Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion. Ist das nötig?

von Ulrich Frey

Im deutschen Namen töteten und mordeten Deutsche über 20 Millionen Menschen während des 2. Weltkrieges. 1.710 Städte und Siedlungen wurden ganz oder teilweise zerstört, über 70.000 Dörfer und Weiler, 31.850 Industriebetriebe, 40.000 Krankenhäuser, 84.000 Schulen, Lehranstalten und Forschungsinstitute, 43.000 öffentliche Bibliotheken usw. Die Deutschen haben keinen Krieg geführt, sondern einen Vernichtungskrieg. Schon 1924/25 brachte Hitler in "Mein Kampf" seine Eroberungsabsichten im Osten in die Öffentlichkeit. In der Sowjetunion konkretisierte sich für Hitler die extremste Form jüdischer Weltherrschaft, Kampf gegen die Juden und die Bolschewisten war deshalb dasselbe. Antikommunismus und Antisemitismus gingen zusammen. Am 30.3.1941, drei Monate vor dem Überfall auf die Sowjetunion, rief Hitler vor ca. 250 Generälen der Reichswehr zum "Vernichtungskampf“ auf. Kein General widersprach. Generalfeldmarschall von Reichenau, Oberbefehlshaber der 6. Armee, befahl seinen Truppen am 10.10.1941 für das Verhalten im "Ostraum":

"... Das wesentliche Ziel des Feldzuges gegen das jüdisch-bolschewistische System ist die völlige Zerschlagung der Machtmittel und die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis. Hierdurch entstehen auch für die Truppe Aufgaben, die über das hergebrachte einseitige Soldatentum hinausgehen. Der Soldat ist im Ostraum nicht nur ein Kämpfer nach den Regeln der Kriegskunst, sondern auch Träger einer unerbittlichen völkischen Idee und der Rächer für alle Bestialitäten, die deutschem und artverwandtem Volkstum zugefügt wurden .

Fern von allen politischen Erwägungen der Zukunft hat der Soldat zweierlei zu erfüllen:

  1. die völlige Vernichtung der bolschewistischen Irrlehre, des Sowjetstaates und seiner Wehrmacht,
  2. die erbarmungslose Ausrottung artfremder Heimtücke und Grausamkeit und damit die Sicherung des Lebens der deutschen Wehrmacht in Rußland.

Nur so werden wir unserer geschichtlichen Aufgabe gerecht, das deutsche Volk von der asiatisch-jüdischen Gefahr ein für allemal zu befreien…"

Mühsam ist nach dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus (8. Mai. 1945) der Verständigungs- und Versöhnungsprozeß der Deutschen mit den Völkern in Gang gekommen, die unter den Deutschen gelitten hatten. Der Verständigungsprozeß mit den Völkern der Sowjetunion beginnt gerade. Wir sollten uns nicht täuschen lassen. Diplomatische Beziehungen, Wirtschaftsabkommen und der Ausbau der politischen Kooperation zwischen der Bundesrepublik und der Sowjetunion reichen nicht aus, ein "normales" Leben zwischen den Völkern zu begründen. Von einer Versöhnung können wir deutscherseits noch nicht reden. Die Menschen in der Sowjetunion unterscheiden zwar zwischen Deutschen und Nazis. Das befreit uns aber nicht von der Notwendigkeit, mit der eigenen Geschichte ins Reine zu kommen. Wir müssen uns fragen: Wie ist es dazu gekommen? Was ist davon heute noch lebendig? Was können wir tun, um in Zukunft Unfrieden zu verhindern?

Werner Krusche, früherer evangelischer Bischof von Magdeburg, hat 1984 von den Kirchen gesagt, was für das ganze deutsche Volk gilt: „Die Ausblendung der besonderen Schuld gegenüber dem zur Vernichtung bestimmt gewesenen Sowjetvolk ist der verhängnisvollste und folgenschwerste Vorgang in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Eine Kirche, die diese Schuld nicht sehen konnte und nicht sehen wollte, hatte einer antikommunistischen ideologisierten Politik mit ihren Folgewirkungen nichts entgegenzusetzen."

Was können wir lernen? Wer es noch nicht selbst erlebt hat, sollte z.B. in Straßenumfragen Meinungen zur Sowjetunion erheben. Dabei wird sehr viel Angst vor den Russen, Unsicherheit bei der Beurteilung der eigenen Geschichte und sicher viel Antikommunismus zu Tage kommen. Nun hat es wenig Sinn, nur auf die Erscheinungsformen des Antikommunismus zu schimpfen. Wenn wir einen Beitrag zu seiner Überwindung leisten wollen, müssen wir wissen, woher er kommt und wie er sich halten konnte.

Der Antikommunismus ist schon seit dem letzten Jahrhundert Teil einer breiten politischen Grundströmung der deutschen Gesellschaft. Sonst hätte Karl Marx 1848 nicht von einem kommunistischen "Gespenst" schreiben können. Die Kirchen fanden im 19. Jahrhundert kein Verhältnis zur Klasse der Arbeiter und damit nicht zu deren Problemen. Verstärkt wurde der Antikommunismus durch den Eindruck, den die russische Revolution 1917 in Westeuropa machte: Grausamkeit und Propaganda gegen die Religion. Nach 1945 wurde der Antikommunismus bei uns bestärkt durch den Eindruck, den Verbrechen an deutschen Zivilisten bei Flucht und Vertreibung machten. Die Strapazen und Entbehrungen deutscher Soldaten in sowjetischen Kriegsgefangenenlagern wirkten nach. (Heute entdecken wir in unseren Städten und Dörfern, wo sowjetische Kriegsgefangene als Zwangsarbeiter vegetierten und starben, an welchen Friedhofsrändern sie ohne Kreuz verscharrt sind).

Der Kalte Krieg seit 1947, die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik und die Notwendigkeit, die ständige Rüstung auch öffentlich rechtfertigen zu müssen, ließen keine. Luft, das alte Übel zugunsten einer gemeinsamen Zukunft und des Oberlebens aller Menschen durch eine offene und faire Auseinandersetzung zu bannen. Noch 1985 schrieb der Kommentator der Badischen Neuesten Nachrichten kurz, aber durchaus repräsentativ: "Antikommunismus stellt sich auch und gerade nach 1945 als eine demokratische Pflicht dar." Es überraschte auch nicht, daß Bundeskanzler Kohl kurze Zeit später den Generalsekretär Gorbatschow mit Göbbels verglich. Sein Vergleich beruht auf der These, Kommunismus und Nationalsozialismus seien in gleicher Weise als totalitäre Regime zu verstehen. Das ist historisch falsch und politisch der Tod einer substantiellen Politik des Ausgleichs und der gemeinsamen Sicherheit nach Osten. Daß so ein Vergleich möglich ist, zeigt, wie wenig der Nationalsozialismus bei uns aufgearbeitet ist. Schon die Veranstaltung mit Präsident Reagan an den Gräbern von Bitburg hatte das deutlich gemacht. So entfaltet sich das Thema "Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion" als ein Lehrstück an die Adresse der Deutschen selbst, als ein Veto gegen die Rederei vom "Schlußstrich ziehen!"

In welche Richtung müssen wir umdenken?

  1. Die historischen Fakten des Vernichtungskrieges 1941 - 1945 in Osteuropa sollten wir uns vor Augen stellen
  2. Wir sollten uns fragen, wie wir als Deutsche unsere Schuld und Mitschuld an den Verbrechen vor dem eigenen Bilde von Menschlichkeit bewältigen können. Die Schuld anderer ist - wie schon in früheren großen Debatten um die Versöhnung mit Polen - dabei unerheblich. Es geht um uns und unsere Vergangenheit. Auch Verdrängung hilft nicht.
  3. Wir sollten lernen, in welchen Formen und Verkleidungen Antikommunismus heute daher kommt. Welche Feindbilder hegen wir in den Tiefen unserer Herzen? Wie "entfeinden" wir uns?
  4. Wir können lernen, daß die Menschenrechte nicht als Instrument in der Auseinandersetzung mit dem Marxismus-Leninismus und dem real existierenden Sozialismus mißbraucht werden dürfen. Wir sollten die. Menschenrechte als Provokation begreifen, jegliches Leben in Ost und West gemeinsam zu schützen.
  5. Wir sollten lernen, uns mit dem anderen politischen und gesellschaftlichen System in der Sowjetunion auseinanderzusetzen und mit seiner Veränderung. Dabei lernen wir nebenbei, welchen Wandlungen unser gesellschaftliches System hier unterworfen ist.
  6. Wir sollten uns angewöhnen, die Sowjetunion zu dem großen Europa zu zählen und dieses Land in unsere Überlegungen für eine politische Friedensordnung für Gesamt-Europa einzubeziehen, das die Blockgrenzen überwindet.

Die Friedensbewegung und die ihr nahestehenden Gruppen können durch den Aufbau von Kontakten und Partnerschaften mit Menschen aus der Sowjetunion viel zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Der Koordinationsausschuß der Friedensbewegung hat eine Delegation des Sowjetischen Friedenskomitees eingeladen, im Frühjahr 1988 zu uns zu kommen. Wir wollen den Besuch von Aktiven aus der Sowjetunion bei Gruppen hier vorbereiten. Auch dafür bitten wir um Spenden. Zu bezahlen sind die Kosten für Unterkunft, Reise, Organisation usw. Eine Material- und Referentenliste zum Thema "Versöhnung mit den Völkern der Sowjetunion gibt es bei der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden, Blücherstr. 14, 5300 Bonn 1, für DM 1,50 zuzüglich Porto.

 

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Ulrich Frey ist Mitglied im SprecherInnenrat der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung.