Friedensdekade: "Das lag so in der Luft"

von Bettina Röder

Vom Aufbruch der Basis
"Du hast ein russisches Denkmal und ein biblisches Symbol. Da kann ja eigentlich nicht viel schief gehen", hämmerte es im Kopf von Harald Bretschneider. Der damalige sächsische Landesjugendpfarrer saß hinter dem Steuer seines grauen "Wartburg". Im Anhänger hatte er an diesem windigen Herbsttag im Jahr 1980 eine Last, die einerseits schwer auf seiner Seele lag, ihn andererseits innerlich jubeln ließ. Es ging immerhin um 120.000 Lesezeichen auf riesigen Rollen Stoff, die dem wachsamen Auge des DDR-Zensors entgangen waren. Denn sie waren auf Fließstoff gedruckt. Jenem Material, das keine "Druckgenehmigung" brauchte, weil mit ihm normalerweise im idyllisch gelegenen Herrnhut in der Oberlausitz Weihnachts- und Osterdecken veredelt wurden.

Von dort, aus der traditionsreichen Druckerei Abraham Dürninger, kam Bretschneider gerade. Doch "seine" Rollen waren mitnichten mit Ostereiern oder Tannenzweigen bedruckt. Sondern mit einem Motiv, das Zündstoff für ein ganzes Jahrzehnt liefern sollte: dem Zeichen "Schwerter zu Pflugscharen".

Eine Dresdner Grafikerin hatte auf sein Bitten und nach Absprache mit allen DDR-Landesjugendpfarrern das Motiv jenem Denkmal nachempfunden, das Moskau den Vereinten Nationen geschenkt hatte. Und das sich sowohl in New York als auch in Moskau befand. Letzteres war wichtig, weil es dem militarisierten DDR-Staat den Wind aus den Segeln nehmen musste. "Der Atheist Chruschtschow hatte es den Vereinten Nationen geschenkt", sagt Fritz Dorgerloh, der damals als Jugendreferent im DDR-Kirchenbund saß und die Aktion der Landesjugendpfarrer tatkräftig unterstützte. Wenn er sich erinnert, klingt das noch heute ein wenig schlitzohrig. Und dass dieses Denkmal ziemlich martialisch aussah, der Schwertermann einem sozialistischen Arbeiterhelden glich, hatten die, die das Lesezeichen dann in den Händen hielten, bald vergessen. Denn die erste Friedensdekade, zehn Friedenstage in den Kirchen im November 1980, hatte schnell die Herzen und Köpfe der Menschen ergriffen. In mehr als tausend Veranstaltungen wurde darüber diskutiert, wie man Gewaltlosigkeit der staatlichen Militarisierung entgegensetzen könnte. Aber auch, wie die weltweite Aufrüstung zu stoppen sei. Das Motto: "Frieden schaffen ohne Waffen." Es wurde gesungen und gebetet, die Menschen lasen wieder und wieder die Bergpredigt, die ihnen sicheren Grund gab. Beendet wurde die Friedensdekade am Bußtag. Denn schließlich ging es auch um Umkehr.

Die Landesjugendpfarrer hatten beschlossen, kurz nach zwölf bei einer Friedensminute alle Glocken im Land läuten zu lassen. Doch mittwochs heulten in der ganzen DDR punkt zwölf die Sirenen der Betriebe. Glockenläuten unmittelbar danach? Der Staat stand Kopf und das Läuten wurde auf 13 Uhr verlegt. Doch die Friedensdekade war nicht mehr wegzudenken. Und ihr Zeichen "Schwerter zu Pflugscharen" wurde nicht nur zu einem Programm, sondern zu so etwas wie einem Glaubensbekenntnis.

Für das allerdings junge Menschen bald Repressalien in Kauf nehmen mussten. Schülerinnen und Schüler hatten das Lesezeichen mit dem Schwertermann kurzerhand ausgeschnitten und auf ihre Jacken und Parkas genäht. Für Bretschneider und seine Mitstreiter ein Grund mehr, zur nächsten Friedensdekade 1981 wiederum in Herrnhut Aufnäher herstellen zu lassen. Das stieß in der DDR, die die militärische Erziehung auf ihre Fahnen geschrieben hatte, auf keine Gegenliebe. Zunächst wurden die Jugendlichen aufgefordert, den Aufnäher zu entfernen. Dann griff man zu rüderen Methoden: Er wurde aus den Jacken geschnitten. Es kam zu Schulverweisen, Studenten wurden relegiert.

"Die Friedensdekade, das war das östliche Modell", sagt Volkmar Deile. "Bei uns gab es die Friedenswochen." Als Vorsitzender der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste hatte er sie im Westen ins Leben gerufen. Gemeinsam mit der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden. Dass das unabgesprochen mit der östlichen Seite auch im Jahr 1980 war, "lag in der Luft". Die Anregung für beide kam aus den Niederlanden vom "Interkirchlichen Friedensrat". Und schon ein Jahr später, 1981, wurde die Friedensdekade gemeinsam von der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Kirchenbund in der DDR ausgerufen. Doch die West-Friedensbewegung blieb gespalten. In die einen, die die DDR-FDJ empfingen, die die weiße Friedenstaube als Symbol vereinnahmt hatte. Und die anderen, die die unabhängige Friedensbewegung unterstützten. Sie erreichten sogar, dass der Erfurter Propst Heino Falcke, geistiger Motor der kirchlichen Friedensbewegung in der DDR, in Bonn vor den Demonstranten sprach.

Das war 1983. Was keiner für möglich gehalten hätte: Elf Jahre später, 1994, gab es die erste gesamtdeutsche Friedensdekade.

Quelle: Publik-Forum Dossier "25. FriedensDekade"

Ökumenische Friedensdekade 2004:

Alle Termine unter
http://www.friedensdekade.de/dekaterm.htm

Der Veranstaltungskalender wird aus der Datenbank des Netzwerk Friedenskooperative gespeist und ständig aktualisiert.

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Bettina Röder ist Redakteurin der Zeitschrift "Publik-Forum".