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Welche Perspektive für Westasien – Recht des Stärkeren oder Stärke des Rechts?
Ein neues Machtzentrum Israel-Türkei-Saudi Arabien?
von
Die Zukunft für die Staaten und Menschen zwischen dem östlichen Mittelmeer und der Persischen Golfregion ist unklar. Die imperial-kolonialistische Landnahme und Teilung der Region nach dem Ersten Weltkrieg durch Frankreich und Großbritannien mit dem geheimen Sykes-Picot-Abkommen (1916) und der Balfour-Erklärung (1917), bekräftigt durch die Mandatsübergabe an beide Staaten durch den Völkerbund (1922), setzt sich auch mehr als 100 Jahre später mit alten und neuen Akteuren fort.
Das internationale und humanitäre Recht der Charta der Vereinten Nationen (seit 1945) wird schamlos und straflos gebrochen. Das Versprechen der Charta, alles zu tun, um neue Kriege zu vermeiden und kleine und große Staaten gleichberechtigt zu respektieren, scheint zumindest in Westasien außer Kraft gesetzt.
Die Rede ist vom „Recht des Stärkeren“. Israel, die Türkei und Saudi-Arabien könnten mit Unterstützung von USA, EU und NATO ein neues Machtzentrum bilden. Doch es gibt neue Allianzen, die andere Pläne haben. Die BRICS-Gruppe (1) und die Schanghai Organisation für Kooperation (SOC) haben Dutzende Staaten zusammengebracht, die allgemein auch „Globaler Süden“ genannt werden. Unter der Führung von China und Russland formieren sie sich zum Widerstand gegen den US-geführten westlichen Hegemonialanspruch.
Seit Anfang 2024 gehören Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien BRICS an, auch Ägypten und Äthiopien sind Mitgliedsstaaten. Die Türkei möchte Mitglied werden. Nahezu alle arabischen Golfstaaten, Iran und die Türkei nehmen an den Treffen der Schanghai Organisation für Kooperation teil. (2) Ihr Motto ist „Kooperation statt Konfrontation“, sie fordern Dialog statt Krieg und sie fordern die Stärkung des internationalen Rechts und der UN-Charta. In der UN-Vollversammlung wird diese politische Richtung schon seit langem von der Mehrheit der UN-Mitgliedsstaaten unterstützt. Können sie der „Stärke des Rechts“ zum Durchbruch verhelfen, könnte das Chaos der gewaltsamen Neuordnung, die seit mehr als 100 Jahren in Westasien Kriege und Konflikte schürt, ein Ende haben.
Schlachtfeld Syrien
Das große Schlachtfeld zwischen dem östlichen Mittelmeer und der persischen Golfregion (Westasien) wird neben Palästina Syrien sein. Beide Staaten oder Gebiete waren vor dem Ersten Weltkrieg bekannt als Bilad al-Sham oder Levante. Anders als heute gab es in der ganzen Region keine Grenzen, so dass Kultur, Sprache, Religion durch Handel und familiäre Beziehungen weit über das Kernland Syrien/Palästina hinausreichte.
Seit 1980 war Syrien mit der Islamischen Republik Iran verbündet, die nach dem Sturz des Schah (1979) gegründet worden war. Grund der syrisch-iranischen Annäherung war der von den USA und deren Partner in Europa und am arabischen Golf unterstützte Krieg des Iraks gegen Iran (1980-1988). Syrien sah sich von den USA, den westlichen und den arabischen Golfstaaten bedroht und ging mit Iran eine politische und militärische Allianz ein. Diese währte und vertiefte sich über die Jahre und insbesondere mit Beginn des Krieges gegen den Irak (2003 ff) und den Krieg um Syrien (2011 ff). Syrien – seit Menschengedenken eine Brücke zwischen West und Ost, zwischen Nord und Süd – wurde zum Dreh- und Angelpunkt der „Achse des Widerstandes“, in der Iran mit bewaffneten Kräften im Irak, Syrien, Libanon und Palästina verbunden war. Der Widerstand richtete sich gegen das US-israelische Projekt eines „Neuen Mittleren Ostens“, der unter israelische und EU-Kontrolle gestellt und von Israel geführt werden sollte. Der Widerstand bestand aus islamistischen Gruppen wie Hamas, Islamischer Jihad, Hisbollah und dem Islamischen Widerstand im Irak (Volksmobilisierungskräfte).
Die Houthi-Bewegung im Jemen versteht sich zwar als Teil dieses Bündnisses, agiert aber nach eigenen Regeln. Die islamistischen Präsidenten, Emire und Kronprinzen der arabischen Golfstaaten engagierten sich gegen die „Achse des Widerstandes“ lange Zeit in verdeckten und Stellvertreterkriegen. Ihre Truppen waren dschihadistische Organisationen, die sowohl im Irak als auch in Syrien mit Al-Qaida, der Nusra Front und anderen Gruppen eine extrem-religiöse Konfrontation brachten. Der US-geführte Westen sah die Golfstaaten lange Zeit als Verbündete in der Region und förderte den Konflikt zwischen ihnen und dem Widerstand. Ziel war eine Versöhnung der arabischen Staaten mit Israel, dem Wächter westlicher Interessen in der Region.
Im März 2023 gelang es China, Iran und Saudi-Arabien – lange Zeit die Protagonisten der Konflikte in der Region – an einen Tisch zu bekommen und eine Vereinbarung über die Wiederaufnahme ihrer früheren Beziehungen auszuhandeln. Dieses Bündnis ist trotz aller Umbrüche, Kriege und Konflikte, die seitdem zugenommen haben, bis heute intakt. Die vom Westen gewünschte „Normalisierung“ der Beziehungen zwischen den wirtschaftlichen Schwergewichten der Region, den arabischen Golfstaaten und Israel, kommt seit dem anhaltenden israelischen Krieg gegen die Palästinenser*innen im Gazastreifen und im Westjordanland nicht voran.
Mit US-Hilfe: Israel und Türkei übernehmen Syrien
Im Dezember 2024, mit der Flucht von Bashar al-Assad und der Machtübernahme von Islamisten in Damaskus, war Syrien für die „Achse des Widerstandes“ gefallen. Unmittelbar nach dem Einmarsch der Islamisten, teilweise mit ihnen zusammen, rückten türkische Truppen aus dem Norden und israelische Truppen über die von Israel besetzten syrischen Golan-Höhen auf Damaskus vor. Beide Länder dehnten sich über die eigenen – im Falle Israels nicht klar definierten – Grenzen aus. Beide Länder errichteten dort, wohin sie gelangten, Militärbasen und Kontrollpunkte. Die Türkei übernahm die Kontrolle von Aleppo und bekämpfte das von Kurden – mit US-Hilfe – errichtete Selbstverwaltungsprojekt „Rojava“. Israel zerstörte sämtliche militärischen Anlagen der syrischen Armee für die Selbstverteidigung, forderte die Entmilitarisierung der drei südlichen syrischen Provinzen Sweida, Deraa und Qunaitra und bot den ethnischen Gruppen der Kurden und Drusen Schutz an. Als die Türkei bei Palmyra eine Militärbasis ausbauen wollte, bombardierte die israelische Luftwaffe den Stützpunkt.
Unklar bleibt die Zukunft der zwei russischen Stützpunkte in Syrien: Die Luftwaffenbasis Hmeimim (Latakia) und die Hafenanlage in Tartus.
Sowohl die Türkei als auch Israel haben enge Verbindungen zu den USA und zur NATO. Die Türkei ist NATO-Mitglied. Israel gehört zu den wichtigsten militärischen Verbündeten der USA außerhalb der NATO, mit der es in einem Partnerschaftsabkommen verbunden ist. Die USA eröffneten 2017 einen ersten Militärstützpunkt in Israel. Beide Länder arbeiten mit CIA und Mossad auch geheimdienstlich eng zusammen. Israel gehört zudem zum geheimdienstlichen Bund der „9 Eyes“, bestehend aus den so genannten „5 Eyes“ USA, Großbritannien, Australien, Kanada, Neuseeland plus die Geheimdienste von Deutschland, Frankreich, Israel und Schweden. Mit Hilfe modernster Überwachungstechnologie können USA, Großbritannien und Israel ein Gebiet vom östlichen Mittelmeer (Zypern) bis Afghanistan überwachen. Um Konflikte zwischen der Türkei und Israel zu vermeiden, vermittelten die USA bilaterale Gespräche der beiden Kontrahenten in Aserbeidschan (Baku) im April und Juli 2025, die kein Ergebnis brachten.
Verlierer im Machtkampf
Weder die Staaten der Region noch die Bevölkerung scheinen ihre Zukunft souverän und unabhängig gestalten zu können. Kriege und wirtschaftliche Krisen treiben die Menschen vor sich her, machen sie zu Flüchtlingen, zerstören ihr Hab und Gut, Leben und Gesundheit und lassen sie ratlos in Armut zurück.
Zu den Verlierern gehören auch die Vereinten Nationen mit ihren Hilfsorganisationen und Friedensmissionen im Libanon (UNIFIL) und auf den von Israel besetzten Golan-Höhen (UNDOF). Im Gaza-Krieg wurden Hunderte Journalist*innen, Ärzt*innen, Pfleger*innen und Mitarbeitende humanitärer UN- und anderer Organisationen von Israel getötet. (3) Die 1949 gegründete UN-Organisation für die Unterstützung der palästinensischen Flüchtlinge (UNRWA) wurde vom israelischen Parlament, der Knesset, zur Terrororganisation erklärt und verboten.
Anmerkungen
1 BRICS Portal: https://infobrics.org/en/
2 SOC: https://eng.sectsco.org/20170109/192193.html
3 https://en.news.un.org/en/story/2025/06/1164086; https://watson.brown.edu/costsofwar/papers/2025/Journalists