Als Begleiterin eines lokalen Beratungsbüros für rückkehrende Flüchtlinge in Bosnien

Friedensarbeit braucht verschiedene Wege

von Heike Mahlke

Lange Zeit hatte ich den Spruch einer australischen Ureinwohnerin auf meinem Schreibtisch stehen:
"If you have come to help me, you are wasting your time. But if you have come because your liberation is bound up with mine, then let`s work together." (Lilah Watson)

Dieser Spruch beschreibt eindrücklich, was ich unter Friedensarbeit verstehe: Friedensarbeit geschieht nicht einseitig, Friedensarbeit kann nur passieren durch gemeinsame Schritte. Wir sind aufeinander angewiesen. Uns verbinden geschichtliche Zusammenhänge, in denen wir aneinander schuldig geworden sind, sowie die globalen Zusammenhänge unseres alltäglichen Lebens, die aus uns Täter und Täterinnen und Opfer machen. Wir brauchen gemeinsame Visionen für ein gerechtes und menschenwürdiges Leben, das die Bewahrung der Umwelt miteinschließt und in der gegenseitigen Achtung unserer Kultur, Religion und Persönlichkeit deutlich wird.

Ein wesentliches Moment von Friedensarbeit ist für mich deshalb die Beauftragung durch diejenigen, mit denen ich zusammenarbeite. Im Frühjahr 1999 bat mich der Vorstand eines bosniakischen/muslimischen Flüchtlingsvereins in Sanski Most, in der Föderation von Bosnien und Herzegowina (BiH), ihm zu helfen, in seiner Heimatstadt Bosanska/ Kozarska Dubica in der Republik Srpska ein Beratungsbüro für rückkehrwillige Flüchtlinge aufzubauen. Ich versprach, in Deutschland eine Unterstützer/innen-Gruppe für diese Arbeit zu suchen.

Im September 1999 fuhr ich mit der ersten Gruppe von 50 bosniakischen Flüchtlingen nach Dubica. Sie hatten den festen Willen, für ihre Familien die Möglichkeit einer dauerhaften Rückkehr zu schaffen und die Zukunft ihrer Stadt, aus der sie während des Krieges vertrieben worden waren, mitzugestalten. Mit ihrer Rückkehr begann die Arbeit des Beratungsbüros.

Besonders in der ersten Zeit wäre es für die Arbeit im Beratungsbüro entlastend gewesen, wenn ich ständig vor Ort gewesen wäre. Der Kontakt zu internationalen und lokalen Organisationen wäre sicherlich leichter vonstatten gegangen. Aber dann hätte ich die Arbeit bestimmt und die Türen wären geöffnet worden, weil ich eine "Internationale" bin, und vielleicht hätte es internationale Gelder gegeben, weil ich vor Ort gewesen wäre. Ich wollte aber nicht Teil der mächtigen Internationalen Gemeinschaft sein, die im Lande festsitzt, für bosnische Verhältnisse viel Geld verdient und weiteres Geld ziemlich unkoordiniert nach ihren Bedingungen und mit für mich als Außenstehende nicht durchschaubaren Kriterien verteilt.

Ein zweiter Gesichtspunkt von Friedensarbeit ist für mich wichtig. Ein bosnischer Freund hat mir über sein Land gesagt: «Wir leben in einem Haus, und wir wissen, wie wir zusammen leben können. Und doch sind viele Zimmertüren verschlossen». Er spielt darauf an, dass es auch heute noch - 10 Jahre nach dem Abkommen von Dayton - schwierig ist, dass Menschen der verschiedenen Volksgruppen miteinander leben und die Religionsgemeinschaften aufeinander zu gehen. Als Friedensarbeiter/innen werden wir in dieses Haus eingeladen. Wir kommen als Fremde. Wir können die Zimmertüren nicht von uns aus öffnen und auch nicht die Möbel verrücken. Wir bieten unsere Mithilfe an. Wir können Partner/innen sein auf einem schwierigen Weg, aber nicht Initiator/innen. Wir können Unterstützer/innen sein, die Mut machen, bestärken, die eigenen Werte entdecken helfen.

Seit 1999 fahre ich regelmäßig nach Bosanska/Kozarska Dubica. Ich sehe meine Aufgabe darin, den Mitarbeiter/ innen zuzuhören, nachzufragen, ihre Arbeit mit ihnen zu reflektieren, Entwicklungslinien und Veränderungen aufzuzeigen und Perspektiven zu entwickeln.

Auch und gerade in Bosnien muss ich immer wieder innehalten und mein Tun reflektieren. Die Frage nach dem Sinn meines Dortseins hat mich ständig begleitet. Es ist ein Nachkriegsland, wo viele Kräfte offen oder aus dem «Dunkel» heraus mitregieren. Als die ersten Flüchtlinge zurückkehrten, lag Aggression wie eine Dunstglocke über der Stadt und war nicht fassbar. Die berechtigte Angst meiner muslimischen Vermieterin vor Gewalttätigkeit ließ mich nicht unberührt.

Hinderlich und schmerzlich habe ich meine Sprachlosigkeit erlebt. Meine Unkenntnis der bosnischen Sprache ist im Kontakt mit den Mitarbeiter/innen im Beratungsbüro nur bedingt hinderlich, da sie gute deutsche Sprachkenntnisse haben, aber ich bin im Mitleben immer auf Übersetzung angewiesen. Dennoch glaube ich, dass die Menschen meine Anteilnahme spüren.

Der Flüchtlingsverein hat sich im September 2002 als Bürgerverein «Putevi Mira» (Friedenswege) registrieren lassen. Friedenswege zu gehen heißt für die Mitarbeiter/innen von «Putevi Mira», zusammen mit Menschen verschiedener Ethnien auf Versöhnung in der Nachbarschaft und in der Stadt hinzuwirken, Not zu lindern, für Menschenrechte einzutreten und in kommunalen Gremien und lokalen Netzwerken Einfluss zu nehmen.

Die Mitarbeiter/innen haben mit ihrer Arbeit dazu beigetragen, dass sich in Dubica im Laufe der Jahre viele Türen geöffnet haben, gerade auch im kommunalen Bereich. Indem sie mit Hilfe eines Unterstützer/innenkreises in Deutschland Beiträge geleistet haben zur Müllentsorgung, zur Reparatur von Wasserleitungen und Stromnetzen, zur Beschaffung von medizinischem Gerät und Medikamenten für das Krankenhaus, haben sie gezeigt, dass ihre Arbeit allen Bevölkerungsgruppen der Stadt zu Gute kommt. "Putevi Mira" ist zu einem regelmäßigen Treffpunkt für Frauen, für Kinder und Jugendliche und alte Menschen geworden. Das Beratungsbüro ist ein gastlicher Ort, der Warmherzigkeit und Freude ausstrahlt und Nachbarn und Fremde gleichermaßen willkommen heißt.

Seit 2002 ist der Verein Kooperationspartner des Ökumenischen Dienstes, und ich bin in dieser Partnerschaft die Begleiterin. Angewiesen sind die Mitarbeiter/innen weiterhin auf finanzielle Hilfe eines Unterstützer/innenkreises, da sie keinerlei Gelder für ihre Arbeit von der Stadt bzw. dem Staat bekommen und die großen internationalen Hilfsorganisationen Bosnien längst verlassen haben.

Nicht nur die Mitarbeiter/innen von "Putevi Mira" sind viele Schritte gegangen. Auch ich habe viel gelernt. Ich bin in den vergangenen Jahren oft an Verstehensgrenzen gestoßen, die mich genötigt haben, meine eigene Haltung zu überdenken. Ein wichtiger Lernprozess ist, Menschen respektvoll zu begegnen, auch wenn sie mir fremd sind. Manche Begegnungen waren schmerzlich, weil ich den Aggressionen, dem Leid, den Enttäuschungen, der Trauer meiner Gesprächspartner/innen hilflos gegenüber gestanden habe, ohne vermitteln oder trösten zu können.

Auf der anderen Seite sind die Friedensschritte der Mitarbeiter/ innen von "Putevi Mira" für mich immer wieder Hoffnungsgeschichten, die ich gerne erzähle, wenn Menschen bei uns in Krisensituationen keine anderen Möglichkeiten als Gewalt, Resignation oder passives Verhalten sehen.

Im Laufe der Jahre hat es immer wieder Begegnungen zwischen den Mitarbeiter/innen von "Putevi Mira" und den Unterstützer/innen in Deutschland gegeben. Diese haben dazu beigetragen, vor allem in Kirchengemeinden und kirchlichen Gruppen neu über Frieden und Versöhnung nachzudenken.

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Heike Mahlke ist Theologin und Beraterin. Sie lebt in Luckau im Wendland. 1994 nahm sie am ersten Orientierungskurs des Ökumenischen Dienstes Schalomdiakonat (OeD) teil, 1995 war sie Teilnehmerin eines dreimonatigen interkulturellen und interreligiösen Trainings "working with conflict" in Woodbrooke/Birmingham. Von 2001 bis 2004 war sie Honorar- Mitarbeiterin des OeD für die Begleitung seiner Kooperationspartnerschaften.