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USA und Grönland
Droht eine US-Annexion von Grönland?
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Als die USA im Jahr 1867 Alaska gekauft hatten, führten sie auch Verhandlungen mit Dänemark über den Erwerb von Grönland und Island. Zum Kauf der beiden Inseln kam es damals nicht, und auch der Kauf von Alaska war seinerzeit wenig populär. Spötter bezeichneten das Territorium als „Gefriertruhe“ von Außenminister Seward oder als Präsident Johnsons „Eisbärengehege“. Aber spätestens als im Norden Alaskas Erdölvorkommen entdeckt wurden, war die Mehrheit der Nation stolz auf den Erwerb.
Möglicherweise möchte sich Donald Trump mit dem Erwerb von Grönland heute einen ähnlich bedeutsamen Platz in den Geschichtsbüchern sichern wie einst William Seward und Andrew Johnson. In Aussagen, die Peter Baker für die New York Times festgehalten hat, vergleicht Trump den beabsichtigten Deal mit seiner Tätigkeit als Immobilienunternehmer. Er schaue auf die Weltkarte und sehe die massive Ausdehnung von Grönland, und allein aufgrund dieser Größe möchte er die Insel für die USA vereinnahmen.
Die Bedeutung Grönlands
Mit einer Landfläche von über zwei Millionen Quadratkilometern ist Grönland größer als Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien und Polen zusammen. Auf der Insel leben allerdings nur rund 57.000 Menschen. Politisch gehört Grönland zum Königreich Dänemark, genießt aber weitgehende Autonomierechte und bereitet seinen Weg in die Unabhängigkeit vor. Im internationalen Interesse steht Grönland vor allem wegen seiner geostrategischen Lage und seiner noch unerschlossenen Rohstoffvorkommen.
Durch die Klimaerwärmung schrumpfen die Gletscher auch in Grönland, so dass Bergbauprojekte zum Abbau von Erzen, Seltenen Erden und anderen Bodenschätzen möglich werden. Gleichzeitig sind Jahr für Jahr immer größere Teile des Arktischen Ozeans im Sommer eisfrei und bieten die Aussicht auf neue Schifffahrtswege, die Grönland in den internationalen Seeverkehr einbinden. Für die NATO sind auch die Wasserstraßen zwischen Grönland, Island und Großbritannien (sog. „GIUK-Lücke“) von strategischer Bedeutung, da sie für Schiffe der russischen Nordflotte den einzigen Zugang zum Atlantik darstellen. Außerdem befindet sich auf Grönland die nördlichste Militärbasis der USA, die „Pituffik Space Base“ (früher: „Thule Air Base“). Und die Lage von Grönland ermöglicht den USA Frühwarnsysteme für Luftangriffe aus Richtung Norden.
Bereits 2019 während seiner ersten Amtszeit wollte Donald Trump die Insel kaufen. Die dänische Antwort, dass Grönland nicht zum Verkauf stehe, verstörte ihn so, dass er deswegen einen Staatsbesuch in Dänemark absagte. Mit Beginn seiner zweiten Amtszeit griff er das Thema wieder auf und erklärte den Erwerb von Grönland zu einer absoluten Notwendigkeit und zu einer Frage der nationalen und internationalen Sicherheit. Er ging so weit, auch den völkerrechtlichen Anspruch Dänemarks auf die Insel in Frage zu stellen. Und gegenüber dem Sender NBC erklärte er, militärische Gewalt zur Übernahme von Grönland nicht auszuschließen.
Auch wenn es mittlerweile in der Angelegenheit um Grönland wieder ruhiger geworden ist, muss man davon ausgehen, dass Trump es weiterhin ernst meint und dass er nach wie vor davon überzeugt ist, Grönland „auf die ein oder andere Weise“ für die USA zu gewinnen. Auf die Frage, ob das Pentagon Pläne für eine bewaffnete Invasion in Grönland habe, wiederholte Kriegsminister Pete Hegseth im Juni 2025 vor einem Ausschuss des Repräsentantenhauses mehrfach, das Pentagon habe Pläne für alle Eventualitäten.
Möglichkeiten der Einflussnahme
Eine US-Militärinvasion in Grönland steht aber aktuell nicht an. Damit würden die USA nicht nur die grönländische Bevölkerung, die sich in einer Umfrage vom Januar 2025 zu 85% gegen die Übernahme durch die USA ausgesprochen hatte, vor den Kopf stoßen. Sie würden auch Dänemark sowie weitere europäische Staaten, die sich demonstrativ an die Seite Dänemarks gestellt haben, gegen sich aufbringen. Die USA haben aber andere Möglichkeiten, über private oder staatliche Initiativen Einfluss in Grönland zu gewinnen.
Da ist zum Beispiel die Agentur „American Daybreak“ von Thomas E. Dans, die Kontakte zu Trump-Anhängern in Grönland fördert. Zwei Grönlandreisen von Donald Trump Junior und von US-Vizepräsident JD Vance wurden 2025 durch American Daybreak organisiert und publikumswirksam inszeniert. Da sind aber auch die US-Geheimdienste, die nach einem Bericht des Wall Street Journals angewiesen wurden, ihre Beobachtung in Grönland zu verstärken und Informationen über US-Unterstützer*innen sowie über die grönländische Unabhängigkeitsbewegung zu sammeln.
Auch der dänische Rundfunk berichtete im August 2025 von mindestens drei US-Bürgern mit Verbindungen zu Donald Trump, die sich anschickten, Grönland zu „infiltrieren“. Ob die Männer in staatlichem Auftrag unterwegs waren, konnte der Sender zwar nicht ermitteln. Dänemark nahm die Angelegenheit dennoch zum Anlass, den obersten US-Diplomaten ins Außenministerium einzubestellen.
Zu den Akteuren, die ihren Einfluss geltend machen möchten, zählen auch Personen, die im Silicon Valley reich geworden sind, und andere Hochstapler, für die Grönland so etwas wie verfügbares Niemandsland ist. Peter Thiel, Marc Andreessen oder Dryden Brown befürworten laut einer Reuters-Recherche die Gründung einer deregulierten Privatstadt in Grönland. Für Brown wäre die grönländische Geographie demnach auch eine gute Vorbereitung für eine zukünftige Mars-Kolonisierung. Unterstützung werden sie vielleicht von Ken Howery erhalten. Der Mitbegründer von PayPal amtiert seit Oktober 2025 als neuer US-Botschafter in Dänemark.
Bedrohungen in der Arktis
Dänemark sieht sich mit US-Vorwürfen konfrontiert, nicht genug für die Verteidigung Grönlands zu unternehmen. Als Reaktion setzt die dänische Regierung auf massive Aufrüstung. Mit den autonomen Regierungen in Grönland und auf den Färöer Inseln hat sie 2025 zwei Militärabkommen für den Nordatlantik und die Arktis vereinbart mit einem Volumen von insgesamt 41,4 Mrd. Kronen (etwa 5,5 Mrd Euro, Anm. d. Red.). Unter anderem sollen fünf neue eisgängige Schiffe gebaut werden als Ersatz für die vier Fregatten der Thetis-Klasse. Zur Überwachung des ausgedehnten Gebiets sollen Seefernaufklärer, Langstreckendrohnen und Satelliten beschafft werden, ergänzt durch je eine Radaranlage in Ostgrönland und auf den Färöer Inseln. Hinzu kommt ein Hauptquartier für das „Joint Arctic Command“ in der grönländischen Hauptstadt Nuuk, ein Marine-Kai sowie weitere kleinere Drohnen zur Stationierung in Grönland.
Die Aufrüstung wird seitens Dänemark mit wachsenden Bedrohungen durch Russland und China in der Arktis begründet, auch wenn die Menschen in Grönland im Alltag weder eine Bedrohung aus Russland, noch aus China erleben. Im Kontrast dazu steht auch eine Bemerkung der kanadischen Wissenschaftlerin Heather Exner-Pirot auf der Arctic Security Conference 2025. Ihr zufolge ging die einzige Bedrohung in der Arktis in den letzten 30 Jahren von den USA aus, eben die von Trump angedrohte Annexion Grönlands.
Angesichts der schwachen Besiedelung von Grönland könnte es den USA gelingen, mit Geldversprechungen, Wirtschaftssanktionen, Propaganda und Repression ihren Einfluss nach und nach auszubauen. An der Bedrohungssituation ändert sich dadurch allerdings nichts. Die größte Bedrohung in der Arktis ist der Klimawandel, der dort viermal so stark messbar ist wie im globalen Durchschnitt. Das Verschwinden von Permafrost und Meereis, Erosionen sowie Wald- und Tundrabrände bedrohen das gesamte Leben von Pflanzen, Tieren und Menschen nördlich des Polarkreises. Hier muss dringend gehandelt werden.