Teile den Bundestagsabgeordneten mit, dass du mit der Reaktivierung der Wehrpflicht nicht einverstanden bist. Hier kannst du dich online beteiligen:
Frieden verunmöglichen? Friedensforschung und Friedensarbeit in Zeiten Trumps
Auswirkungen der Trump’schen Politik auf die Friedensforschung
von
Seit knapp einem Jahr ist Donald Trump erneut Präsident der USA, alle Befürchtungen zu seiner Amtsführung haben sich krasser bestätigt, als viele gehofft hatten. Gerade abseits der großen Debatten spielen sich in Ministerien und Institutionen dramatische Umgestaltungen ab. Auch die drastisch eingekürzte Förderlandschaft sowie die Kämpfe gegen die Wissenschaft sind noch heftiger als erwartet. Welche Auswirkungen hat diese autoritäre Zurichtung auf die Friedensforschung und Friedensarbeit in und aus den USA?
Unmittelbar nach Amtsantritt begann die straff organisierte ‚Chaostruppe‘ Trumps damit, Institutionen sozialer Errungenschaften zu schleifen – vielfach durch illegalen ‚Overreach‘, niemals absichtslos oder ahnungslos. Diese gezielte Kampagne richtet sich auch gegen die Arbeit der zivilen Konfliktbearbeitung, der Friedensdiplomatie, der humanitären Hilfe und der Befriedung sozialer Konflikte im Innern. Matt Meyer, Professor der Friedensforschung und einer der beiden Generalsekretäre des Weltverbands der Friedens- und Konfliktforschung IPRA, betont: „Die Gruppe, die Trump selbst die unverschämteste Lüge glaubt und ihm selbst bei den ungeheuerlichsten Taten folgt, ist eine bedeutende, gut organisierte und gefährliche Minderheit. Allerdings sind die progressiven Kräfte in den USA – und dazu muss man auch die Friedensforschung zählen – seit viel zu langer Zeit unorganisiert und ohne Verbindungen zu potenziellen Verbündeten sowohl im Inland als auch weltweit.“
Auswirkungen der Budgetkürzungen
Die aktuelle Regierung in den USA hat es sich zur Aufgabe gemacht, den gesamten Hochschulsektor unter ihre inhaltliche Kontrolle zwingen zu wollen, durch Mittel der Erpressung und Budgetkürzungen. Es gibt zwar auch den Aspekt des lakaienartigen Hofierens Trumps, aber die langfristig strukturelle Zurichtung der Hochschulen darf in ihrer prinzipiellen Absicht der konservativen Umgestaltung nicht unterschätzt werden. Diese Bewegung richtet sich ganz grundsätzlich gegen jede Forschung, die nicht den politischen, moralischen oder religiösen Interessen bzw. Glaubenssätzen der konservativen Bewegungen entspricht.
In der Konsequenz sind zahlreichen Universitäten und privaten Forschungseinrichtungen viele Millionen Dollar Forschungsgelder gestrichen worden, was schnell drastische Konsequenzen auch über das unmittelbar betroffene Forschungsprojekt hinaus haben kann. Die institutionalisierte Friedensforschung ist davon auch betroffen – wenn auch bislang nur mittelbar, wie die beiden Friedensforscher*innen Patrick Hiller und Molly Wallace von der Universität Portland unabhängig voneinander bestätigten. Sie sei zu klein und gegen die Dominanz der sicherheitsaffinen oder rundweg militärisch strukturierten “Security Studies, ‘War Studies‘ oder auch den Bereich der ‘Internationalen Beziehungen‘ in der Politikwissenschaft zu machtlos, um als ernsthafte Bedrohung zu gelten.
Die beiden Forscher*innen waren sich jedoch uneins über die zu erwartenden Folgen dieser Angriffe auf die Hochschulen für die etablierte Friedensforschung im Speziellen: Während Hiller auch in der Friedensforschung deutliche Folgen für die Umsetzbarkeit von Forschungsprojekten erwartet, sieht Wallace die Folgen vor allem auf der Ebene des Sagbaren – wie kritisch können sich Lehrende äußern, vor allem solche, deren Aufenthaltsstatus in den USA nicht langfristig gesichert ist. Auch Matt Meyer beobachtet vor allem eine sinkende Zugänglichkeit und weniger öffentliche Sichtbarkeit von Forschenden der Friedens- und Konfliktforschung.
Worin sie sich allerdings allesamt einig waren: Die größten Herausforderungen seien der intellektuelle Angriff auf die wesentlichen Inhalte der Friedensforschung und die diskursiven Verschiebungen in der Hochschule im Allgemeinen.
Kein Frieden nach innen
Danach gefragt, ob sie die USA im derzeitigen Klima verlassen würden, wie andere bekannte Forscher*innen, verneinten alle von mir befragten Wissenschaftler*innen. Neben ganz persönlichen Gründen führten sie dabei auch an, dass sie eine Verantwortung dafür spürten, nun ihre Kenntnisse für den Umgang mit dem Unfrieden im Inneren der USA zu mobilisieren.
Meine Interviews führte ich allesamt kurz nach dem tödlichen politischen Attentat auf den radikalen rechtskonservativen Politaktivisten Charlie Kirk. Die aufgeheizte Stimmung im Inneren, die erwartbare politische Ausnutzung des Mordes durch die rechte Regierung und die Gefahr massiver Gewalteskalation durch die übermäßige Bewaffnung der Bevölkerung standen allen Interviewten vor Augen. Molly Wallace formulierte die Sorge am deutlichsten: „Wir erleben in den USA immer mehr politische Gewalt, und das ist wirklich beängstigend. Sie findet in beide Richtungen statt, und ich befürchte, dass dies sowohl für die Linke als auch für die Rechte eine noch größere Rechtfertigung für weitere Gewalt darstellt, da sie nun auf die andere Seite verweisen und sich zu Recht bedroht fühlen können.“ Sie machte aber auch deutlich, dass sie sich „umso mehr verpflichtet sehe, mit den Linken zu sprechen und zu versuchen, diejenigen zu zügeln, die Gewalt (gegen rechte Politiker*innen, gegen die Einwanderungsbehörde ICE, gegen die Polizei) für gerechtfertigt halten.“
Gerade hier könne nun das Wissen der Friedens- und Konfliktforschung helfen, denn „selbst wenn wir die Frage der Rechtfertigung beiseitelassen – da ich weiß, dass es hier weiterhin Uneinigkeit geben wird –, ist Gewalt einfach nicht strategisch, sondern geradezu töricht und gefährlich. Gewalt wird lediglich das Gefühl der Benachteiligung und Viktimisierung der Zielgruppe verstärken, die Wahrscheinlichkeit verringern, dass Elemente dieser Gruppe zu „unserer” Seite überlaufen, und ein hartes Vorgehen gegen alle Gruppen rechtfertigen, die die ideologischen Positionen derjenigen teilen, die Gewalt ausgeübt haben.“ In einfachen Worten bedeute das, dass diejenigen, die Gewalt anwendeten, Trump seine Arbeit noch erleichterten und es ihm einfacher machten, seine Macht zu festigen und seine Vision umzusetzen.
Patrick Hiller ergänzte, dass er nunmehr die Aufgabe der Friedensforschung darin sehe, auch aktiv dieses Wissen den Bewegungen für soziale Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Frieden zur Verfügung zu stellen. Außerdem müssten die Forscher*innen ihre herausgehobenen Sprecherfunktionen nutzen und öffentlich erklären, wenn sie die Regierung bei Lügen oder Tatsachenverdrehungen erwischten. Molly Wallace war mit Blick auf die Friedensforschung der Überzeugung, dass es „unsere gemeinsame Aufgabe ist, die Wahrheit und die vielen Unwahrheiten – und die Doppelzüngigkeit – dieser Regierung zu sortieren.“
Macht-Frieden nach außen
Auch auf der außenpolitischen Seite der US-Friedensarbeit zeigen sich deutliche Konsequenzen der Amtsführung von Donald Trump.
Im Frühjahr 2025 hatte die Entscheidung, das vom Kongress mitfinanzierte, jedoch regierungsunabhängige United States Institute of Peace (USIP) zu zerschlagen, internationale Wellen geschlagen. Bis auf die per Gesetz ‘notwendigen‘ Mitarbeiter*innen (ex officio) wurden alle übrigen mehr als 200 Mitarbeitenden entlassen. Über meine Interviewpartner*innen konnte ich einen Kontakt mit einem ehemaligen Mitarbeiter von USIP herstellen, der anonymisiert bereit war, mit mir über die Konsequenzen der außenpolitischen Verschiebung und der Schließung zu sprechen.
Bill X. hatte über 30 Jahre für USIP gearbeitet, bevor auch er von den Stellenstreichungen betroffen war. Er beklagte, dass der wertvolle empirische Einblick, den Forschende am USIP oft gewonnen hätten, nun verlorenzugehen drohe – dass ein empirisch unterfütterter Zugang wie die „Theorie des Reifemomentes“, eine der bekanntesten Theorien zu Verhandlungserfolgen u.a. von William I. Zartman entwickelt, nicht oder nur schwer entstanden wäre, hätte es eine Institution wie USIP und deren Involviertheit in viele andere Konfliktkontexte nicht gegeben. Auch für Nachwuchsforschende ergäben sich deutlich spürbare Folgen, denn die Förderinstrumente des USIP seien über Nacht weggebrochen. Darüber hinaus sind alle auf der Plattform des USIP veröffentlichten Papiere nicht mehr einzusehen, an die Dokumente lässt sich nur noch per Archivsuche zugreifen – der Versuch der Auslöschung des Wissens sei zwar hoffnungslos, aber die Absicht spreche für sich.
Außenpolitisch bzw. diplomatie-politisch sei durch den neuen Kurs klar zu erkennen, dass die Regierung auf gewaltmindernde und konflikttransformierende Mittel keinen Wert lege und daher auch keinen Sinn darin sehe, solche Forschung und praktische Friedensarbeit zu fördern. Damit drohten alle Instrumente zu einem umfassenden Friedens- und Konfliktverständnis, zur Beilegungsregulierung, und ähnliche verschüttet zu werden – die Dominanz des Militärischen sei vollkommen zurück.
Langfristig hofft Bill X., dass sie das Institut zurückgewinnen könnten und dass er aus dieser Erfahrung mit dem ‘Overreach‚ der Regierung die Überzeugung gewonnen habe, dass es in Zukunft einen anderen Zuschnitt des Instituts brauche. Wie lange es brauche, den Schaden für die US-Friedensarbeit zu revidieren, sei vollkommen unabsehbar – aber er könne nicht anders, als hoffen.
Was auch immer nach Trumps Amtszeit folgt, der erneute Aufbau, das erneute Streiten für diese Instrumente und Möglichkeiten der Friedensarbeit und -forschung in den USA wird aber schon jetzt absehbar ungleich aufwändiger sein. In der Zwischenzeit werden unzählige Leben verloren sein und innergesellschaftliche Gewalt wie auch internationale Konflikte weiter eskalieren und wenig wird dazu getan werden, diese einzudämmen. Die autoritäre Zurichtung der USA ist auch im Bereich des innergesellschaftlichen Friedens, der Friedens- und Konfliktforschung und der Friedensdiplomatie eine langfristige Katastrophe – selbst wenn sie in Person Trumps nur vier Jahre politisch Amok laufen wird.