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Podiumsdiskussion mit dem Kommandeur des Tornado Jagdbombergeschwaders
Nörvenich: Abschreckung durch Atombomben – Angst als Ratgeber?
von
In einer hochkarätig besetzten Veranstaltung diskutieren am 2 Juli der Kommodore des Taktischen Luftwaffen Geschwaders 33, Oberst Samuel Mbassa, mit Frau Dr. Angelika Claußen, Präsidentin der IPPNW Europa und Herrn Gerold König, Bundesvorsitzender Pax Christi, über ethische Fragen der nuklearen Abschreckung. Passend zum Thema der Veranstaltung zieht ein Unwetter mit Starkregen auf. Trotzdem folgen circa fünfzig interessierte Bürgerinnen und Bürger der von der FriedensGruppeDüren organisierten Podiumsdiskussion. Dankenswerterweise konnte die Veranstaltung im Haus der Evangelischen Gemeinde stattfinden.
Im strömenden Regen, vor dem Hintergrund dunkler Gewitterwolken steigt Oberst Samuel Mbassa, direkt aus Büchel kommend, aus seinem Dienstwagen. Der ausgebildete Pilot befehligt die beiden, übergangsweise im Kreis Düren in Nörvenich stationierten, Tornado-Staffeln. Mit diesen Jagdbombern stellt die Bundeswehr die sogenannte nukleare Teilhabe sicher. Denn die Besonderheit der Tornados liegt nicht nur in der Fähigkeit, Taurus-Marschflugkörper aufzunehmen, sondern auch darin, Atombomben ins Ziel zu tragen. Das notwendige Fachwissen hat sich Samuel Mbassa als Referent für Nuklearpolitik des Bundesverteidigungsministeriums und als vorheriger Dezernatsleiter Nuclear Operations beim NATO Hauptquartier AIRCOM erarbeitet.
Eingangs wird ein Grußwort des Schirmherren der Veranstaltung, Bürgermeister Frank Peter Ullrich, verlesen. Er bezeichnet die katastrophalen Folgen eines Atomkriegs und überhaupt die Drohung des Einsatzes von Atomwaffen als eine der größten moralischen und ethischen Herausforderungen unserer Zeit. Die Stadt Düren ist durch Ratsbeschluss vom 3. Juli 2019 Mitglied des ICAN-Städteappells, in welchem das Verbot von Atomwaffen gefordert wird. Zudem ist Düren Mitglied bei dem weltweiten Städtebündnis Mayors for Peace, welches 1982 vom Bürgermeister von Hiroshima gegründet wurde und sich für die Abschaffung von Atomwaffen einsetzt.
Das Thema der Veranstaltung, ob Angst ein zuverlässiger Ratgeber sei, wenn es um die nukleare Abschreckung geht, wird von den Podiumsteilnehmer*innen unterschiedlich beantwortet. Angelika Claußen beantwortet die Frage aus ihrer Sicht als Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie eindeutig mit „Ja„"“. Angesichts der Bedrohung durch Atomwaffen empfiehlt sie die Akzeptanz der Realangst, um eine Lähmung angesichts des vorhandenen Atomwaffenarsenals zu verhindern. Allerdings zeigt sie am Beispiel eines Abwurfes von Atombomben über einer Großstadt wie Berlin die Unmöglichkeit auf, der betroffenen Bevölkerung eine angemessene ärztliche Betreuung zukommen zu lassen; von den mehreren zehntausend Toten einmal ganz abgesehen.
Samuel Mbassa und Gerold König antworten beide auf die Frage mit einem „Nein„"“. Aus Sicht von Oberst Mbassa würde Angst zur Lähmung, zu Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit führen. Angst müsse angenommen und im Sinne einer Gestaltungsfähigkeit überwunden werden. Im Falle des Einsatzes von Atomwaffen durch Russland wäre ein kühler Kopf zu bewahren und nicht automatisch ein atomarer Gegenschlag auszulösen. Es gäbe verschiedene Optionen einer Reaktion auf eine solche Aggression. Die Art und Weise einer geeigneten Antwort würde situationsbedingt entschieden werden.
Gerold König begründet sein „Nein“ damit, dass Angst lähmen und einseitig machen würde, anstatt offen über mögliche Alternativen zu den insgesamt vorhandenen 12.000 Atomsprengköpfen der Nuklearmächte nachzudenken. Nicht nur der Besitz, alleine schon die Tolerierung von Atomwaffen sei für Christen ein Verstoß gegen das Gebot zum Schutz der Schöpfung. Jede Waffe, deren Einsatz in der Lage sei, Schöpfung, Leben und Umwelt unwiederbringlich zu zerstören, müsse vernichtet und geächtet werden.
Vera Schellberg, Hausherrin und Pfarrerin der Evangelischen Gemeinde Düren sowie Matthias Engelke, ehemaliger Vorsitzender des Internationalen Versöhnungsbunds moderieren den Abend professionell und umsichtig.
Schade nur, dass die lokalen und überregionalen Medien trotz frühzeitiger Information nicht vertreten sind. Insbesondere die Abwesenheit des Chefredakteurs des Medienhauses Aachen, Thomas Thelen, enttäuscht. Mitglieder der FriedensGruppeDüren kamen am 19. Dezember 2023 während einer Protestaktion vor dem Medienhaus mit ihm ins Gespräch. Protestiert wurde gegen die Ablehnung einer friedenspolitischen Anzeige in der Dürener Zeitung. Die zensierte Anzeige wandte sich an die Piloten der Atombomber und forderte sie auf, im Kriegsfall den Abwurf der in Büchel lagernden Atombomben zu verweigern. Im Verlauf des Gesprächs sagte Herr Thelen seine persönliche Berichterstattung zu, wenn es zu einem direkten Gespräch mit Angehörigen der Luftwaffe käme. Selbst die mit seiner Absage angekündigte Vertretung ist nicht zur Berichterstattung erschienen. Der Vorgang verweist die Friedensbewegung erneut auf die Notwendigkeit eigener Medien.