In unserer Zeitschrift "FriedensForum" berichten wir über akutelle Aktionen und Kampagen aus der Friedensbewegung. Gerne senden wir dir ein kostenloses Probeexemplar zu!
Gewaltfreier Widerstand
Wirksamer Widerstand für mehr Sicherheit und Frieden
von
Methoden gewaltfreier Bewegungen, wie Massendemonstrationen, Arbeitsverweigerung oder Sitzblockaden, werden oft angewandt, um gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen. Es gibt darüber hinaus jedoch auch Fälle, in denen solche Aktionsformen im Kontext bewaffneter Konflikte genutzt wurden, etwa um Besatzungen zu beenden oder Frieden herbeizuführen und somit gewaltfrei für Sicherheit zu sorgen. Eine klassische Kategorisierung gewaltfreier Aktionsformen nach Gene Sharp ordnet Methoden danach, ob Menschen protestieren, sich verweigern oder gewaltfrei intervenieren. (1)
Symbolische Protestformen, wie etwa Demonstrationen, Kunstaktionen oder Petitionen, sind zwar am bekanntesten und die Hauptform der Ausdrucksweise der Zivilgesellschaft, verschieben jedoch in der Regel hauptsächlich in autoritären Regimen Machtverhältnisse, weshalb sie in diesem Artikel auch nicht weiter beleuchtet werden. In Demokratien gehören sie zum ritualisierten Standardrepertoire außerparlamentarischer Öffentlichkeit und somit stellen sie in diesen auch keine Form des tatsächlichen Widerstandes dar, wenn eine Bewegung ausschließlich Methoden dieser Kategorie verwendet. (2)
Daneben gibt es Formen der massenhaften Verweigerung, durch die gesellschaftliche Gruppen in machtvollen Positionen daran erinnert werden, wie sehr sie doch angewiesen sind auf die Zusammenarbeit und Zustimmung durch die Bevölkerung und dass sie ohne diese ihre Ziele nicht oder nur sehr schwer erreichen können. Das wird etwa deutlich bei der Verweigerung der Arbeitskraft (Streik) oder der Kaufkraft (Boykott).
Heute Selbstverständliches wurde erkämpft
Vieles, das wir heute für selbstverständliche Rechte halten, wurde mit solchen Methoden und mit Gefahr für Leib und Leben hart erkämpft. Arbeitsrechte wie der Achtstundentag, die Fünftagewoche, solche für den eigenen Schutz vor Verletzungen und Todesgefahr, sind Ergebnisse jahrzehntelanger verschiedenster Variationen von Streiks der Arbeiter*innenbewegung. Neben der Verweigerung der Arbeitskraft gibt es noch andere Formen der Nichtkooperation. Zur Abschaffung der Apartheid in Südafrika etwa trugen verschiedene Formen der wirtschaftlichen Kooperationsverweigerung bei, wie etwa ein jahrzehntelanger internationaler Boykott südafrikanischer Produkte, der die Unterstützung der Apartheid durch die Weltgemeinschaft erodieren sollte.
Im sogenannten passiven Widerstand des „Ruhrkampfs“ (3) zur Beendigung der Ruhrbesetzung 1923 bestanden die wichtigsten gewaltfreien Aktionsformen auch vor allem in Streiks, systematischer Nicht-Kooperation und zivilem Ungehorsam: Arbeiter*innen legten die Arbeit nieder, besonders Eisenbahner*innen, die den Verkehr störten oder einstellten. Gleichzeitig verweigerten Behörden, Unternehmen und Bevölkerung bewusst die Zusammenarbeit mit Angehörigen der Besatzung, etwa durch Befehlsverweigerung, keine Bedienung von Soldaten in Geschäften und Gaststätten, das Zurückhalten von Informationen oder auch die absichtlich ineffiziente Arbeit. Insgesamt zielten diese Maßnahmen darauf ab, die Besatzung ohne direkte Gewalt nicht lohnenswert zu machen, indem Verwaltung, Wirtschaft und Transport blockiert wurden.
Eine ähnliche Verweigerungshaltung der militärischen Besatzung gegenüber entstand auch im von Nazi-Deutschland besetztem Dänemark im zweiten Weltkrieg. Nach einer Weile begannen Streiks, Sabotagen und Gehorsamsverweigerung. Zudem wurden 7.200 Jüd*innen das Leben gerettet, indem sie in Fischerbooten nach Schweden gebracht wurden.
Die Rettungsaktion gehört in die dritte Kategorie gewaltfreier Aktionsformen: Gewaltfreie Interventionen. Diese sind in der Regel allerdings noch disruptiver und haben oft Störpotenzial, weshalb sie häufig kriminalisiert werden. Verbreitetere Beispiele sind Straßenblockaden oder Sit-Ins. Als in den 1960er Jahren in den USA sich Schwarze Studierende weigerten, sich an die rassistischen Regeln der Segregation zu halten und sich einfach in Kantinen setzten, die nur für Weiße vorgesehen waren, erfuhren sie nicht nur Gewalt, sondern wurden oft z.T. massenweise verhaftet. Ähnliches passiert heute mit Aktiven der Klimagerechtigkeitsbewegung, die auf die planetaren Grenzen hinweisen und mit Straßenblockaden politischen Druck erzeugen wollten, und nun juristisch auf eine Stufe mit kriminellen Vereinigungen gestellt werden.
Beispiel: Die Friedensfrauen in Liberia
Ein Beispiel für gewaltfreie Interventionen im bewaffneten Konflikt sind die „Women of Liberia Mass Action for Peace“, eine von christlichen und muslimischen Frauen getragene Friedensbewegung in Liberia, die 2003 erfolgreich den zweiten Bürgerkrieg dort beendete und zur Demokratisierung beitrug. Mit ihren gewaltfreien Aktionen erzeugten sie solch einen Druck, dass die kämpfenden Männerlager sich dazu gezwungen sahen, sich an Friedensverhandlungen zu beteiligen und am Ende sogar ein Friedensabkommen unterzeichneten. Um das zu erreichen, wurden verschiedenste, zum Teil sehr kontroverse Methoden angewandt. Mediale Aufmerksamkeit verschaffte ihnen etwa die Entscheidung, so lange keinen Geschlechtsverkehr mit ihren Ehepartnern zu haben, bis sie den Krieg beendet hatten. Der sogenannte „Sexstreik“ ist bekannt durch das antike Theaterstück Lysistrata von Aristophanes, in der die Frauen, angeführt von Lysistrata, den Sex mit ihren Ehepartnern verweigern, um ein Ende des Peloponnesischen Krieges herbeizuführen. Eine weitere ungewöhnliche und sehr kontextuell bedingte Aktionsform der liberianischen Bewegung war die Androhung eines Fluches oder auch die Androhung von verheirateten Frauen, sich öffentlich auszuziehen. Die direkteste Wirkung hatten jedoch wahrscheinlich die Sitzstreiks und Sitzblockaden der Frauen vor den Unterkünften der einzelnen Konfliktparteien, um sie dazu zu bringen, sich auf Friedensverhandlungen einzulassen - und als sie dies erfolgreich erreicht hatten, an den Türen der Verhandlungszimmer, indem sie sich weigerten den Weg frei zu machen und die Verhandlungspartner heraus zu lassen, bis sie eine Einigung unterzeichnet hatten. Die Frauen Liberias wurden zu einer politischen Kraft und ihre Aktionen resultierten tatsächlich in einem Friedensabkommen und unterstützten die Wahl von Ellen Johnson Sirleaf zur ersten Präsidentin (und somit zum ersten gewählten weiblichen Staatsoberhaupt im gesamten Kontinent), die Frauenrechte im Land stärkte und unter anderem zusammen mit Leymah Gbowee 2011 den Friedensnobelpreis erhielt. (4)
Je nach Kontext können Methoden gewaltfreien Widerstandes also sehr unterschiedliche Formen annehmen. Wirkungsvoll sind diese vor allem dann, wenn sie nicht nur dem Unmut Ausdruck verleihen (wie eben Protestformen), sondern wenn der adressierten Gruppe etwas vorenthalten werden kann, was diese braucht, wie Ressourcen, Arbeitskraft, Anerkennung, Unterstützung. Welche Art des Drucks unter welchen gesellschaftspolitischen Bedingungen und Akteurskonstellationen tatsächlich organisiert und dann auch noch die größte Hebelwirkung entfalten kann, das gilt es jeweils herauszufinden.
Anmerkungen
1 Gene Sharp (1973): The Politics of Nonviolent Action. Boston: Porter Sargent.
2 Vgl. Chenoweth, Erica (2021): Civil Resistance: What everyone needs to know. Oxford University Press. S. xxiii; 3; 35; 39f.
3 Barbara Müller (2025): Kämpferische Demokratie: Militärische Besetzung und gewaltlose Befreiung des Ruhrgebiets 1923-1925, Sparsnäs: Irene Publishing
4 Diese Fallstudie ist im Dokumentarfilm „Pray the Devil back to hell“ porträtiert und kann in der Global Nonviolent Action Database nachgelesen werden: https://nvdatabase.swarthmore.edu/content/liberian-women-act-end-civil-w...