Protest gegen Test... wächst auch das Rettende?

von Mani Stenner
Initiativen
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Selten ist eine Rüstungsentscheidung auf so einmütigen weltweiten Widerspruch gestoßen wie die Absicht von Präsident Chirac zur Durch­führung einer neuen Atombombentestserie auf dem Mururoa-Atoll. Ab September 1995 sind 8 unterirdische Explosionen geplant, eine pro Mo­nat. Die Tests haben direkte Auswirkungen auf die Gesundheit der pazi­fischen Inselbewohner und ihre Umwelt. Bereits 1992 befanden sich auf dem Grund der Lagune ca. 20 kg Plutonium und eine hohe Konzentra­tion Plutonium wurde im Plankton festgestellt. Rodionukleide strömen in die Umwelt, Spaltprodukte sickern in die Biosphäre und gelöstes Plu­tonium gelangt aus der Lagune ins Meer und die Nahrungskette. Wenn die Proteste keinen Erfolg haben sollten, können die nächsten Tests nach den Befürchtungen von Wissenschaftlern dem geschundenen Atoll den Rest geben und es würde auseinanderbrechen.

Hatte Greenpeace bei der Ölplattform Brent Spar noch mit längeren Aktionen vorarbeiten müssen, bis der Protest breit aufgenommen wurde, ist der Anachro­nismus der Tests nach Ende des Kalten Krieges, die massive Gefährdung der Region und die Torpedierung der Be­mühungen um ein weltweites Teststop­abkommen überall sofort verstanden worden. Man spürt auch, daß damit die brüchige Übereinkunft zwischen Atom­waffenbesitzern und Nichtbesitzern bei der gerade erfolgten unbefristeten Ver­längerung des Nichtverbreitungsvertra­ges ("Atomwaffensperrvertrag"), der die Beendigung des Rüstungswettlaufes und das Versprechen zur nuklearen Abrü­stung zur Geschäftsgrundlage hat, mas­siv gefährdet wird. Die atomaren Habe­nichtse waren mit der Aussicht auf einen umfassenden Teststop zur Unter­schrift gedrängt worden. Die Tests von China und Frankreich heizen ein neues atomares Wettrüsten an. Es erhebt sich der schlimme Verdacht, daß die Atom­waffenstaaten 50 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki eine neue Generation kleinerer Atomwaffen schaffen wollen, die regionale Atomkriege möglich ma­chen und ihre Vormachtstellung in der Welt sichern sollen.

Material

 

In einer Handreichung hat das Büro des Netzwerk Friedenskooperative Beispiele von Protesten zusammengefasst, die zu eigenen Aktionen oder zur Unterstützung von Protesten er­muntern (gegen 5,- DM Kopierko­sten incl. Porto im Büro erhältlich). Sie soll ständig aktualisiert werden.

Zur Frage der Atomtests allgemein hat das Büro ein Infoset mit Hinter­grundinformationen zusammenge­stellt, das bei für 15,- DM incl. Porto erhältlich ist.

Von Neuseeland bis Skandinavien pro­testieren Menschen mit Mahnwachen, Unterschriftensammlungen oder dem Boykott französischer Waren und alle Leitartikler sind sich einig. Im Europa­parlament wurde Chirac ausgebuht wie noch nie jemand vor ihm. Ganze Flot­tillen von Schiffen wollen mit Green­peace vor Ort durch Eindringen in die 12 Meilen Zone die Tests verhindern.

Auch in Frankreich selbst, wo die die force de frappe nationaler Konsens und Widerspruch gegen Atomkraftwerke abweichendes Verhalten sind, regt sich Protest. Noch nie ist ein neugewählter Staatspräsident in der Popularitätskurve derart rasch gesunken. Mehr als die Hälfte aller Franzosen sind mit der Ent­scheidung ihres Präsidenten nicht ein­verstanden.

Gruppen der französischen Friedensbe­wegung planen weitere Protestaktionen, so am 6. August in Paris und weiteren Städten. Am 30. September soll eine internationale Demonstration in Paris organisiert werden. Kontakt: Appel des Cent, 17-19, Place de l`Argonne, 4e étage, 75019 Paris, Tel. 0033/1/42092378, Fax: 0033/1/42092350. Ein Minibus "NON aux essais" von "Les Verts" fährt vom 17. Juli bis zum 28 August durch alle französischen Regionen, um für den Protest zu werben. Eine Koalition aus französischen Organisationen hat auch einen gemeinsamen "Appel internatio­nal" für einen sofortigen allgemeinen Teststop initiiert.

Die weltweiten Proteste nähren sich von der Hoffnung, daß die öffentliche Mei­nung in Frankreich und der politische Druck vieler Staaten auf die französi­sche Regierung zu einer Revision der Entscheidung führt. Die Atomtestgegne­rInnen in Polynesien, Neuseeland und Australien hoffen dabei, daß wachsen­der Protest gerade bei den Bündnispart­nern Deutschland und USA noch etwas bewirken könne.

Die vielen vorhandenen Städtepartner­schaften, deutsch-französische Freund­schaftsorganisationen und persönliche Bekanntschaften können sicher positiv genutzt werden. U.a. die IPPNW schlägt vor, unter dem Motto "Zeigt Eure Freundschaft, Freunde!" gemeinsame Aufrufe von deutsch-französischen Bür­germeisterInnen gegen die Tests zu ini­tiieren. Das Aktionsbündnis des Neuen Forums "Wir bomben auch" hat zum französischen Nationalfeiertag symbo­lisch ein Atomtestzentrum um das fran­zösische Institut in Berlin abgesperrt. Viele Mahnwachen haben bereits an französischen Einrichtungen in der Bundesrepublik stattgefunden. Bei einer Demonstration in Trier z.B., bei der "den Franzosen der Marsch geblasen" wurde, nahmen 600 Menschen teil. Ver­schiedene Meinungen gibt es zur Frage des Boykotts französischer Produkte. So haben z.B. der BUND, die DFG-VK, die IPPNW und auch das International peace bureau zum Boykott aller franzö­sischen Produkte aufgerufen ("Keinen Appetit auf französischen Käse und Wein"). In verschiedenen Orten haben Gaststätten Cognac, Bordeau und Champagner von den Karten gestrichen. Greenpeace spricht sich dagegen aus, unterschiedslos alle französischen Produ­zenten zu boykottieren. Auch andere be­fürchten ein Abgleiten in nationalisti­sche Töne. Die IPPNW hat alle großen französischen Lebensmittelexporteure aufgefordert, sich den Protesten anzu­schließen. Durch ein Etikett gegen Atomtests auf den Produkten würde es für Kunden leicht erkennbar, daß diese Produkte ohne Bedenken gekauft wer­den können. Einig sind die meisten beim Boykott von französischen Autos und der Air France und Produkten von Staatsbetrieben. Zahlreiche Initiativen sammeln Unterschriften gegen die Tests, die dem französischen Staatsprä­sidenten zum 1. September übergeben werden sollen und fordern zu eigenen individuellen Protestbriefen auf. Die internationale E-Mail-Gemeinde richtet ihren Protest direkt an die Internet-Adresse von Jacques Chirac.

Dabei geht es 50 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki auch darum, alle Regie­rungen zum Abschluß eines umfassen­den Teststopabkommens zu drängen.

Wir finden auch gerade lokale Aktionen wichtig und wollen mit einer ständig aktualisierten Informationssammlung von Aktionen und Terminen zu ihrer Vernetzung und gegenseitigen Stärkung beitragen. Bitte sendet uns ständig In­fos zu Euren eigenen Aktionen, Flug­blätter, Kopien von Protestbriefen oder Unterschriftenlisten!

50 Jahre danach

Der Protest gegen die Atomtests spielt auch bei den weltweiten Ge­denkfeiern und Aktio­nen zum 50. Jahrestag der ersten Atombomben­abwürfe auf Hiroshima und Na­gasaki am 6. und 9. August 1945 eine große Rolle. In der US-ameri­kanischen Statistik werden die Ab­würfe, an deren Fol­gen bisher über 300.000 Menschen starben, zy­nisch als Tests Nr. 2 und 3 geführt.

In Japan wird das Gedenken an die Opfer immer auch mit dem Appell zur vollständigen nuklearen Abrü­stung verbunden. Dies wird von zahlreichen Aktionen, die zum 6. August in der BRD stattfinden, aufge­griffen. Neben Mahnwachen und Kundge­bungen in Städten will die Initiative EUCOMunity wieder mit einer ge­waltfreien Aktion Zivi­len Ungehor­sams in das US-Hauptquar­tier der US-Streitkräfte für Europa eindrin­gen.

Mittlerweile haben sich über 400 Städte dem von Hiroshima und Na­gasaki initiierten "Programm zur Förderung der Städte mit dem Ziel der vollständigen Abschaffung von Atomwaffen" angeschlossen, 102 davon in der Bundesrepublik, u.a. Nottuln bei Münster. Deren rührige Friedensinitiative erwartet am 5. August zwei offizielle Vertreter der Stadt Hiroshima zu Gast, die auch an den Gedenkfeiern in Hiroshimas Partnerstadt Hannover teilnehmen. In Hannover findet die Veran­stal­tungsreihe "Erinnern für die Zu­kunft" von Au­gust bis Oktober statt.

 

Abschalten - Abrüsten!

Die Kampagne "Atomwaffen abschaf­fen!" will ihre gemeinsame Arbeit auch nach dem Abschluß der New Yorker Konferenz, bei der der Nichtverbrei­tungsvertrag unverändert und unbefristet verlängert wurde, fortsetzen und erwei­tern. Es sollen Initiativen für die Auf­nahme von Verhandlungen über die geforderte Konvention zur Abschaffung aller Atomwaffen ergriffen wer­den. Hoffnungen richten sich auf die beim Internationa­len Gerichtshof anhängige Frage der Weltgesundheits­organisation und der Vereinten Natio­nen, ob der Ein­satz von Atomwaffen und dessen An­drohung völkerrechtswid­rig ist.

Für die Bundesrepublik geht es der Kampagne ("bei uns anfangen!") vor­rangig um den Verzicht auf jede nu­kleare Teilhabe, also auch bzgl. einer künftigen EU-Streitmacht, und den Aus­stieg aus der Plutoniumwirtschaft (Hanau) und der Verwendung von hochangereichertem Uran (Forschungsreaktor Garching).

Zum Hiroshima-Tag hat die Kampagne eine Großanzeige in der ZEIT geschal­tet, in der die Forderungen zusammengefasst und begründet werden. Stärker noch als bisher will die Kampagne deutlich machen, daß die zivile und mi­litärische Nutzung der Atomenergie nicht voneinander zu trennen sind und die Gefahren ineinandergreifen. Die Naturwissenschaftlerinitiative plant dazu einen Kongreß "zivil/militärische Atomenergie". Es muß uns gemeinsam mit den Gruppen der Anti-AKW- und Umweltbewegung um "Abschalten - Abrüsten!" gehen.

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