Make Nukes Great Again

Die US-Atomwaffenpolitik unter Trump

von Juliane HauschulzAicha Kheinette
Schwerpunkt
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Vor gut einem Jahr gewann Donald Trump erneut die Wahl zum US-Präsidenten. Zeit also, Bilanz zu ziehen. Trump inszeniert sich gern als Friedensbringer. Doch zugleich rühmt er sich mit Aufrüstung und der Zerschlagung internationaler Verträge. Während in einigen US-Medien über einen Friedensnobelpreis spekuliert wird, steht seine Politik klar für eine Abkehr vom Multilateralismus - ganz im Sinne der wiederbelebten Parole „America First“.

Project 2025 – Blaupause einer neuen Atompolitik
Ein früher Vorbote dieser Entwicklung war das im April 2023 veröffentlichte „Project 2025“ - ein Regierungsprogramm, das von rechten Thinktanks als radikaler Staatsumbau entworfen wurde. Neben Massenabschiebungen und der Rücknahme von Klimaschutzmaßnahmen bietet es auch die Grundlage für einen nuklearen Trumpismus, der von Nationalismus und der Missachtung internationaler Regeln geprägt wird.

So fordert das Papier die Entwicklung neuer Atomwaffen durch die National Nuclear Security Administration (NNSA) und die umfassende Modernisierung der nuklearen Triade. Rüstungskontrolle wird darin nur akzeptiert, wenn sie den US-Interessen dient; Abrüstung gilt als Sicherheitsrisiko.

Besonders schwerwiegend ist die Empfehlung, die Ratifizierung des Atomteststoppvertrags (CTBT) endgültig abzulehnen und die Wiederaufnahme von Atomtests vorzubereiten. (1)

Ein neuer Rüstungswettlauf
Der Trend ist eindeutig: Neun Staaten verfügen derzeit über rund 12 500 Atomsprengköpfe, fast 5 200 davon in amerikanischem Besitz. 2024 stiegen erneut die Ausgaben für nukleare Aufrüstung. Die USA gaben mit 56,8 Milliarden Dollar mehr Geld aus als alle anderen Atomwaffenstaaten zusammen. (2) Trotz Trumps gelegentlicher Abrüstungsrhetorik ist ein nukleares Wettrüsten also bereits in vollem Gange.

Ende Oktober 2025 kündigte Trump den sofortigen Beginn neuer US-Atomwaffentests an. Zunächst war unklar, ob es sich um Laborexperimente oder sogar oberirdische Explosionen handeln sollte. Energieminister Chris Wright entschärfte später, es gehe „vorerst nicht um nukleare Explosionen“, sondern um „nicht kritische“ Tests (3) - eine Verzögerung, die gefährliche Spekulationen befeuerte. Russland reagierte prompt: Sollte Washington wieder testen, werde auch Moskau folgen, mit Plänen für Tests auf Nowaja Semlja. Trumps Ankündigung gilt Beobachter*innen als gefährlicher Rückschritt für die internationale Rüstungskontrolle. (4)

Abkehr von der Rüstungskontrolle
Schon während seiner ersten Amtszeit hatte Trump zentrale Pfeiler der Rüstungskontrolle eingerissen. 2019 kündigten die USA den INF-Vertrag über das Verbot landgestützter Mittelstreckenraketen. Seit 2020 finden keine gegenseitigen Inspektionen unter dem New START-Vertrag mehr statt. Nachdem Russland 2023 seine Teilnahme aussetzte, ist das letzte große Abkommen zur Begrenzung strategischer Atomwaffen nun akut bedroht.

Der Vertrag läuft am 5. Februar 2026 aus. Putin bot im September 2025 an, sich freiwillig ein weiteres Jahr an die Mengenbeschränkungen zu halten: 1 550 Sprengköpfe auf 700 Trägersystemen. Das Weiße Haus begrüßte den Vorschlag, reagierte bislang aber nicht konkret. Ohne Nachfolgevereinbarung droht die Rückkehr in eine Ära unbegrenzter Aufrüstung.

Riskante Prestigeprojekte
Trump setzt auf Großprojekte: das Raketenabwehrprojekt „Golden Dome“, das angeblich eine hundertprozentige Schutzwirkung gegen gegnerische Atomangriffe bieten soll, sorgt jedoch für Skepsis. Das milliardenschwere Projekt gilt als technisch kaum realisierbar und strategisch riskant. Laut dem Center for Arms Control and Non-Proliferation sind viele der geplanten Technologien, etwa weltraumgestützte Interzeptoren und Laserwaffen, noch nicht einsatzfähig. (5) Zudem könnte der Aufbau eines vermeintlich undurchdringlichen Schutzschilds andere Atommächte zu neuer Aufrüstung provozieren, anstatt Sicherheit zu schaffen.

Schon der ABM-Vertrag von 1972 sollte genau diese Aufrüstungsspirale verhindern. Heute droht genau das Gegenteil: Trump befeuert die gefährliche Dynamik und markiert damit einen weiteren sicherheitspolitischen Rückschritt.

Folgen in Europa
Auch in Europa wächst die Sorge über Trumps Kurs. Seine jüngsten Drohgebärden, etwa die Anordnung zur Verlegung von US-Atom-U-Booten im Sommer 2025, verstärken die Zweifel an seiner Berechenbarkeit.

Diese wurde bereits zuvor tief erschüttert. Auf einer Wahlkampfveranstaltung im Februar 2025 drohte Trump, er werde NATO-Partner im Ernstfall nicht schützen, sollten diese nicht ausreichend in ihre Verteidigung investieren. In Europa lösten diese Aussagen teils hitzige Debatten über eine eigenständige „Eurobombe“ und neue nukleare Verteidigungsbündnisse aus.

Der vorläufige Höhepunkt dieser gefährlichen Debatte war die sowohl politisch als auch technisch unrealistische Forderung nach deutschen Atomwaffen. Dass solche Überlegungen überhaupt laut werden, zeigt, wie sehr das Vertrauen in die amerikanischen Sicherheitsgarantien inzwischen erodiert ist.

Wachsende Kritik und Friedensappelle
Im April 2025 meldeten sich drei Friedensnobelpreisträger zu Wort: die japanische Überlebendenorganisation Nihon Hidankyo (2024), die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen (ICAN, 2017) und die Internationalen Ärzt*innen zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW, 1985). In einem offenen Brief forderten sie Trump und Putin auf, sich persönlich zu treffen und Schritte zur Abrüstung zu vereinbaren. Eine Reaktion blieben beide Staatschefs bislang schuldig.

Auch IAEA-Generaldirektor Rafael Grossi warnte jüngst vor einer Welt, in der bis zu 25 Staaten Atomwaffen besitzen könnten. Schon heute sei der Abrüstungsprozess praktisch zum Stillstand gekommen, während die Atommächte ihre Arsenale modernisieren. Dadurch steigt die Bedeutung, die Atomwaffen zugeschrieben wird und mehr Staaten diskutieren eigene nukleare Fähigkeiten. Eine schlechte Perspektive für den Nuklearen Nichtverbreitungsvertrag (NVV), der Proliferation verhindern soll und nukleare Abrüstung einfordert.

Die Atomwaffenstaaten und ihre Verbündeten untergraben den Vertrag, die US-Regierung bildet hier keine Ausnahme. Eine wachsende Gruppe von Staaten schließt sich deshalb dem einzigen Vertrag an, der die vollständige Abschaffung von Atomwaffen und das Ende der nuklearen Ungerechtigkeit fordert: der Atomwaffenverbotsvertrag (AVV). Bereits 99 Staaten, die Hälfte der Weltgemeinschaft, unterstützen ihn.

US-Atomwaffenpolitik unter Trump: Sicherheit für wen?
Der nukleare Trumpismus ersetzt Kooperation durch Konfrontation und stellt nationale Stärke über globale Sicherheit. Er kombiniert Aufrüstung mit selektivem Abrüstungswillen, Abschreckung verdrängt Vertrauen. Multilateralismus wird ersetzt durch bilaterale Deals, internationale Institutionen werden geschwächt. Und für die vielen Betroffenen der Atomtests und nuklearen Verseuchung, etwa auf den Marshallinseln und in Nevada, rückt nukleare Gerechtigkeit in weite Ferne.

Tatsächliche Sicherheit und weltweite Abrüstung können aber nur auf Zusammenarbeit beruhen. Solange die USA unter dem Banner von „America First“ agieren, wird die nukleare Gefahr steigen - für Amerika, Europa und die ganze Welt.

Anmerkungen
1 The Heritage Foundation. (2023). Project 2025: Presidential Transition Project. Washington, DC: The Heritage Foundation. S. 399
2 International Campaign to Abolish Nuclear Weapons. (2025). Hidden Costs: Nuclear Weapons Spending in 2024. ICAN.
3 Losey, S. (2025, 11 November 5). Experts: Full nuclear weapons tests would backfire on US. Defense News. https://www.defensenews.com/global/the-americas/2025/11/05/experts-full-...
4 Armbruster, T. (2024, 6. September). Project 2025’s stance on nuclear testing: A dangerous step back. Bulletin of the Atomic Scientists. https://thebulletin.org/2024/09/project-2025s-stance-on-nuclear-testing-...
5 Center for Arms Control and Non‑Proliferation. (2025, June 9). Fact sheet: “Golden Dome”. https://armscontrolcenter.org/fact-sheet-golden-dome/ 

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Juliane Hauschulz arbeitet bei der deutschen Sektion der IPPNW als Campaignerin für nukleare Abrüstung. Seit Oktober 2023 ist sie zudem im Vorstand von ICAN Deutschland. Sie nahm als Mitglied der IPPNW-Delegation auf der 2MSP in New York teil.
Aicha Kheinette ist Referentin bei ICAN Deutschland, Teil der 2017 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten Internationalen Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen. Zuvor war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag beschäftigt und studierte Internationale Beziehungen an der TU Dresden.