Warum die neue Wehrpflicht 2026 kein Beitrag zum Frieden ist

Wehrdienst: Rückkehr zur Pflicht?

von Julia Engels
Hintergrund
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Im Sommer 2026 soll sie Realität werden: die „neue Wehrpflicht“. Was offiziell als „Verpflichtungsmodell mit Wahloption“ verkauft wird, ist faktisch die schrittweise Reaktivierung eines Instruments, das aus guten Gründen 2011 ausgesetzt wurde. Verteidigungsminister Pistorius spricht von einem „Weckruf für die Zeitenwende“. Doch aus friedenspolitischer Perspektive wirft dieses Vorhaben viele Fragen auf – und ruft entschiedenen Widerspruch hervor.

Kern des neuen Modells ist ein zweistufiges Verfahren: Zunächst sollen alle Männer eines Jahrgangs ein Schreiben vom Bundesamt für Wehrverwaltung erhalten – ein sogenannter „Grundwehrdienstbrief“. Auf freiwilliger Basis können sich junge Männer und Frauen melden. Im zweiten Schritt sollen geeignete Bewerber*innen dann für sechs bis zwölf Monate – als Zeitsoldat*innen - einberufen werden – zunächst 5.000 bis 15.000 pro Jahr. De facto ist das ein kaschierter Pflichtdienst mit starkem Druck zur „freiwilligen“ Meldung. 

Militarisierung unter dem Deckmantel der Freiwilligkeit
Die Bundesregierung reagiert mit dem Modell auf Personalengpässe bei der Bundeswehr, die unter dem Eindruck des Ukraine-Krieges und wachsender NATO-Verpflichtungen steht. Doch eine sicherheitspolitische Notlage, die eine Reaktivierung der Wehrpflicht rechtfertigt, ist nicht erkennbar. Stattdessen wird ein martialisches Klima erzeugt, das die Bereitschaft zur Kriegsführung gesellschaftlich verankern soll.

Was als „Zeitenwende“ begann, entwickelt sich mehr und mehr zur Militarisierung der Gesellschaft: Mit Bundeswehr-Influencer*innen auf TikTok, „Erlebnistagen“ an Schulen und Werbespots im ÖPNV wird das Bild vom „Verteidigungsbürger“ aufgebaut – als Ideal des patriotischen, einsatzbereiten Staatsbürgers. Das neue Wehrpflichtmodell reiht sich nahtlos in diese Rhetorik ein.

Frieden ist mehr als Landesverteidigung
Die Friedensbewegung sollte diesen Kurs entschieden zurückweisen. Sicherheit entsteht nicht durch Aufrüstung, sondern durch Prävention, Diplomatie und internationale Zusammenarbeit. Statt Milliarden in neue Kampfpanzer und Wehrdienststrukturen zu stecken, braucht es Investitionen in Bildung, zivile Konfliktbearbeitung und den sozialen Zusammenhalt in einer Gesellschaft im Wandel.

Auch historisch betrachtet war die Wehrpflicht nie ein Garant für Frieden – im Gegenteil: Sie diente immer wieder zur Vorbereitung von Kriegen, zur Disziplinierung der Jugend und zur Durchsetzung nationalstaatlicher Interessen. Eine Rückkehr zu solchen Modellen ist ein Rückschritt, kein Fortschritt.

Widerstand ist notwendig
Schon heute formiert sich Kritik – von Friedensgruppen, Antimilitarist*innen, aber auch aus der Jugend selbst. Dieser Widerstand muss lauter werden: mit Bildungsarbeit, Aktionen zivilen Ungehorsams, Aufklärung an Schulen und einem klaren Bekenntnis zur Ablehnung des Kriegs als Mittel der Politik.
Die Wehrpflicht ist kein neutrales Instrument. Sie ist ein politisches Symbol – und ein gefährliches dazu.

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Hintergrund
Julia Engels (Jahrgang 1994) ist Politikwissenschaftlerin (M.A.) und promoviert zu Deutschlands Rolle in der internationalen nuklearen Abschreckung an der RWTH Aachen. Sie engagiert sich seit vielen Jahren in der Friedensbewegung und arbeitet an verschiedenen Fragen der atomaren Abrüstung, Sicherheitsarchitektur und Antimilitarismus. Sie schreibt regelmäßig zu sicherheitspolitischen Themen, u. a. für die taz.