Gender, Frauen und Frieden

Erfahrungen über die Schwierigkeiten mit dem Thema und den Mitstreiter(Inne)n

von Irmgard Hofer

Dieses Graffiti fiel mir 2014 in einer Seitengasse in Ljubljana auf, und schon sind wir bei der ersten Schwierigkeit, wie übersetze ich „man“ korrekt ?

Der niedrige Status von Frauen wird von Männern gemacht
Eine Müllsammelaktion vor 48 Jahren illustrierte  mir die patriarchale Struktur des Militärs. Während wir Jugendlichen aus allen Ecken der bewaldeten Flussböschung unsere Säcke füllten, war ein Abschnitt von Soldaten besetzt, die den Abfall einzeln in einer Kette weiterreichten. Oben stand ein Mann, der nichts tat, nur ab und zu etwas schrie. Wenn ich das Bild ausweite, standen die Frauen jahrtausendelang ganz unten am Ufer oder mehr oder weniger tief im Wasser und hatten die Entscheidungen der Männer abzuwarten.

Die niedrige Stellung der Frau wurde mit der Biologie ihres Geschlechts begründet, englisch „sex“, und dann wurden die Kinder so lange erzogen, bis sie diese „natürlichen“ Eigenschaften in ihre Rolle („gender“) aufgenommen hatten. Selbst heute funktioniert bekanntlich der Test: Wird ein Baby rosa angezogen, geben die Probanden ihm eine Puppe, wird es blau angezogen, bekommt es das Auto.

Mit „weiblich“ waren assoziiert Kindererziehung, Küche, Pflege, Opfertum, Besitzlosigkeit und Armut, sexuelle Unterwerfung für Reproduktion und Lust des Mannes (aktuell: Me-Too-Debatte!). In der Friedensbewegung  gehörten zu ihren Aufgaben das Protokollschreiben, der Raumschmuck, die Verköstigung der Marschierenden, die Präsente für die GastrednerInnen, die Moderation und das Ehrenamt. Die ersten Laptops führten zu meinem großen Erstaunen dazu, dass Männer sich freiwillig fürs Protokoll meldeten (nur so lange, bis auch die Frauen welche hatten!).

In den Händen der Männer lag die Macht,  und deshalb galt es als männlich, wichtige Entscheidungen, vor allem auch über die Ökonomie zu treffen, sie übernahmen die Außenaktivitäten, Jagd und Krieg. In der Friedensbewegung übernahmen sie die Reden, die Podien, die Pressekontakte, den Bühnenaufbau, die Technik und den Großteil der bezahlten Stellen. Selbstredend werden jeder/m von uns Gegenbeispiele einfallen, den Mitgliedern des Kampagnenrats „Atomwaffen Abschaffen“ zum Beispiel ein apfelschnippelnder Gastgeber. Als feministischer Pazifistin wurden mir abwechselnd Frau Thatcher, Frau Albright und Frau von der Leyen vorgehalten – und das beweist ja gerade, dass wir nicht biologisch determinierte Wesen sind, sondern uns in die eine oder andere Weise entwickeln können.

Vor etwa 35 Jahren stieß ich zur Friedensbewegung und traf dort bewundernd Männer, die die ihnen zugeteilte Kriegerrolle hinterfragten. Die Älteren hatten den Krieg erlebt, die Jüngeren den Kriegsdienst in der Bundeswehr verweigert. „Der Krieg hat mich gelehrt, wie lächerlich die Männlichkeit ist. … Das klingt jetzt sehr böse, weil ja Männer im Krieg auch einiges mitmachen, sie sterben, sie werden verwundet. Und trotzdem hat mich der Krieg in seiner Lächerlichkeit, in seiner absurden Lächerlichkeit, möglicherweise zum Verächter des Mannes gemacht“. (1)

Was mich aber immer wieder erstaunte, manchmal erzürnte und letztendlich dazu führte, dass ich mein Engagement in der Frauenfriedensbewegung vertiefte, war die Erfahrung, dass das Infrage-stellen der eigenen Rolle bei den Kriegsdienstgegnern nicht automatisch zu einem auch die Frauen einschließenden Interesse der Männer an der Kriegsthematik führte. Auch Friedensfrauen haben für das Wohl der leidenden Soldaten und Zivilpersonen im Krieg, für die Rechte von Flüchtlingen, Kriegsgefangenen und Kindersoldaten sowie für umfassende Abrüstung gekämpft. Seit über 100 Jahren setzen sich Frauen auch dafür ein, dass Menschenrechte auch Frauenrechte sind und fordern ein Ende der physischen und sexualisierten  Gewalt gegen Frauen, die als „globaler Krieg gegen Frauen“ (2) in den Krisengebieten im wahrsten Sinn des Wortes HERRscht und sie und ihre Kinder Misshandlungen, Verschleppung, Vergewaltigung, Ermordung  und Versklavung aussetzt. Wir haben immer wieder gefordert, dass Friedensverhandlungen nur dann legitim sind, wenn die nominell größere Hälfte der Menschheit ein paritätisches Mitspracherecht hat.

„Vielen Anhängern der alten Ordnung wird schwindeln bei dem Gedanken der Realisierung dieses Programms; … den Umsturz … Wir haben darauf nur die kaltblütige Antwort: mag es denn stürzen; schlimm genug, dass es so lange bestand, dass sich die menschliche Gesellschaft so lange aufbauen konnte auf einen für ihre größere Hälfte [der Frauen ] unerträglichen und ganz unwürdigen Zustand.“ (3)

Für unsere Themen mussten wir kämpfen. Die Friedenskollegen sahen kein Problem darin, wenn ein Podium nur von Männern besetzt war. Zum Ostermarsch war ihnen einfach keine Rednerin eingefallen, also keine qualifizierte. Die Messlatte für eine Frau war schließlich hoch. Männer waren hingegen über das politische Geschehen stets hochinformiert und redeten auch nie Unsinn. Dass sie weder die Aktionsplattform von Peking mit ihren umfassenden Friedensforderungen noch die UN-Resolution 1325 sowie die Folgeresolutionen kannten, konnte nur daran liegen, dass diese von Frauen handelten und deshalb irrelevant waren. Ähnliche Erfahrungen machten Frauen weltweit. Als ich 1995 mit 220 Frauen aus über 40 Ländern in einem Friedenszug zur UN-Frauenkonferenz nach Peking fuhr, drückte eine Frau dieses universelle Gefühl mit dem Satz aus: „My nationality ist to be a woman.“

Zu meiner großen Verwunderung fanden sich in Workshops mit dem Aufdruck „Gender“ keine Männer, es sei denn, sie waren als Referenten eingeladen. Sie waren der Meinung, ihre Geschlechterrolle spiele in der Debatte keine Rolle. Und ja, jetzt bin ich ein bisschen böse, denn ihr wisst ja, böse Frauen kommen nicht in den Himmel, aber überall hin, wenn einer dann doch kam, übernahm er gefühlt 50 % der Redezeit und/ oder erklärte „die Mütter“ für schuldig. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass unser Unterbewusstsein in Sekundenschnelle das Geschlecht Anwesender erfasst – wie könnten wir uns da NICHT für die damit verbundenen Stereotypien interessieren?

Dennoch höhlte das weiche Wasser die Steinchen, Frauen übernahmen Leitungsfunktionen, homogen besetzte Redelisten wurden seltener. Auch in den Medien stieg das Bewusstsein, die Artikel wurden differenzierter, das Bildmaterial war dennoch oft sehr rollenstereotyp. Als Dirk Niebel, damals Entwicklungshilfeminister, 2010 die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit von sieben Männern leiten ließ, war es für uns Frauen schon eine Genugtuung, dass ihm öffentlich vorgeworfen wurde, mann werde „zum Gespött in der  internationalen Diskussion“. (4) Im Frühling 2016 fiel auch der DFG/VK ein Frauenmangel auf und deshalb die Männer-Frauen-Frage ein, acht Berichte von Frauen wurden veröffentlicht, gefragt seien weitere Frauen. (5) Ich bin DFG/VK-Mitglied und habe gleich einen Leserinnenbrief geschrieben, auf eine Antwort warte ich bis heute.

Der niedrige Status von Frauen ist menschengemacht
Übersetze ich den Wandspruch so, hole ich auch die Frauen ins Boot. „Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann.“ (6) Wir haben hierzulande seit 100 Jahren die Gleichberechtigung, wir müssen sie auch einklagen und umsetzen, das heißt dann aber auch, Verantwortung für eine Demo übernehmen, sich hinter ein Mikrofon stellen oder mit der Presse reden. Das heißt, Frauennetzwerke bilden, Frauen zitieren, Frauen wählen, Frauen stärken, Frauen- und Genderforschung unterstützen anstatt Zickenkrieg. Und ja, ich ärgere mich auch über Frauen, wenn ein Vortrag über unsere – zugegeben - bewundernswerten Gründerinnen einen großen Saal füllt, aber sich bei aktuellen Vorhaben viele wegducken.

Frieden bedeutet menschliche Sicherheit, gesunde Nahrung, sauberes Wasser, Gesundheit, Bildung, Wohnung und Einkommen und besonders für Frauen Teilhabe am öffentlichen Leben, freie Wahlmöglichkeiten ihrer Beziehungen und Fruchtbarkeit. Das große Ziel, Kriege und Rüstung abzuschaffen, braucht viele Kräfte. „Ein Aspekt der Friedenspolitik von WILPF ist, Geschlechterverhältnisse aus einem Machtverhältnis zu einer partnerschaftlichen Beziehung zu entwickeln, dazu kommt es nur, wenn Männern genauso daran liegt wie Frauen und sie mit uns in der Verwirklichung dieses neuen Geschlechterverhältnisses kooperieren.“ (7) Lasst uns zusammen daran arbeiten!

Die Regeln, die Jean Gore und Betty Burkes 1995 auf dem WILPF-Kongress in Helsinki in einem Workshop durchhielten, haben mir als Neuling mit schlechtem Schulenglisch den Einstieg in die Debatte sehr erleichtert: „Respektiere alle Gesichtspunkte. Höre mit voller Aufmerksamkeit zu. Wiederhole nicht, was bereits gesagt wurde. Höre zu und unterbreche andere nicht. Erlaube anderen zu reden, bevor du  dich ein zweites Mal meldest. Genieße den Prozess.“ (8)

Anmerkungen
1 Heinrich Böll (1982): Eine deutsche Erinnerung, München, S. 43
2 WILPF Manifesto (2015),deutsch von Heidi Meinzolt S. 14
3 Anita Augspurg (1903): Politische Frauenbewegung. In: Die Zeit. Wiener Wochenschrift für Politik, Volkswirtschaft, Wissenschaft und Kultur. 36 Bd., Nr. 477, 21.11.1903, S. 87 – zitiert in Susanne Kinnebrock, Anita Augspurg, 2005, S. 253
4 SZ vom 25.111.2010
5 ZIVILCOURAGE 2016, Nr. 2, S. 3ff
6 Rita Süßmuth, 1999
7 WILPF Manifesto, a.a.O., S. 15
8 Am 2.8.1995 so mitgeschrieben

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Irmgard Hofer ist ehrenamtliche Vorsitzende der deutschen Sektion von WILPF, ihr Themenschwerpunkt ist Abrüstung.