Musikalische Blockade in Mainz-Kastel

Aktion der Lebenslaute gegen die Multi-Domain-Task-Force in Mainz

von Gerd Büntzly
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In Mainz-Kastel befindet sich ein großes Militärgelände, das unter Verwaltung der US-Streitkräfte steht. Die Kaserne, die den größeren Teil des Stadtteils einnimmt, war zum Teil bereits in zivile Hände übergegangen, als die US-Militärs einen Rückzieher machten und die Wieder-Militarisierung einleiteten. Hier befindet sich jetzt die Multi-Domain-Task-Force (MDTF) des 56. Artilleriekommandos der US-Streitkräfte.  

MDTF sind Einsatzgruppen, die die traditionelle Trennung von Streitkräften zu Land, auf See, im Weltraum und im virtuellen Raum überwinden sollen, um schneller und effektiver zur Stelle zu sein. Weltweit unterhält die US-Armee fünf MDTF. Inzwischen ist klar, weshalb Donald Trump 2019 den INF-Vertrag zur Begrenzung von Mittelstreckenwaffen gekündigt hat: Er will diese zum Einsatz bringen. Im vergangenen Sommer kündigte eine kurz gefasste deutsch-amerikanische Erklärung die Stationierung von solchen Waffen in Deutschland an – ohne Beteiligung der Parlamente, ohne ein Angebot von Verhandlungen. Dagegen richtete sich der Protest von Lebenslaute. Eine kleine Gruppe, organisiert aus Baden-Württemberg, zeichnete für die Aktion.

Wir konnten uns in einer freien Schule im Norden von Wiesbaden vorbereiten. Unser Anliegen stieß dort auf offene Ohren, wir wurden herzlich empfangen und verpflegt. Das ist nicht mehr selbstverständlich in einem gesellschaftlichen Klima, das von einer großen Verwirrung der Geister und vom Misstrauen gekennzeichnet ist, man könne mit den falschen Leuten in einen Topf geworfen werden. Musikvorbereitung und Diskussionen über die Aktion sowie die Erörterung von möglichen Problemen bei der Blockade füllten die Tage. Auf dem Gelände des Naturfreundehauses Wiesbaden fand am Pfingstmontag bei schönem Wetter im Freien das Vorkonzert statt. Die Atmosphäre auf dem kleinen Platz zwischen der Bühne und dem „Heidehäuschen“ war sommerlich und heiter, trotz des bedrohlichen Anlasses. Das Musikprogramm umfasste u. a. Stücke aus dem Werk „Ode to the Deserter“ von Frederic Rzewsky, zum Thema der Atomwaffen auf Hiroshima das tief berührende Lied „Das kleine tote Mädchen“ von Fazıl Say in der Chorfassung von Ulrich Klan, eine Chorfuge von Johann Sebastian Bach mit dem Text „Frieden kann nur gedeihen ohne Waffen und Gewalt“, Lieder aus Afrika und Georg Händels berühmte Arie „Waffenhandwerk schafft nur Unheil". Redebeiträge gab es von Enja Riegel und Regina Hagen (Sprecherin der Kampagne „Büchel ist überall – atomwaffenfrei.jetzt“). Enja Riegel war Direktorin der Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die beim PISA-Test mit großem Abstand als beste deutsche Schule abgeschnitten hat.

Am Dienstagmorgen in aller Frühe funktionierten die Musiker*innen des Netzwerks Lebenslaute das Tor des Militärgeländes zur Bühne um. Sie blockierten mit etwa dreißig Personen den Haupteingang, die Bläser*innen bespielten ein weiteres Tor. Etwa 1 1/2 Stunden musizierten sie vor einem kleinen Publikum. Das waren nicht nur die aufgescheuchten Leute vom Wachdienst und die Polizei, die recht schnell erschien, sondern auch Sympathisant*innen, die im Vorfeld benachrichtigt worden waren. Während dieser Zeit konnte kein Auto in die Kaserne fahren, es gab Stau auf der Straße. Um 8.30 Uhr kam die Polizeimeldung über die Blockadeaktion im Radio vom Hessischen Rundfunk.

Nach einer Erholungspause gab es das angemeldete Aktionskonzert auf dem Paulusplatz in der Nähe der US-Kaserne. Es sprachen Thomas Schwörer (Bundesvorsitzender der DFG-VK), Albert Meyer (Sprecher des Wiesbadener Bündnisses) und der Ortsvorsteher Hartmut Bohrer. Er unterstrich die große Bedrohung der geplanten Kommandozentrale für die gesamte Region.

Wir haben deutlich gemacht, dass es Widerstand in der Region gibt. Die Blockade war ein erster Anfang, die Bedrohung durch die geplanten Waffen zu skandalisieren; daran kann in Zukunft angeknüpft werden. Das Echo in der regionalen Presse war bemerkenswert groß und durchaus wohlwollend, unsere Pressemitteilung wurde unkommentiert, wenn auch in Kurzform, wiedergegeben.

Gerd Büntzly ist Friedensaktivist und engagiert sich besonders gegen die Atomwaffen in Büchel in der Eifel. Er wurde unterstützt von Hedi, Sibylle und Ekkehard.

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Gerd Büntzly ist Friedensaktivist aus Herford.