch nicht versorgt werden. Die Krankenhäuser waren zerstört und das medizinische Personal zum großen Teil verletzt oder tot. Die medizinische Versorgung war komplett zusammengebrochen.
Vielleicht haben einige von den älteren Hamburgerinnen und Hamburgern den Hamburger Feuersturm 1943 noch erlebt. Damals sorgte der nächtliche Einsatz von 700 Bomberflugzeugen in der sog. „Operation Gomorrha“ für die fast vollständige Zerstörung der Stadtteile Hamm und Rothenburgsort. Viele Zeitzeugen von damals werden bis heute von den Bildern verfolgt, wie sie mir in Interviews erzählt haben.
In Hiroshima und Nagasaki hatte eine einzige Atombombe genügt, um in wenigen Sekunden eine unvergleichlich größere zerstörerische Kraft zu entfalten. Die Atombomben setzten riesige Mengen an Energie frei in Form von Druckwelle, Hitze und radioaktiver Strahlung.
Die Druckwelle führte zu inneren Verletzungen und zu äußeren durch einstürzende Gebäude und umherfliegende Gegenstände. Temperaturen doppelt so heiß wie die Sonne führen dazu, dass in der Nähe des Hypozentrums fast alles verglühte. Es entstanden gigantische Feuerstürme und die Menschen erlitten schwerste Verbrennungen. Viele Menschen sprangen aus Verzweiflung in die Flüsse.
“Es war, als hätte man zwei Sonnen in eine Stadt geworfen“ schreibt der japanische Schriftsteller Hisashi Inoue.
Die bei der Explosion freigewordene radioaktive Strahlung machte sich bei den Überlebenden innerhalb von Stunden bis Wochen bemerkbar, führte zum sofortigen Strahlentod oder zur akuten Strahlenkrankheit. In den Tagen nach der Explosion ging öliger schwarzer Regen nieder. Er bestand aus radioaktiven Spaltprodukten, die sich mit dem Ruß vermischt hatten. Er setzte sich auf dem Boden ab, wurde von Pflanzen und Tieren aufgenommen und gelangte so in die Nahrungskette. Die Bevölkerung war über die Gefahren nicht informiert. In den Jahren nach der Atombombenexplosion stieg die Leukämierate in der Bevölkerung rasant an. Später traten zunehmend weitere Krebserkrankungen auf. Bis zum Ende der amerikanischen Besatzung 1952 hielten die USA alle Gesundheitsdaten unter Verschluss.
Das Inferno der Atomwaffenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki noch vor Augen, forderte die Generalversammlung der Vereinten Nationen im Januar 1946 in ihrer ersten Resolution die Abschaffung von Atomwaffen.
Doch bereits ein halbes Jahr später, am 30. Juni 1946 zündeten die Amerikaner zu Testzwecken auf dem Bikini-Atoll eine noch viel stärkere Bombe. Kurze Zeit später begannen auch die aufstrebenden Atommächte, die Sowjetunion, England, Frankreich und China und zuletzt Indien Pakistan und Nordkorea weltweit mit ihren Tests. Mehr als 2000 Atomwaffen wurden seither gezündet, zumeist in Regionen, in denen indigene Völker lebten oder in ehemaligen Kolonialgebieten. Als Folge der Teste stiegen die Krebsraten weltweit an, besonders stark natürlich in den Testgebieten. Radioaktive Isotope, insbesondere Plutonium werden seitdem weltweit nachgewiesen. Atomwaffen sind somit Waffen, die schon töten bei ihrer Entwicklung und Testung.
Gemessen an der Zerstörungskraft der modernen Wasserstoffbomben würde die Hiroshimabombe heute als „kleine Atomwaffe“ eingestuft. Selbst bei dem Einsatz nur einer einzigen Nuklearwaffe gäbe es keinen wirksamen Schutz und keine ausreichende medizinische Hilfe. Das betonte das Internationale Rote Kreuz zusammen mit seiner japanischen Partnerorganisation erneut am 80. Gedenktag. Alle Intensivstationen für Brandverletzte der Welt würden nicht ausreichen, um die Überlebenden einer einzigen, über einer Großstadt abgeworfenen Atombombe aufzunehmen. Kein Gesundheitssystem könnte ein solches Szenario bewältigen. Dennoch arbeiten Militärs und Katastrophenmediziner derzeit an wie es heißt „Schutzstrategien bei einem Nuklearwaffeneinsatz“. Das soll die fatale Illusion erzeugen, ein Atomwaffeneinsatz sei in irgendeiner Weise medizinisch „handhabbar“.
80 Jahre nach der Explosion der ersten Atombomben ist das Atomkriegsrisiko höher noch als zur Zeit der Kuba-Krise. Fast alle Rüstungskontrollverträge wurden gekündigt, alle Atommächte rüsten zur Zeit nuklear auf und mehrere Atommächte sind in akute Kriege verwickelt. Auch Deutschland als Nicht-Atommacht beteiligt sich im Rahmen der „nuklearen Teilhabe“ an dieser Aufrüstung durch die Anschaffung neuer US- F35 Kampfbomber für die in Büchel gelagerten und modernisierten US-Atomwaffen. Für 2026 ist in Deutschland außerdem die Stationierung neuer US- Mittelstreckenwaffen geplant.
Die Behauptung, die atomare Abschreckung im Kalten Krieg habe den Frieden gesichert, lässt sich nicht beweisen. Tatsächlich ist die Welt in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach nur knapp und durch Glück einer atomaren Katastrophe entgangen. Durch die Modernisierung der Atomwaffen und die immer kürzeren Vorwarnzeiten erhöht sich das Risiko eines Atomkriegs aus Versehen.
Umso unverständlicher ist es, dass die nukleare Abschreckung heute wieder als friedenssichernd gilt. Die Forderungen von Politikern nach einer deutschen oder europäischen Atombombe sind verantwortungslos und entbehren jeder Grundlage, da sie weder mit dem Nichtverbreitungsvertrag (NVV), den Deutschland unterschrieben hat, noch mit dem nicht kündbaren 2+4-Vertrag zur Deutschen Einheit vereinbar wären.
Nukleare Abschreckung ist ein zutiefst inhumaner und gefährlicher Mythos.Es ist nichts anderes als die Androhung von Massenvernichtung.Der Physiker und Friedensforscher Carl Friedrich von Weizsäcker nannte 1957 dieses Denken paradox: „Die großen Bomben erfüllen ihren Zweck, den Frieden und die Freiheit zu schützen, nur, wenn sie nie fallen. Sie erfüllen diesen Zweck auch nicht, wenn jedermann weiß, dass sie nie fallen werden. Eben deshalb besteht die Gefahr, dass sie eines Tages wirklich fallen werden.“
Aber es gibt auch Fortschritte und Hoffnung, besonders wenn wir über den europäischen Tellerrand hinausblicken. Eine überwältigende Mehrheit der Staaten der UNO, insbesondere durch Initiative der Staaten des globalen Südens, hat 2017 den Atomwaffenverbotsvertrag (AVV) gegen den Widerstand aller Nato-und Atomwaffenstaaten auf den Weg gebracht. 2021 trat er in Kraft. 73 Staaten haben ihn bereits ratifiziert. Deutschland ist nicht dabei.
Im Dezember 2024 ist der Friedensnobelpreis an die japanische Vereinigung der Atombombenüberlebenden „Nihon Hidankyo“ verliehen worden für ihren jahrzehntelangen Einsatz für eine atomwaffenfreie Welt.
Im Mai 2025 hat die Weltgesundheitsversammlung (WHA) mit großer Mehrheit die WHO beauftragt, in einer Studie die gesundheitlichen, ökologischen und klimatischen Auswirkungen eines Atomkrieges wissenschaftlich zu untersuchen und zu aktualisieren. Deutschland hatte dagegen gestimmt, konnte aber den Mehrheitsentscheid nicht verhindern.
Wir setzen uns dafür ein:
- dass Deutschland auf die Stationierung von Mittelstreckenwaffen verzichtet.
- dass alle amerikanischen Atomwaffen aus Deutschland abgezogen werden und die nukleare Teilhabe beendet wird
- dass Deutschland dem Atomwaffenverbotsvertrag beitritt und sich an der Entschädigung der Opfer beteiligt
- wir setzen uns ein für den Abbau von Feindbildern und für neue Rüstungskontrollverträge, denn Sicherheit geht nur gemeinsam.
Eine europäische oder gar deutsche Atombewaffnung lehnen wir entschieden ab!
Der einzige Weg, sicherzugehen, dass Atomwaffen nie eingesetzt werden, ist deren Abschaffung.
Ute Rippel-Lau ist aktiv beim IPPNW.