Zwölf Lehrer helfen gegen den heimlichen Tod

von Hubertus Köbke
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"Und dies ist eine sogenannte Splittermine. Wenn sie explodiert, sterben alle Menschen im Umkreis von 20 Metern" erklärt die zierliche Lendita Ahmetaj (23 Jahre) den aufmerksamen Schülern in der Grundschule von Dragasch im Kosovo. Es ist Sommer, der enge Klassenraum ist gefüllt mit rund fünfundreißig Schülern aus der Klasse 5 C, die gebannt auf das Lehrerpult blicken. Hier hat das dreiköpfige CARITAS Mine Awareness Team die im Kosovokrieg eingesetzten Minen und Munitionsteile aufgebaut. Selbst wenn es nur Modelle sind, so lassen doch die Erklärungen keinen Zweifel: Die heimlich verlegten Minen bringen Tod und Verstümmelung.

Statistik des Grauens
Seit Kriegsende vor einem Jahr starben offiziell 102 Menschen, über drei- bis vierhundert wurden verletzt. Mindestens einhundert Verletzte brauchen mindestens eine Bein- oder Armprothese. Im Kosovo liegen nach offiziellen Angaben rund eine Million Minen oder vielleicht 35.000 nicht explodierte amerikanische sogenannte Clusterbomben. Dazu kommen ungezählte liegengelassene Fundmunition, die weggeworfen wurde. Schon im letzten Jahr erkannte der bei CARITAS beschäftigte Sozialexperte Prof. Dr. Eiliger, dass die aus den Flüchtlingslagern in Makedonien und Albanien zurückkehrenden Flüchtlinge eine Sensibilisierung für die Minengefahr brauchen. Unbürokratisch wurde vom damaligen DCV-Missionsleiter in Skopje Jörg Kaiser ein Projekt initiiert, dass es in dieser Art noch nie gegeben hatte.

Seit einem Jahr arbeiten der deutsche CARITAS-Projektleiter Hubertus Köbke und elf albanische Kollegen zuerst in den makedonischen Lagern und dann im südkosovarischen Raum um Prizren daran, so viele Menschen wie möglich und so gründlich auf die Gefahren hinzuweisen. "Wir arbeiten in mindestens drei verschiedenen Gruppen in den Regionen von Prizren, Dragasch, Suha Reka und Orahovac. So können wir einen großen Teil des Gebietes abdecken. Wir arbeiten nicht nur in Schulen, sondern auch in Gemeindezentren, Märkten, Kirchen, Moscheen und anderswo." Die einheinmischen CARITAS-Mitarbeiter sind meistens Lehrer oder Studenten.
Spätestens nachdem im letzten Sommer fünf deutsche KFOR~So1daten durch zwei Minen schwer verletzt wurden, weiß jeder des CARITAS-Teams um die Gefährlichkeit dieser tückischen Waffe. Die Motivation ist hoch, denn jedes Minenopfer ist zuviel und der Anblick der Opfer ist entsetzlich. Nicht nur derjenige, der die Mine berührt, ist betroffen. Oft genug treten Schäfer und Hirten auf die tödliche Hinterlassenschaft des Krieges. Sie sind meist die einzigen Ernährer der Familie. Eine Prothesenwerkstatt im Kosovo wird es vor einem Jahr nicht geben und es gibt kaum eine geregelte Versorgung der mittellosen Familien. So treffen einem Jahr nach dem Krieg die Minen nur Unschuldige.

Statistik der Hoffnung
Um so hoffnungsvoller ist der Erfolg: Rund 42.000 Menschen wurden in einem Jahr direkt von CARITAS Deutschland ausgebildet. Das Team hat außerdem in mühevoller Kleinarbeit einen Lehrsaal mit Minen, Munitionsteilen, Patronenhülsen und Munitionsverpackungen aller am Krieg beteiligten Parteien hergerichtet. "Unsere Botschaft ist ganz eindeutig: Was man nicht kennt, fasst man nicht an. Verdächtige Gegenstände müssen an die Polizei oder KFOR gemeldet werden", teilt H. Köbke mit. Der Andrang im Lehrsaal ist enorm. "Die Einheimischen erkennen leichter eine Mine oder eine Bombe anhand eines Modells als auf einem Poster. Wir haben viele Hinweise". Wie oft spielt der Zufall eine Rolle. "Auf meiner Dienstfahrt nach Prishtina wurde ich von Kindern angehalten, die ´Mina` riefen. Als ich den Gegenstand prüfte, war er kaum zu erkennen, da die Witterung den Fallschirm der amerikanischen Clusterbombe bereits grünlich verfärbt hatte und der Metallkörper tief im Erdreich steckte. Diese Waffe ist so empfindlich, dass eine Erschütterung des Erdreichs durch einen herankommenden Fußgänger bereits eine Explosion auslösen kann. Glücklicherweise haben die Kinder richtig gehandelt, und die Bombe konnte schnell von Sprengstoffexperten beseitigt werden." Experten haben vorausgesagt, dass die Minengefahr im Kosovo erst in drei Jahren größtenteils beseitigt ist. Immerhin ist somit die Situation weniger gefährlich als in anderen Kriegsregionen in Afghanistan, Kambodscha oder in Angola.

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Hubertus Köbke ist Leiter des Caritas-Mine Awarness Center in Prizren.