Buchbesprechung

„Auf in die Diktatur! Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Gesellschaft“

von Martin Singe
Hintergrund
Hintergrund

Der Autor Niklas Frank untertitelt sein 2020 erschienenes neues Buch mit „Ein Wutanfall“. So liest es sich auch. Seine Wut, der tiefer Schmerz zugrunde liegt, richtet sich gegen eine Gesellschaft, die sich innerlich nicht oder zumindest viel zu wenig mit der Zeit des massenmörderischen Nationalsozialismus‘ und der Schuld der Deutschen auseinandergesetzt hat. Mangelnde Zivilcourage und fehlende Empathie heute - vor allem für Flüchtende – lassen es zu, dass die AfD, in der Nachfolge faschistischer Traditionen, ohne breiten Widerstand politische Macht in der gegenwärtigen Bundesrepublik erobern kann.

Niklas Frank, der Sohn von Hans Frank, den Hitler als „Generalgouverneur“ im besetzten Polen eingesetzt hatte, sieht die Ursache für heutige rechtsradikale und menschenverachtende Politik in dem Ausbleiben des „Großen Erschreckens“ nach 1945 über das, was Menschen anderen Menschen im Nationalsozialismus angetan haben. Statt die gegenwärtige Politik aus „brennender und schmerzender Erinnerung“ heraus zu gestalten, haben wir uns mit einem Erinnerungsverbot belegt und die Gewissen betäubt – so die These Franks. Schon 1987 hatte der Autor eine Aufsehen erregende, schonungslose Abrechnung mit seinem Vater veröffentlicht: „Der Vater. Eine Abrechnung“. Dass sich Niklas Frank nun im Alter von 80 Jahren noch einmal politisch zu Wort meldet, zeigt die uneingelöste Dringlichkeit seiner Anliegen.

Der Autor arbeitet deutliche Parallelen im heutigen Sprachgebrauch der AfD zum nationalsozialistischen Jargon heraus. Rückblicke auf Äußerungen seines Vaters und dessen Politik gnadenloser Vernichtung, vor allem der polnischen Juden, kontrastieren gegenwärtige menschenverachtende Politik und heutigen alltäglichen Rassismus. Die AfD-Politik wird in ihrer entmenschlichenden Rhetorik und Praxis als Wiederauflebung nationalsozialistischen Denkens gebrandmarkt. Die geballte Sammlung von Zitaten lässt erschrecken, auch wenn man es eigentlich zu wissen glaubt, was die AfD regelmäßig verbreitet. Wenn Höcke, Gauland, von Storch u.a. von „Menschen entsorgen“ sprechen, erinnert sich Niklas Frank an Aussprüche und das Handeln seines Nazi-Vaters. Gaulands „Vogelschiss-Zitat“ steht symptomatisch für das Geschichtsverständnis der AfD: „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte." Niklas Frank warnt vor den AfD-Politiker*innen, die vor allem in Landesparlamenten bedeutende Posten in Wissenschafts- Kultur- und Bildungsausschüssen sowie Landeszentralen für politische Bildung übernehmen. Sie, die von „erinnerungspolitischer Wende“ und dem „Ende des Schuldkultes“ schwadronieren, dürfen nicht unterschätzt werden in ihrem Einfluss auf die künftigen Inhalte politischer Bildung.

Aber auch andere Parteien werden kritisiert, die bewusst oder gedankenlos kritisches Erinnern verdrängen. Wenn Merkel in Auschwitz von Scham und Verstummen spricht, fördere sie eher Schweigen und Passivität statt durch empathische Wut Sensibilität und Handlungsfähigkeit für heutiges menschenrechtliches Engagement herauszufordern, so der Autor. Skandalös sei es, wenn z.B. der Innenminister von Nordrhein-Westfalen, Herbert Reul, in der Debatte um die Abschiebung eines „Gefährders“ fordert, die „Richter sollten immer auch im Blick haben, dass ihre Entscheidungen dem Rechtsempfinden der Bevölkerung entsprechen". Und wie widerwärtig sei es,  dass sich ein Thomas Kemmerich von der FDP mit den Stimmen der AfD zum Ministerpräsidenten von Thüringen wählen lässt und anschließend dem Faschisten Höcke die Hand reicht. Alles – hier nur beispielhaft ausgewählte - Zeichen der Zeit, die die demokratischen Alarmsirenen laut aufheulen lassen müssten.

Eingestreut in das Buch sind verschiedene – zustimmende, ablehnende, diffamierende - Zuschriften, die der Autor von Leser*innen seiner Werke erhalten hat und mit denen er sich auseinandersetzt. Das Buch, das nicht systematisch aufgebaut oder untergliedert ist, liest sich als ein echtes Wut-Buch, das die Lesenden aufrütteln, an das nötige „große Erschrecken“ erinnern und zu empathischem menschenrechtlichen Handeln aufrufen will. Deshalb ist die Lektüre des „Wutanfalls“ von Niklas Frank sehr zu empfehlen.

Niklas Frank (2020): Auf in die Diktatur! Die Auferstehung meines Nazi-Vaters in der deutschen Gesellschaft. Ein Wutanfall von Niklas Frank, Dietz-Verlag, Bonn 2020, 174 Seiten, ISBN 978-3-8012-0566-9, 12 Euro

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Martin Singe ist Redakteur des FriedensForums und arbeitet für das Komitee für Grundrechte und Demokratie.