In Memoriam: Peter Grottian

Nachruf auf Peter Grottian

von Martin Singe
Hintergrund
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Peter Grottian, Politik-Professor und nimmermüder Aktivist für soziale Gerechtigkeit und Frieden, ist verstorben. Ein schwerer Verlust für die sozialen Bewegungen. Wer ihn kannte, kennt auch seine revolutionäre Ungeduld, mit der er Protestaktionen inspirierte und organisierte. Vor allem Formen des Zivilen Ungehorsams waren sein Anliegen, um Konflikte politisch zielgerecht zuzuspitzen und Entscheidungen herauszufordern.

Der 1942 in Wuppertal geborene Peter Grottian hatte in den 1960er Jahren Sozialwissenschaften und Politologie studiert. Von 1979 bis 2007 lehrte er als Professor der Politologie am Otto-Suhr-Institut, dem berühmten OSI (Otto-Suhr-Institut), an der FU Berlin. Schwerpunkte seiner Lehre waren u.a. der Komplex Arbeit/Arbeitslosigkeit, neue soziale Bewegungen, der Umbau des Sozialstaates und Fragen einer sozialgerechten Stadtentwicklungspolitik. Er verzichtete zugunsten eines weiteren Lehrstuhls auf einen Teil seiner Professorenstelle. Mit seinen Kollegen Wolf-Dieter Narr und Roland Roth war er 1980 Mitbegründer des Komitees für Grundrechte und Demokratie. Zusammen mit ihnen verfasste er für das Komitee im Jahr 2003 gegen die rotgrüne „Agenda 2010“ das Sozialmanifest „Es gibt Alternativen zur Repressanda 2010! Statt repressiver Abbau des Sozialstaats steht ein menschenrechtlich-demokratischer Umbau für Grundsicherung und Arbeit auf der Tagesordnung von uns allen mit zu verantwortender Politik“.

Vor allem das Thema der sozialen Gerechtigkeit brannte ihm unter den Nägeln. So startete er etwa Aktionen gegen die Abschaffung des Sozialtickets durch die Berliner Verkehrsbetriebe und forderte zum „Schwarzfahren“ auf. Er organisierte Widerstand gegen die Privatisierung öffentlicher Güter, wie z.B. der Wasserversorgung Berlins. Mehrfach ermittelte die Berliner Justiz gegen ihn, zeitweise wurde er vom Staatsschutz überwacht. Gegen die Macht der Banken (Berliner Bankenskandal) und Umweltskandale von Großkonzernen wie VW organisierte er spektakuläre Proteste. Auch Attac prägte er politisch mit über seine Arbeit in dessen wissenschaftlichem Beirat.

In der Friedensbewegung wirkte Peter Grottian schon bei den Blockaden in Mutlangen Anfang der 1980er Jahre mit. 1999, während des Krieges der NATO gegen Jugoslawien – unter Beteiligung der rot-grünen Koalition –, platzierte er mit Friedensaktivisten eine rot-grüne „Menschenrechtsbombe“ vor dem Brandenburger Tor. Beharrlich versuchte er, gegen die Rüstungsexportpolitik der Bundesregierung zu kämpfen. In Zusammenarbeit mit der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ setzte er Impulse und gab auch hier Anstöße für Aktionen Zivilen Ungehorsams. Demonstrationen anlässlich der Rheinmetall-Hauptversammlung in Berlin und Blockaden vor der Konzernzentrale in Düsseldorf hat er mit der Kampagne „Legt den Leo an die Kette“ wesentlich mit angestoßen.

Im Sommer 2018 rief Peter Grottian noch zu Feldbesetzungen gegen die Hersteller des Pestizids Glyphosat auf. Zuletzt organisierte er Ende September 2020 in Berlin ein Tribunal gegen den internationalen Konzern BlackRock, den mit 7,4 Billionen US-Dollar weltgrößten Vermögensverwalter mit dubiosen Geschäften und Einflüssen (vgl. blackrocktribunal.de).

Am 29. Oktober 2020 ist der nimmermüde Peter Grottian im Alter von 78 Jahren in Bregenz verstorben. Er und seine initiativen Ideen werden den sozialen Bewegungen sehr fehlen.

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Martin Singe ist Redakteur des FriedensForums und arbeitet für das Komitee für Grundrechte und Demokratie.