Buchbesprechung

„Sterben für Gott – Töten für Gott?“

von Martin Singe

In diesem Jahr 2015 hat der Theologe Jan-Heiner Tück im Herder-Verlag eine Aufsatzsammlung mit dem Thema „Sterben für Gott – Töten für Gott? Religion, Martyrium und Gewalt“ herausgegeben. Das Buch versammelt recht verschiedene Standpunkte und Ansichten zu mehreren Themenaspekten des weit gesteckten Feldes.

Mit zwei kontroversen Beiträgen zur „Gewaltproblematik im Islam“ wird das Werk eröffnet. Der Philosophieprofessor Martin Rhonheimer unterstellt dem Islam, keine eigenen theologischen Ressourcen zu besitzen, um aus prinzipiellen Gründen das Muster gewalttätiger Expansion, wie aktuell vom IS praktiziert, als unislamisch zu verurteilen. Katajun Amirpur, Professorin für islamische Theologie, setzt dieser These entgegen, dass sie von einem diffamierenden fundamentalistischen Islambild ausgehe und die theoretischen und praktischen Distanzierungen von Moslems und muslimischen Gelehrten vom IS und seiner Gewalt übersehe. Ihre Gegenthese lautet also, dass der Islam bei einer kontextuellen Koranauslegung genügend argumentative Ressourcen besitze, um dem IS entgegenzutreten. Islamistische Fundamentalisten und Islamkritiker würden dieselbe Steinbruchexegese anwenden, um ihre jeweiligen Thesen aufrechtzuerhalten.

Das zweite der vier Hauptkapitel des Buches lautet „Selbstmordattentäter“ und geht u.a. auf die Geschichte von Selbstmordattentaten, die Gewalttheologie des IS und eine Differenzierung zwischen Selbstmordattentat und Martyrium ein. Hier geht der Orientalist Rüdiger Lohlker aus Wien sehr ausführlich mit seinem Aufsatz „Die Gewalttheologie des IS: Gewalt, Kalifat und Tod“ auf die Begründung des gewaltsamen Dschihads ein und untersucht die Entwicklung eines Todeskultes in den dschihadistischen Subkulturen und speziell im IS. Der Herausgeber vertritt in einem eigenen Aufsatz zu diesem Kapitel die These, dass Selbstmordattentäter nie mit Märtytern gleichzusetzen seien und überlegt, wie vom Koran und anderen normativen Quellen des Islam ausgehend den Selbstmordattentätern die „theologische Lizenz“ entzogen werden könne.

Im dritten Hauptteil, der den Buchtitel aufgreift, findet sich ein spannender historischer Aufsatz des Ägyptologie-Professors Jan Assmann: „Martyrium, Gewalt, Unsterblichkeit. Die Ursprünge eines religiösen Syndroms“. Assmann geht davon aus, dass der Makkabäeraufstand um 165 v.Chr., belegt in den Makkabäerbüchern der Bibel und bei dem jüdischen Historiker Josephus Flavius, zu den epochemachenden Ereignissen der Weltgeschichte gehöre. Hier sei erstmals das von ihm Makkabäer-Syndrom genannte wirkmächtige Phänomen einer Vereinigung von Zelotismus, Märtyrertum, Unsterblichkeitshoffnung, Religionskrieg und Schrifterfüllung aufgetreten. In dieser Phase sei es auch zu einer Verschmelzung von politischer und religiöser Identität gekommen, die mit Abgrenzungen nach außen arbeitet und als Muster für Weltreligionen seitdem zur Verfügung steht.

Der vierte und letzte Hauptteil schließlich widmet sich dem christlichen Martyrium und seinen verschiedenen Instrumentalisierungen. Es wird ein weiter Bogen von Verfolgung und Martyrium in der frühen Christenheit über die Kirchengeschichte bis hin zur Theologie der Befreiung und aktuellen Märtyrern wie Bischof Oscar Arnulfo Romero aus El Salvador gezogen. Der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber schreibt zu „glorifizierten Todesopfern als  moralische Munition“ in verschiedenen Konfliktfeldern. In den Kreuzzügen sieht er einen christlichen Dschihad: „Gipfelpunkt der Verschmelzung des Christlichen mit dem Kriegerischen war in der westlichen Christenheit ab der Wende ins 12. Jahrhundert bekanntlich das revolutionäre Konzept der bewaffneten Pilgerschaft (i.e. der Kreuzzug)“.

Ein sehr lesenswertes Buch, das ermuntert, vielen Fragen aus diesem Themenkontext tiefer und historisch auf den Grund zu gehen, gerade weil keine einfachen Antworten gegeben werden. Mehrfach wird problematisiert, inwiefern allen monotheistischen Religionen aufgrund ihres Absolutheitsanspruchs ein Gewaltpotential inhärent ist. Die christliche Geschichte ist voller Beispiele von der Juden- über die Ketzerverfolgungen bis hin zu den Kreuzzügen, gewaltsamen Missionen und Judenfeindlichkeit in der jüngeren Geschichte. Gerade erst schafft es die evangelische Kirche, sich von den judenfeindlichen Aussagen Luthers klar zu distanzieren. Die historisch-kritische Bibelexegese ist erst im letzten Jahrhundert entstanden und deren Anwendung war in der katholischen Kirche noch bis in die 1950er Jahre hinein verboten. Jetzt sollten diejenigen, die auch im Islam die historisch-kritische Textexegese des Korans anwenden, gestärkt werden, damit eine islamische Friedenstheologie, wie in vielen Ansätzen begonnen, stärker entfaltet werden kann.

Jan-Heiner Tück (2015) Sterben für Gott – Töten für Gott? Religion, Martyrium und Gewalt“. Freiburg i.Br.: Herder Verlag, 304 Seiten, ISBN 978-3451342646, 19,99 Euro.

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Martin Singe ist Redakteur des FriedensForums und arbeitet für das Komitee für Grundrechte und Demokratie.