Kultur des Friedens als Wegweiser in Zeiten des Ukraine-Kriegs

Plädoyer für eine „Kultur des Friedens"

von Rolf Bader
Hintergrund
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Die Zeit der Friedensliebe sei vorbei. Der 80. Jahrestag des Kriegsendes bedeute das vorläufige Ende einer Ära des Friedens und des Wohlstands. „Der Traum vom ewigen Frieden in Europa ist inzwischen ausgeträumt“, so der Politikwissenschaftler Herfried Münkler. (1)

Ist es zulässig, in dieser Grundstimmung eine Friedenspolitik anzumahnen, die Gewaltlosigkeit als Prinzip und als politische Handlungsmaxime festschreibt? Diese schließt jede Anwendung und auch die Bereitschaft zur Anwendung militärischer Gewalt aus. Das neue friedenspolitische Paradigma müsste deshalb eine konkrete Strategie für ein Ausstiegsszenario aus der militärischen Sicherheitspolitik enthalten und darüber hinaus Wege für eine fortschreitende Friedensentwicklung aufzeigen.

Abrüstung und Entspannung wären – besonders in Zeiten andauernder und drohender Kriege – Voraussetzung für einen „Gemeinsamen Frieden", der ein Zusammenleben der Völker in Solidarität, Freiheit und Gerechtigkeit und eine Welt ohne Militarismus und Waffen anstrebt. „Gemeinsamer Frieden„"“ fordert nicht eine konfliktfreie Welt, sondern die Bereitschaft zum Dialog und zur Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen und Weltanschauungen. „Gemeinsamer Frieden„"“ geht von der Fähigkeit des Menschen aus, Konflikte ohne Einsatz von Gewalt bewältigen zu können und zu wollen. Er steht für eine Politik ohne Nötigung, Erpressung und Abschreckung, der konstruktiven Zusammenarbeit aller Völker.

Eine zivilisationskonforme und kooperative Friedenspolitik hätte die Aufgabe, sich der Bewältigung der globalen und existenzbedrohenden Gefahren zuzuwenden.

„Meine Hoffnung besteht darin, dass sich aus all dem eine neue Blockfreienbewegung ergeben wird, die nach der Zeit der vielen Völkerrechtsbrüche wieder am allgemeinen Recht der UNO arbeiten wird, dem Frieden und der Überlebensfähigkeit des ganzen Planeten zu dienen. … Wer die Welt wirklich retten will, diesen kostbaren einzigartigen wunderbaren Planeten, der muss den Hass und den Krieg gründlich verlernen. Wir haben nur diese eine Zukunftsoption“, so Antje Vollmer in ihrem politischen Vermächtnis. (2)

Frieden suchen mit aller Kraft. So haben es die Mütter und Väter des Grundgesetzes, die Überlebenden des Zweiten Weltkrieges als Friedensgebot in die Verfassung des Jahres 1949 geschrieben – als Gebot der Friedensstaatlichkeit. (3) 

"Gemeinsame Sicherheit" als Wegweiser?
Um die drohende Klimakrise und die Gefahr eines Atomkriegs eindämmen zu können, bedarf es einer Strategie, die zur Konfliktlösung beitragen kann. Der Palme-Bericht zur „Gemeinsamen Sicherheit“, der 1982 den Vereinten Nationen vorgelegt wurde, könnte in seinen Empfehlungen auch heute noch wegweisend sein. (4) Er forderte damals während des Kalten Krieges die Rückkehr zu Verhandlungen über Rüstungskontrolle und Abrüstung, die auch aktuell wieder auf die Agenda der internationalen Politik gehören.

Auch wenn in der aktuellen Lage die Revitalisierung des Konzepts schwierig erscheint, wäre Gemeinsame Sicherheit ein Wegweiser in eine Richtung, die nachhaltigen Frieden und Klimagerechtigkeit befördern könnte. „Eine Konflikttransformation kann eine sozial-ökologische Transformation unterstützen, um langfristig den von António Guterres vorgeschlagenen ‚Frieden mit der Natur‘ zusammen mit dem ‚Frieden unter den Menschen‘ zu erreichen“, sagt Jürgen Scheffran. (5)

Gemeinsame Sicherheit eröffnet im Besonderen Chancen, gegensätzliche geopolitische Interessen auszugleichen und eine Tür für Verhandlungen  öffnen zu können. Das gilt für den Ukraine-Krieg wie für alle anderen Krisenherde auf der Welt.

„Arbeiten wir zusammen für eine menschliche Gesellschaft, für eine Welt frei von Atomwaffen und Kriegen!" so Terumi TANAKA in seiner Nobelpreisrede 2024 in Oslo. (6)

Kriege sind eine Mahnung zur Umkehr und sollten die Menschheit zu einem Neuanfang des friedlichen Miteinanders bewegen. Die Charta der Vereinten Nationen, die von 193 Staaten unterzeichnet wurde, ist ein Wegweiser und eine stetige Verpflichtung, diese Friedensvision einzulösen. Die UN-Charta und das Friedensgebot des Grundgesetzes bilden das Fundament eines friedlichen Miteinanders. Das Prinzip der Gewaltfreiheit und der friedlichen Lösung von Konflikten muss zwischen Staaten, innergesellschaftlich und zwischen uns Menschen gelten.

Erich Maria Remarque: „Man muss an die Zukunft glauben, an eine bessere Zukunft. Die Welt will Frieden, trotz gewisser Politiker. Und die Welt will wieder Dinge haben, an die sie glauben kann: Menschlichkeit, Verständnis, Fortschritt, Hilfsbereitschaft." (7)

Deshalb lohnt es sich, dass wir uns als Zivilgesellschaft auf allen Kontinenten - über Grenzen hinweg - dafür gemeinsam einsetzen!

Anmerkungen
1 Herfried Münkler, Vom Ende der Friedensliebe", Süddeutsche Zeitung, v. 08.05.2025
2 Antje Vollmer, „Was ich noch zu sagen hätte“, Berliner Zeitung v. 23.02.2024
3 Heribert Prantl, Den Frieden gewinnen, Heyne 2024, S.57
4 UNO, „Common Security“, New York 1982
5)Jürgen Scheffran: „Zeitenwende für eine neue Weltordnung? Geopolitik versus kooperative Sicherheit“, aus „Europa und der Ukrainekrieg“, Mitteldeutscher Verlag 2024
6 https://www.nobelprize.org/prizes/peace/2024/nihon-nidankyo/lecture/
7 Zitat von Erich Maria Remarque aus Heribert Prantl, "Den Frieden gewinnen", Heyne 2024, S. 193

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