Interview mit Colin Archer

"Es macht wirklich Spaß für den Frieden zu arbeiten"

von Der Pazifist
Friedensbewegung international
Friedensbewegung international

Am 8. und 9. September weilte Colin Archer, Generalsekretär des Internationalen Friedensbüros auf Einladung von Pax Christi und Versöhnungsbund in Bonn. Dr. Heinz Werner Weßler von der Pax Christi-Kommission Zentralafrika, führte bei dieser Gelegenheit nachstehendes Interview mit Colin.

Den meisten Lesern von DER PAZIFIST (s.u.) ist das Internationale Friedensbüro wohlbekannt. DER PAZIFIST ist Mitglied seit 1991. Anders als in früheren Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts, spielen die Deutschen derzeit keine besonders aktive Rolle im IFB. Colin bedauert dies und ist bereit, im nächsten Jahr eine Vortragsreise durch Deutschland zu unternehmen. Gruppen, welche an einem Kontakt interessiert sind, können sich gerne bei uns melden.

Frage: Was ist das Internationale Friedensbüro (IFB)? Der Dinosauner unter den Institutionen der internationalen Friedensbewegung?

Colin Archer: Nein, wir sind keineswegs Dinosaurier. Gewiss, wir haben eine, sagen wir, glorreiche Vergangenheit. Das liegt daran, dass das IFB schon vor dem Völkerbund gegründet wurde, nämlich l892, wir gehen auf den 110. Geburtstag zu. Durch dieses Alter gewinnen wir eine historische Perspektive. 1910 hat das IFB den Friedensnobelpreis erhalten, wir sind also als Organisation Mitglied der privilegierten Gruppe der Nobelpreisträger. Das bringt uns immer wieder in Kontakt mit Historikern, Museumsleuten, aber auch anderen Nobelpreisträgern. Die frühe Geschichte des IFB ist sehr reich, viele der frühen Vorsitzenden des IFB haben persönlich den Friedensnobelpreis erhalten, genauer gesagt 13 unserer Mitglieder in einem Jahrhundert. Eine höhere Zahl erreicht keine andere Organisation.

... eine wahrlich glorreiche Vergangenheit.

Natürlich können wir uns auf diesen historischen Ehrungen nicht ausruhen. Wir müssen Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen finden.

Viele Friedensbewegte, wenigstens in Deutschland, kennen das IFB gar nicht, haben sogar den Namen noch gar nicht wahrgenommen.

Dafür gibt es einen ganz bestimmten Grund, das ist die Struktur des IFB, die anders ist als zum Beispiel die von amnesty international, Greenpeace oder Pax Christi, die nationale Sektionen haben, die den Namen der Organisation führen. Die IFB-Mitglieder sind Organisationen mit eigenen Namen. In Deutschland sind das zum Beispiel "DFG-VK" oder "Dialog International", die nicht unbedingt als IFB-Mitglieder bekannt sind. Deshalb haben wir ein eher zurückhaltendes Profil. Wir sind eine Service-Organisation zur Unterstützung und Koordinierung unserer Mitglieder. Manchmal helfen wir, neue internationale Plattformen, internationale Koalitionen zu bestimmten Themen herzustellen und übernehmen dort auch die Führung, wenn das nötig ist.

Welche Service-Leistungen bieten Sie von Genf aus an?

Unsere Hauptarbeitsgebiete sind zwei. Eines ist die Verbindung zu den Vereinten Nationen. In Genf sind viele UN-Institutionen ansässig, zu denen wir Kontakte unterhalten. Diese Verbindungen funktionieren, wir sind gut informiert und folgen dem Geschehen in der UN-Welt. Wir folgen auch den Ereignissen zum Beispiel in Johannesburg, New York und Nairobi, die aus dem UN-System kommen. Zum Zweiten kommt es uns darauf an, horizontale Verbindungen auf Graswurzelniveau herzustellen, also die internationale Vernetzung voranzutreiben, heute oft mit Internet und email (s.u.). Wir haben aber auch eine jährliche Konferenz, zu der die Leute zusammenkommen, nicht nur aus verschiedenen Ländern, sondern auch aus den verschiedenen Sektoren der Friedensbewegung. Ich glaube, darin liegt unsere Besonderheit. Viele Organisationen beschränken sich in ihrer Arbeit auf bestimmte Themengebiete. Es gibt Frauenorganisationen, kirchliche Gruppen, Gewerkschaften usw., aber im IFB ist eine große Familie von Friedensbewegten zusammen, das macht es zu einem interessanten Raum, in dem Ideen und Erfahrungen ausgetauscht werden können.

Werden die Ereignisse in der UN-Welt vom IFB aus verfolgt oder machen das weltweit Mitgliedsorganisationen, die selbst Zugang zur UN-Welt suchen?

Beides. In New York gibt es ein Büro unserer Schwesterorganisation Haager Appell. Auch unsere Präsidentin ist dort. wir haben auch eine ganze Menge Mitgliedsorganisationen in den Vereinigten Staaten, die ihre eigenen Büros haben.

Wie viele Mitgliedsorganisationen gibt es zur Zeit?

Zur Zeit haben wir beinahe 240 Mitgliedsorganisationen in mehr als 60 Ländern.

Darunter so verschiedenartige Organisationen wie Gewerkschaften, pazifistische Organisationen ...

... alle möglichen Organisationen: Jugendorganisationen, Forschungsinstitutionen, Umweltschutzgruppen, verschiedenartige Kampagnen, es ist ziemlich gemischt...

... und was ist der grundlegende Konsens?

Es ist schwer, den Konsens festzumachen. Aber es gibt gewisse Angelegenheiten, bei denen wir uns alle einig sind. Eine davon ist der Kampf gegen die Waffenindustrie, Atomwaffen, der Kampf gegen Landminen, leichte Waffen usw. Dabei gibt es kaum Streitigkeiten. Komplizierter wird es, wenn man sich an klassische Themen begibt, zum Beispiel die Kriegsursachenforschung, die Theorie vom gerechten Krieg, da gab es ja gerade in Deutschland in den letzten Jahren eine schwer wiegende Kontroverse, besonders während der Kosovo-Krise.

Gegenwärtig aber, angesichts eines vielleicht bevorstehenden Irak-Krieges, sehe ich niemanden, der Mr. Bush unterstützt. Es gibt eine sehr breite Koalition gegen die verrückten und mörderischen Kriegspläne des amerikanischen Präsidenten. Man kann vielleicht sagen, dass die Friedensbewegung sozusagen von einer solchen Sache profitiert, weil es uns zusammenschweißt, weil die Perspektive so erschreckend ist. Die Aussicht auf einen regionalen Krieg im Mittleren Osten ist das Letzte, was wir zur Zeit brauchen.

Das IFB ist - wie Du sagst - eine Servicestelle für seine Mitgliedsorganisationen. Wie würdest Du die Lobbying- und Advocacy-Arbeit dazu in Beziehung setzen?

Unter Service verstehe ich, den Mitgliedsorganisationen zu helfen, damit sie ihre Lobby-Arbeit durchführen können. Wir haben ziemlich viele Besucher in Genf. Wir helfen ihnen dann, die für ihre Anliegen richtigen Personen in den richtigen Institutionen der Vereinten Nationen zu finden, wir machen auch Medienarbeit für sie, organisieren Pressekonferenzen, besorgen Hotels, also die ganze logistische Arbeit und Unterstützung, soweit notwendig. Das sind einige unserer Schlüsselfunktionen.

Wir planen aber auch einige neue Projekte, die ich hier gerne vorstellen will. Es handelt sich um vier Projekte. Das erste betrifft die traditionelle Abrüstungsarbeit, für die wir uns seit vielen Dekaden engagieren. In den 80er Jahren haben wir vor allem zur Frage der Atomwaffen gearbeitet. Das ist jetzt breiter angelegt und betrifft Landminen, biologische Waffen, leichte Waffen und auch neue Waffensysteme. Das zweite Projekt ist die so genannte "menschliche Sicherheit" ("human security"). Das betrifft die breit angelegte Frage von der Ablösung eines nur von der militärischen Sicherheit bestimmten Ansatzes, insbesondere seit den terroristischen Angriffen vom 11.9.2001 und dem Anstieg der Militärbudgets seitdem, vor allem in den Vereinigten Staaten.

Das vierte Projekt ist ein neuartiges Programm zu bewaffneten Konflikten. Wir arbeiten bei der UN-Menschenrechtskommission, und zwar zu speziellen Konfliktsituationen, insbesondere zu Burma, Sri Lanka, Tschetschenien und ein wenig zur Demokratischen Republik Kongo.

Für die Zukunft ist aber noch etwas Anderes geplant. Im Jahr 2004 werden die Olympischen Spiele in Griechenland, in Athen stattfinden. Es gibt eine alte Tradition des Olympischen Friedens während der Zeit der Spiele. Unsere jährliche Konferenz wird nächstes Jahr, hoffe ich, in Athen stattfinden, ein Jahr vor den Spielen. Wir werden sie teilweise in Kooperation mit dem Zentrum für den Olympischen Frieden abhalten, das im Auftrag der Griechischen Regierung eingesetzt wurde, in Kooperation mit dem Olympischen Komitee in Lausanne. Ziel ist dabei die Idee eines globalen Waffenstillstands während der Zeit der Spiele. Ich glaube, das ist ein gutes Mittel, um junge Leute zu erreichen, darunter auch Sportlerinnen und Sportler, die sonst kaum etwas mit der Friedensbewegung zu tun haben. Mit der Idee eines weltweiten Friedensdurchbruchs haben wir etwas, das die ganze Welt in Aufregung versetzen könnte. Gewiss, das sind alles kleine Schritte, es gibt sicherlich viel zu tun, wenn wir auf dem Weg zum Frieden voran kommen wollen, sowohl in den Konfliktregionen, als auch auf internationalem Niveau. Dies ist also unser viertes Projekt, zur Zeit noch eher in der embryonalen Phase.

Wir glauben, dass wir mit diesen vier Projekten die Interessen von sehr vielen Friedensgruppen in der ganzen Welt tangieren. Ich denke in jedem Projekt können unsere Mitgliedsorganisationen etwas finden, für das sie sich besonders einsetzen können.

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